ESB - ESB

ESB- ESB

Bureau B / Indigo
VÖ: 16.10.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Staubermänner

Die Herren Lionel Laquerrière, Yann Tiersen und Thomas Poli dürften nur absolut eingweihten Zeitgenossen ein Begriff sein. Die französischen Tüftler fanden bereits Anfang der 2010er-Jahre zusammen, doch sollte es bis 2014 dauern, ehe sie ihr gemeinsames Debüt einspielten. Ursprünglich unter dem sperrigen Namen "Elektronische Staubband" agierend, gaben sie sich den weitaus griffigeren Namen ESB. Doch Staub wirbelt "ESB" allemal auf: So homogen und stilvoll hat schon lange kein Electronica-Album mehr geklungen. Erinnerungen an das instrumentale Schaffen eines Martin L. Gore werden wach, wenn im Opener "Market" analoge Synthesizer sich in schweren Moll-Akkorden ergehen. Nur wenige melodische Akzente schweben am Ohr vorbei, bedrückend ist die Stimmung, die diese Musik verbreitet, jedoch nicht deprimierend. Wohlgeformte Dissonanzen verleihen dem Track eine ungemeine Sogwirkung.

Der Perfektionismus, den die drei Protagonisten hier an den Tag legen, ist tonangebend für das gesamte Album. Trotz aller düsteren Klangmalerei durchzieht die instrumentalen Stücke jedoch eine gewisse Wärme, die primär dem gekonnten Einsatz altertümlicher Tonerzeuger geschuldet ist. Doch auch in melodischer Hinsicht darf die Sonne gelegentlich durchs Studiofenster lugen. "Spoon" kreist etwa um eine hübsche kleine Keyboardmelodie, die ganz behutsam mit voluminösen Flächensounds unterfüttert wird. Während die meisten Kompositionen eher zugänglicher Natur sind, geht "X2" in Sachen Spinnerei in die Vollen. Das fast elfminütige Ungetüm beginnt mit wabernden Pads, bevor sich fein resonierende Tastentöne in den Vordergrund schleichen. Beinahe zärtlich arrangiert das Trio die Sequenzen, die dem Prinzip der allmählichen Mutation folgen und fast unmerklich variiert werden.

Dass Laquerrière, Tiersen und Poli mit einem Bein im Plattenschrank der Altvorderenzeit stehen, wird vor allem in dem brütenden "The flashlight" offenbar. Zu pluckernden Drums im Stile Kraftwerks entlocken die Musiker ihren Gerätschaften mäandernde Arpeggios, die stark an die klassischen Werke eines Jean Michel Jarre erinnern. Ähnlich wie beim Großmeister der Keyboardpolyphonie überlagern sich hier die einzelnen Instrumente so, dass ein regelrechtes Dickicht entsteht, herrlich schräge Pitch-Shift-Spielereien inklusive. In puncto Schieflage muss auch "Jellyfish" erwähnt werden: Wie hier ein an sich primitives Motiv sukzessive in alle Einzelteile zerlegt und anschließend in den Hades befördert wird, lässt staunen.

Das letzte Viertel von "ESB" verliert sich dann endgültig im Fieber. Prägnante Strukturen hinter sich lassend begeben sich die Kollaborateure auf die Mission, ihr Equipment an die Grenzen des Machbaren zu bringen. Besonders "Late" ist ein ins Obsessive abdriftendes Beschwörungsritual. Bezaubernd schauderhaft klingt das. Dem Hörer wird hierbei durchaus viel abverlangt, denn eine Melodie zum Festhalten sucht man vergebens. Sich der Disharmonie hinzugeben, wird jedoch reich belohnt. Wenn der Staub sich gesetzt hat, sind zwar die Synthies schmutzig, aber das Ohr zufrieden. Wischen kann man ja immer noch. Nicht nur auf dem Handy, sondern ganz analog mit einem Lappen.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Spoon
  • X2
  • Late

Tracklist

  1. Market
  2. Spoon
  3. The flashlight
  4. X2
  5. Jellyfish
  6. Late
  7. Kim

Gesamtspielzeit: 42:41 min.

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