Lushes - Service industry

Lushes- Service industry

Felte / Cargo
VÖ: 16.10.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Manifest der neuen Arbeiterbewegung

Man wundert sich ja immer wieder darüber, wie sich manche Menschen beispielsweise gegenüber Kellnern und Busfahrerinnen verhalten, so gebieterisch und herrisch. Als ob der zahlende Eine dem dienstleistenden Anderen in delegierender Überlegenheit das Menschsein aberkennt. Diesen selbsternannten Königen der modernen Alltäglichkeit sagen Lushes aus Brooklyn einen unerbittlichen Kampf an. Mit dem knorrigen Sound seines zweiten Albums "Service industry" möchte das Duo beinahe schon eine neue Arbeiterbewegung befeuern, die sich nur eben nicht primär gegen Industrie und Kapital auflehnt, sondern gegen das Menschenbild in Kundschaftsbeziehungen.

Den Grundstein für dieses Manifest legt das übellaunige "Low hanging fruit" mit einer wechselhaft schrägen und bedrohlich stumpfen Gitarre. James Ardery spielt diese und singt dazu in einer Lethargie, die sarkastischer nicht sein könnte. "Ihr Menschen, ihr ermattet mich", so lautet seine Botschaft. Er ist der Punk-Geschulte, der den Lushes-Sound zwischen Nirvana und Fugazi aufspannt. Drummer Joel Myers wirkt vom Wesen eher introvertiert und und spielt entsprechend reserviert. Die einfachen, flinken Lo-Fi-Gitarren in "Bleach" erinnern dann eher an Sonic Youth, deren langjähriger Tontechniker Aaron Mullan auf "Service industry" mitgeholfen hat. Und den Noise von Lushes so unbändig macht. Er ist mit wild aufspielendem Saxophon der Soundtrack zur Auflehnung im wirren Crescendo von "Circus" oder wirkt noch diffuser durch verstimmte Gitarren im unheimlichen "You only have". In diesem singt Ardery, wie Jack Nicholson in "Shining" gesprochen hat, in einer beschwörenden Verderblichkeit: "We all want to wake up, Joel / But what you need to know, Joel / Is that you only have what I want you to have, Joel." Aber dann wüten manische Gitarren dazwischen und Lushes gönnen einem gar nichts.

Weit gemächlicher ist das akustische Jammern von "Run your eyes". Und auch "Shed weight" beginnt ruhig, möchte die apathische Reise hin zu den echten Dingen des Lebens und deren Essenzen einleiten. Doch die Unterwürfigkeit ist passé und hoffnungsvolle Tagträumereien sind nichts für Lushes. Daher schlagen sie in den letzten eineinhalb Minuten des finalen Stücks eine andere Marschroute ein: wieder dorthin, wo es roh ist und weh tut. Zurück ins Extrem, das auch die Entstehungsgeschichte des Albums umschreibt, denn Produktionsgelder, Zeit oder irgendeine Absicherung gab es für "Service industry" genauso wenig, wie es einen Grund gibt, sich wie der letzte Dreck behandeln zu lassen. Egal, was man tut.

(Maximilian Ginter)

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Highlights

  • Bleach
  • Rub your eyes
  • Shed weight

Tracklist

  1. Low hanging fruit
  2. Bleach
  3. Auction
  4. Rub your eyes
  5. You only have
  6. Check
  7. Circus
  8. Hyperaware
  9. Grey tiles
  10. Shed weight

Gesamtspielzeit: 42:50 min.

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