Anna von Hausswolff - The miraculous

Anna von Hausswolff- The miraculous

City Slang / Rough Trade
VÖ: 13.11.2015

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schöner Rücken

Die respektvolle Annäherung von Kollege Baschek an den tatsächlich majestätisch-würdevollen Vorgänger "Ceremony" bietet kaum Veranlassung zur Kritik. Denn "natürlich ist "Mountains crave" der Song des Jahres" 2012. Aber so wenig sich auch getan hat im Klangkosmos von Anna von Hausswolff und trotz massiver Orgel-Überlagerungen und sakral anmutender Stimmung: Dass die Schwedin die Säkularisierung rückgängig gemacht habe, davon kann auf "The miraculous" keine Rede (mehr) sein. Weder textlich noch musikalisch. Denn mit den schlichten Orgeldepressionen, mit denen mutmaßlich auch die aktuelle Synode beschallt worden ist, um dem Memento "Ihr seid schuldig. Alle!" Nachdruck zu verleihen, hat "The miraculous" rein gar nichts zu tun. Verwandt im Ausdruck ist ihr Werk mit Menace Ruine, die vor allem auf "Venus armata" mit dem gleichen Instrumentarium jegliche religiösen Anklänge negieren. Da läuft selbst Gott ins passive Abseits. Auch von Hausswolff hält ihre Orgeldrones weit entfernt von Weihrauch und -wasser, um den christlichen, Wachkoma-induzierenden Exerzitien Statements von introspektiver Spannkraft entgegenzusetzen.

In "Discovery" findet die Orgel zurückgenommen in die Rhythmik des Schlagzeugs hinein. Der Opener harrt sechs Minuten im Instrumentalen aus bis Anna von Hausswolffs bebende Stimme die Szenerie überstrahlt. Noch zwei weitere Stücke kratzen an der Zehn-Minuten-Marke. "Come wander with me / Deliverance" bringt alle Stärken der Platte zusammen und fügt wie selbstverständlich ein schneidiges Gitarrensolo ein. Das Titelstück hingegen mäandert derart narkotisiert ins Nirgendwo, dass die Orgel zur zeitdehnenden Nullfunktion verkommt. "I used to be big / I used to be strong", singt von Hausswolff. Den Anspruch, diesen zehnminütigen Dronescape mit Bedeutsamkeit aufzuladen, spürt man jederzeit. Vor dem Breitangelegten, vor ihrem Hang ins Übergroße kapitulieren jedoch einige Lieder und navigieren die Platte dadurch ins leicht Fragmentarische. Und das ohne Not, wie "Pomperipossa" beweist: Denn die 29-Jährige vermag aus nur einer prägnanten Idee liebevolle, passgenaue Zweiminüter zu kreieren, die erst gar keine Grundlage für Verkomplizierungen erlauben. Auch "An oath" stellt Selbstgenügsamkeit zur Schau, wenn die federleicht galoppierenden Drums über winzige Orgel-Akkorde springen. Die auf Denovali veröffentlichten Aufnahmen "The little match girl" färben hier auf ihr Solowerk ab. Mit dem Soundtrack-Tüftler Matti Bye verfolgt sie als Hydras Dream, angeleitet vom Märchen "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern", konsequent das "Eine-Idee-pro-Song"-Projekt.

Aber auf "The miraculous" spricht sie allein vor, hält alle songwriterischen Zügel selbst in der Hand. Und das schlägt sich besonders in den Texten nieder: In den Lyrics regiert das Ich. Wäre da nicht zumindest die gedankliche Gegenwart eines nur indirekt erwähnten Er, bliebe nur ein isolierter Überbau der Marke "Ich-und-sonst-nichts" übrig. "En ensam vandrare" ist genau dasjenige Sinnbild, zu dem das Instrument sie macht. Nun ist die Liebe und alle damit verbundenen Emotionen, die wohl mitunter ins Egoistische streben müssen, zunächst einmal nicht ungewöhnlich im Kosmos von populärer Musik. Dass jedoch nur im ausgerechnet "Stranger" betitelten Stück eine Idee von Gemeinschaft auftritt, sticht permanent ins Auge. Besonders, wenn man den Vorgänger "Ceremony" berücksichtigt, der immer wieder aufs Wir rekurriert, wie in "Liturgy of life" oder "Mountains crave": "It's a hard life for us young ones." Eine Tendenz ins Eigenbrötlerische ist eng verbunden mit der Wahl ihres Instruments: Die kolossale Orgel, an der von Hausswolff zu besonderen Konzertanlässen sitzt, verunmöglicht den Blick in den Zuschauerraum. "Ein schöner Rücken..."

Weiterhin bespielt niemand die musikalische Nische Orgel-Drone ausdrucksstärker als Anna von Hausswolff. Und ihrem Anspruch, einen letzten Strohhalm aus den Totengräbertiefen anzubieten, wird sie weiterhin gerecht. Mit Chelsea Wolfes wagemutiger Fusion aus Bitterkeit und Mystik auf "Abyss" ist man im Jahr 2015 aber in allen Belangen besser beraten, auch wenn die Schwermut auf "The miraculous" in ähnlicher Weise die Sinne verfinstert.

(Henrik Beeke)

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Highlights

  • Pomperipossa
  • Come wander with me / Deliverance

Tracklist

  1. Discovery
  2. The hope only of empty men
  3. Pomperipossa
  4. Come wander with me / Deliverance
  5. En ensam vandrare
  6. An oath
  7. Evocation
  8. The miraculous
  9. Stranger

Gesamtspielzeit: 49:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
retro
2017-04-26 18:29:58 Uhr
ist genau so. in der rezi wird sie zwar mit chelsea wolfe verglichen (die angeblich besser sein soll), aber das ist dann wieder eine ganz andere baustelle, finde ich.

muss mir nun auch endlich mal den vorgänger "ceremony" anhören, habe ich bisher leider versäumt.

Der Untergeher

Postings: 1114

Registriert seit 04.12.2015

2017-04-26 15:24:34 Uhr
Auf den oberflächlichen Sexismus gehe ich jetzt mal nicht ein. Wie man die Musik langweilig finden kann ist mir aber wirklich schleierhaft - mögen muss man sie deshalb freilich nicht. Sie schafft es experimentellen, noisigen Rock mit Drone Pop und Orgel-Minimalismus zu einem eigenständigen, kohärenten Gesamtbild zusammen zu fügen. Fällt mir jetzt niemand ein, der das besser oder interessanter macht. Und sie kann einfach tolle Melodien schreiben, hat eine starke Stimme und ein gutes Gefühl für Sound.
Da Fuck?
2017-04-26 13:02:10 Uhr
"aber ihre Musik ist leider ziemlich langweilig und nicht wirklich gut."

du bist geistig nicht auf der höhe!

Achim

Postings: 6167

Registriert seit 13.06.2013

2017-04-26 12:11:41 Uhr
Ja, sieht wohl heiß aus, die Chica, aber ihre Musik ist leider ziemlich langweilig und nicht wirklich gut.

Sehe ich jeweils komplett umgekehrt!

A.
Skepp Sepp
2017-04-26 11:10:01 Uhr
Ja, sieht wohl heiß aus, die Chica, aber ihre Musik ist leider ziemlich langweilig und nicht wirklich gut.
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