Seinabo Sey - Pretend

Seinabo Sey- Pretend

Universal
VÖ: 23.10.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die Stimme der Moralisten

Gute Kunst sieht oft mühelos aus, wenn sie betrachtet wird. Als wäre alles aus einem nur so herausgebrochen, in vollendeter Form und makellos. Seinabo Sey aber hat die Unruhe in sich genutzt, hat sie festgehalten und Songs darüber geschrieben, wie sie scheitert, Songs zu schreiben. Erst verfasste sie Platzhalter für die Texte, die, so hoffte Sey, schon irgendwann einmal kommen würden. Sie kamen, also debütiert sie nun. "I've been writing songs about not writing songs for a very long time now", sagte die Schwedin dem Time Magazine. Aber Selbstmitleid allein war keine Option.

Ihre Zweifel klingen auf "Pretend" ein wenig nach Soul, nach HipHop, natürlich nach Pop, Gospel, Soul und Noir, nach den Klassikern von Aretha Franklin und Mavis Staples. Und ihre Stimme, die erinnert an die 60er und 70er Jahre und ist die ganze Zeit ungebrochen. Da ist der unkonventionelle, hart angetriebene, muskelbepackte Sound, manchmal ist er aber auch minimal. Vieles kommt unerwartet, "Words" zum Beispiel beginnt mit schnellen Streichern, schnellen Anschlägen am Klavier und Afropop-Drums. Ihr Vater Maudo Sey war ein erfolgreicher Musiker aus Gambia. Die Percussions in "Words" sind der einzige direkte musikalische Verweis drauf. Genre-Grenzen interessieren die Seys nicht, die Band des Vaters, Ifang Bondi, kombinierte schon Pop mit African-Roots-Musik.

Ihr Vater starb 2013, sie schrieb für ihn den Song "Burial", der Stille und Bombast vereint, die Trauer mit der Hoffnung darauf, dass es für ihn jetzt besser sei. In dem Jahr veröffentlichte sie auch ihre erste Single. "Younger" ist das Ergebnis existenzieller Verwerfungen, ein Vorwurf an sich selbst, es nicht ernst genug gemeint zu haben mit der eigenen Musik-Karriere. Bis sie 17 war, konnte Sey nicht vor Publikum auftreten, sie schämte sich und hasste sich dafür. Sie verbrachte die Sommer mit ihrem Papa im Park und tat nichts. In "Younger" unterstreicht sie das Gefühl, zurückgehalten zu werden, mit militärischen Snares, die sich dann in ABBAeske Symphonien auflösen: "There is a light to all this darkness if only we / Fight against them telling us how we should be / I refuse to have you break me", denn: "You ain't getting younger / Are you?".

Schweden hat seine eigene Version der zehn Gebote, die "Jantelagen". Die erste Regel: "Du sollst nicht glauben, dass Du etwas Besonderes bist". "Who do you think you are?", singt Sey in "Who". "This is the space you’ve been given, everything else is forbidden." Und so ist das Album ein Selbstgespräch, die Suche nach einer eigenen Moral. "Words" handelt von Einsamkeit, "Hard time" von einem Menschen, der Gutes will und dafür doch zu schwach ist, die Botschaft in "Who" von Sey an Sey ist, dass man Dinge doch ändern kann, wenn man sie in die eigene Hand nimmt. Der Titelsong ist so entschlossen, durchdrungen von Mut und Verstand, dabei so hart tanzbar und treibend; etwas sehr Besonderes. "I turned out as great as I could", lautet der Chorus von, so viel Ironie muss sein, "Pretend". Was für ein Album: "These troubles are part of the play."

(Philipp Sommer)

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Highlights

  • Younger
  • Pretend
  • Hard time
  • Easy
  • Burial

Tracklist

  1. Younger
  2. Pretend
  3. Poetic
  4. Hard time
  5. Easy
  6. Worlds
  7. Sorry
  8. Who
  9. Still
  10. You
  11. Ruin
  12. Burial

Gesamtspielzeit: 40:57 min.

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User Beitrag
Jens -Uwe
2015-11-01 22:49:55 Uhr
Danke!Ohne euch hätte ich gar nicht mitbekommen, dass endlich das Debütalbum erschienen ist. War dieses Jahr neben ibeyi eines der stärksten Konzerte. Hoffentlich geht das neben dem Adele-Rummel nicht unter. Wäre sehr schade. Freue mich jedenfalls schon auf die Tour im Februar.

Dan

Postings: 235

Registriert seit 12.09.2013

2015-10-28 23:36:53 Uhr

Von ihr stammt die Melodie von "100 Code", wenn ich mich recht erinnere... Wird angetestet.

Armin

Postings: 14508

Registriert seit 08.01.2012

2015-10-28 21:20:48 Uhr
Frisch rezensiert!

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