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Joanna Newsom - Divers

Joanna Newsom- Divers

Drag City / Rough Trade
VÖ: 23.10.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Aller Kön'ge Königin

Der Musik von Joanna Newsom wohnt eine Magie inne, die wahrlich nicht jeder nachvollziehen kann. Für all jene Menschen klingt sie wie ein wehleidiges Burgfräulein mit Minnie-Maus-Stimme und einem seltsamen Faible für ein noch seltsameres Instrument – die Harfe. Dass ebenjene auf dem vierten Newsom-Album "Divers" zwar immer noch ein zentrales Element ist, jedoch von deutlich mehr Klaviereinsätzen, Getrommel und elektronischen Sprengseln flankiert und umgarnt wird, dürfte die Meinung der Kostverächter freilich nicht ändern. Alle anderen sollten ihren Hut ziehen vor Newsom und ihrer neuen Platte, an der sie stolze vier Jahre gearbeitet hat. Jede Sekunde Warten wird sich letztlich auszahlen, die Belohnung folgt nämlich in Form elf varianten- und trickreicher Lieder, die zwischen Folk, Avantgarde und Pop pendeln und eloquente Geschichten erzählen: von Krieg und Frieden, Aufstieg und Fall, sowie von Zeit und Raum. Sie spannt Bögen von Percy Bysshe Shelley zu John Purroy Mitchel, kreiert Songs, in denen die Instrumentierung eine eigene erzählerische Stimme bekommt, lässt sämtliche Emotionen entstehen, die zwischen Himmel und Hölle denkbar und möglich sind und behält bei all dem sogar noch den Überblick. "Divers" ist eine Erfahrung, die man gemacht haben sollte.

Mit dem zartgliedrigen "Anecdotes" beginnt eine Platte, die die vielfältigen Möglichkeiten offen zur Schau stellt, dabei aber nicht muckermäßig-verquast wirkt. Der Opener erzählt in sensibler Weise von Vergänglichkeit und den Dingen, die passieren, während wir mit stierem Blick auf die beiden Zeiger starren, die beständig und unbeirrbar auf ihren Wegen kreisen. Dazu erklingt die ewige Harfe, das euphorisierende Klavier und Bläsersätze, die an spätsommerliche Vögel erinnern; in Gedanken schon längst auf dem Weg gen Süden. Im bereits vorab veröffentlichten "Sapokanikan", das mit einem besonders schönen Musikvideo von Kultregisseur Paul Thomas Anderson bedacht wurde, streift sie visuell durch die Großstadt, nämlich New York, und lyrisch durch die künftigen Ruinen, bis es abschließend heißt: "Now the city is gone." Alles an der ersten Single wirkt herrlich apokalyptisch, gerade auch wenn Newsom gegen Ende ihre Stimme erhebt und ein bedrohliches Level erreicht. Das folgende "Leaving the city" ist von der Startaufstellung her vielleicht die traditionellste Newsom-Nummer auf ihrem vierten Album: Ihre Stimme schwebt in luftigen Höhen, während ihre Finger mit lockerer Leichtigkeit über Instrumente fliegen, die man wohl an keinem Volkshochschulkurs lernen kann. Doch dann, urplötzlich fast, setzen die Drums ein, majestätisch irgendwie, aber auch zerstörerisch. Dabei sind sie viel mehr als bloße Rhythmus- und Taktgeber, denn wie auch jedes andere Instrument hier sind sie fester Bestandteil der erzählten Geschichte, gehen sie mit den Lyrics eine Liaison ein, verbinden sich zu einem dichten Nebel, einer atmosphärischen Szenerie.

Newsom beherrscht nicht nur ebendiese Inszenierung wie kaum eine zweite, auch die Vermählung verschiedener Stilrichtungen geht ihr leicht von der Hand. "Goose eggs" ist ein herrlich bunter Flickenteppich, durchzogen von reinen Pop-Momenten, feinen Alt. Country-Anleihen und einer angenehmen Prise Freak-Folk-Wahnsinn. Vielleicht der Song auf "Divers", der der Definition purer, ungefilterter Schönheit am nächsten kommt. Im ebenfalls brillanten "Waltz of the 101st Lightborne" schunkelt Newsom mit dem beschwipsten Piano um die Wette, auch wenn es im Text wahrlich um Krieg und Verderben geht. Später kippt die Nummer in irische Folk-Gefilde, was der Dringlichkeit keinen Abbruch tut. In diesen Kompositionen zeigt sich eindrücklich der Fortschritt in Newsoms Songwriting, ihre Fähigkeit, verschiedenste Fäden in der Hand zu behalten und immer zu wissen, wie stark und in welche Richtung sie einen Song anstupsen muss, um ihn ins Trockene zu bringen. Da darf "The things I say" dann sogar mal nach Regina-Spektor-Fingerübung klingen: "Divers" zeigt in aller Bescheidenheit, wie breit die Singer-Songwriterin aufgestellt ist.

Der siebenminütige Titelsong klingt in all seiner unendlichen Pracht dann wie ein zartes Geisterlied, mit Soul in der Stimme und Fingerspitzengefühl. Und doch zählt dieses Stück vielleicht zu den gewöhnlicheren Augenblicken auf einem ansonsten sehr starken Album. Besonders gegen Ende der 52 Minuten Spielzeit fährt die US-Amerikanerin nochmal ganz groß auf. "A pin-light bent" ist ein melancholischer Trip ins Innere des Selbst: Zu einer reduzierten Instrumentierung singt sich Newsom hier in wahrlich rauschhafte Ekstase. Ganz anders und doch seelenverwandt gerät der Abschluss: Im letzten Akt "Time, as a symptom" dürfen Eulen und andere tschirpende Vögel den animalischen Background-Chor geben, und Newsom philosophiert zu einem kraftvollen Piano über die Liebe, die natürlich immer das wichtigste Thema bleibt. Langsam schwillt die Nummer an, lädt sich mit mehr und mehr Spannung auf, bis sich ebendiese nach gut vier Minuten entlädt. Ein Moment der Katharsis, der rückwirkend für das ganze Album gilt. Pop-Musik, und davon sprechen wir im Falle Joanna Newsoms eben doch, hat eine narrative Kraft. Dass nicht jeder darauf steht, liegt nicht nur an der vortragenden Stimme.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Anecdotes
  • Sapokanikan
  • Goose eggs
  • Time, as a symptom

Tracklist

  1. Anecdotes
  2. Sapokanikan
  3. Leaving the city
  4. Goose eggs
  5. Waltz of the 101st Lightborne
  6. The things I say
  7. Divers
  8. Same old man
  9. You will not take my heart alive
  10. A pin-light bent
  11. Time, as a symptom

Gesamtspielzeit: 51:52 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Ötl
08.06.2016 - 23:42 Uhr
So, ich habe jetzt mal zwei Stapel gemacht: Links alles von Kate Bush bis einschließlich "The Sensual World", rechts den Rest. Von Joanna Newsom habe ich "The Milk Eyed Mender" nach rechts gelegt, alles andere nach links. Den rechten Haufen habe ich weggeworfen.

Herr

Postings: 750

Registriert seit 17.08.2013

09.06.2016 - 15:45 Uhr
Linke von welcher Seite aus gesehen? Das ist so verdammt schwer vorstellbar, mit meinem unterentwickelten räumlichen Vorstellungsvermögen.
Ötl
10.06.2016 - 09:50 Uhr
Von schräg oben.

Darth Floersche

Postings: 85

Registriert seit 14.08.2015

16.06.2016 - 13:59 Uhr
"the milk eyed mender" weggeworfen?
kurzsichtig.

Ötl
09.01.2017 - 19:02 Uhr
Divers ist tatsächlich eine von ganz wenigen Platten, die ich immer wieder hören muss, weil sie so unglaublich schön ist. Ganz große Songs, traumhafte Arrangements, abenteuerliche Takt-/Rhythmus-/Tempowechsel, und über allem Joannas knarzige Stimme (die eigentlich gar nicht geht. Aber - es funktioniert). Wer wegen der Stimme an dieser Musik vorbeihört, verpasst was. Soll er doch die späte Kate Bush hören.

P.S. Sollte Frau Bush irgendwann noch mal ein auch nur halb so gutes Album wie Divers hinlegen, werde ich auf Knien gen England rutschen und vor Kates Haus Abbitte tun.

P.S.2 The Milk Eyed Mender mag ich immer noch nicht.
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