Protomartyr - The agent intellect

Protomartyr- The agent intellect

Hardly Art / Cargo
VÖ: 09.10.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Der Zweck des Aufstands

Weg ist er, der zähnefletschende Hund mit den schwarzen Augen. Haben Protomartyr ihn etwa an die Leine genommen? Wohl kaum. Eher das Gegenteil ist der Fall: Stand der Vierbeiner auf dem Cover ihres letzten Albums "Under color of official right" noch für die rohe Wut und das unbezähmbare Verlangen nach Veränderung, scheinen Frontmann Joe Casey und seine Mitstreiter die Dinge nun rationaler zu sehen. Ihr drittes Werk "The agent intellect" beschäftigt sich nicht mehr mit Einzelpersonen, die Schlechtes tun, sondern greift an verschiedenen – wenn nicht sogar allen – Fronten an. Protomartyr begrenzen sich selbst weniger denn je in ihrem eigenen Handeln, wüten nicht mehr scheinbar planlos umher, sondern verfolgen ihr Ziel mit klarem Blick. Der Zweck der Aufstände ist der Gewinn und Ehre oder ihr Gegenteil – das wusste schon der gute Aristoteles, dessen Wirken in der Erkenntnistheorie als Inspiration für das Album diente. Protomartyr, das wird schnell klar, sind hier, um zu siegen.

Dafür werden sie auch aktiv: Als Anführer ihrer ganz eigenen Revolution machen sie auf "The agent intellect" nicht mehr nur Jagd nach korrupten Politikern in ihrer Heimatstadt Detroit, sondern nehmen sich das ganze Land, wenn nötig sogar die ganze Welt vor. Casey & Co. haben Großes im Sinn und ziehen dafür selbst vor dem Bösen nicht den Schwanz ein. Das kann durchaus interessante Ausmaße annehmen: Der fantastisch nach vorne schrammelnde Opener "The devil in his youth" etwa spricht nicht über den Teufel, nein – Beelzebub persönlich bekommt das Wort erteilt. Wer hier allerdings auf Wutreden des klassischen roten Wesens mit Hörnern, Pferdefüßen oder sonstigen Abnormitäten hofft, irrt sich gewaltig. Hier nimmt es die Gestalt eines wohlbehüteten Vorstadt-Teenagers an, der nach Jahren des Drangsaliertwerdens die Nerven verliert und für universelles Grauen sorgt: "You will feel the way I do / You will hurt the way I do." Die Botschaft ist eindeutig: Das Böse lauert überall.

Der Wechsel zwischen Himmel und Hölle, Gottes Stellvertretern und Satans gemeiner Brut findet auf "The agent intellect" an mehreren Stellen statt, aus verschiedenen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Härtegraden. Das melodisch an Interpol oder auch an The Cure erinnernde "Pontiac 87" erzählt von einem Besuch des Papstes in Detroit in besagtem Jahr. Selbstredend, dass Protomartyr davon nur wenig beeindruckt waren, dennoch hält sich Casey in der Äußerung seines Unmuts verhältnismäßig stark zurück. Die sich gegen Ende wiederholenden Zeilen "There's no use in being sad about it / What's the point of crying about it" wirken gerade durch diese scheinbare Abgeklärtheit sogar noch deutlicher. Überhaupt sind es natürlich nur wenige Minuten, die Protomartyr vom nächsten Ausbruch trennen. Das stürmisch-hektische Schreckgespenst "Uncle mother's" knöpft sich die Arbeiterklasse vor. Komm herein, lass die Kinder ruhig im Auto, nimm teil an allerlei durch und durch schlechten Machenschaften. Mal sehen, ob Du Dich zum Schluss überhaupt noch an die lieben Kleinen erinnern kannst.

Am interessantesten werden Protomartyr jedoch immer dann, wenn man ihnen den eigenen Zwiespalt anmerkt. So scheinen sie stellenweise mit genau jenen zu sympathisieren, die sie selbst anprangern. Das schimmert etwa im sphärischen, nicht wirklich fassbaren "Clandestine time" durch, oder auch im arrogant und breitbeinig aufstampfenden "Dope cloud". Eine ganze Palette fragwürdiger Gestalten hingegen zählt "I forgive you" auf: Da wäre ein ehemaliger Lehrer, der nach 25 Jahren im Berufsleben wegen pädophiler Handlungen im Gefängnis landet. Zwielichtige Anwälte, noch zwielichtigere Richter. Hooligans, denen es nur ums Aufmischen, nicht um das jeweilige Sportevent geht. Die Welt ist eben kein guter Ort. Dass diese Einstellung ihren Ursprung zu großen Teilen in Caseys eigenen Erfahrungen hat, trägt zum Verständnis bei, hilft aber auch nicht wirklich beim Finden einer Lösung. Protomartyr legen dennoch stets ihren Finger in die Wunde. In "Ellen" wird es dafür ungewohnt persönlich: Aus der Sicht von Caseys Vater erzählt der Sänger von der Liebesgeschichte seiner Eltern, die auch nach dem Tod der Mutter kein Ende fand – die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung nach dem eigenen Ableben wird hier beinahe sanft getragen, der Wirbel höchstens angedeutet, aber nie wirklich losgelassen. Manchmal braucht eben auch der wildeste Hund eine Pause. Egal, wie kurz sie sein mag.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • The devil in his youth
  • Pontiac 87
  • Clandestine time
  • Ellen

Tracklist

  1. The devil in his youth
  2. Cowards starve
  3. I forgive you
  4. Boyce or Boice
  5. Pontiac 87
  6. Uncle mother's
  7. Dope cloud
  8. The hermit
  9. Clandestine time
  10. Why does it shake?
  11. Ellen
  12. Feast of Stephen

Gesamtspielzeit: 44:11 min.

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