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Deerhunter - Fading frontier

Deerhunter- Fading frontier

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 16.10.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Nach der Häutung

Wenn man so möchte, könnte man sagen, dass "Fading frontier" das erste Deerhunter-Album ist, auf dem sich die Band aus Atlanta, Georgia nicht komplett neu erfindet. Zuletzt erfolgte der waghalsige Schritt vom verträumt-genialen Meisterwerk "Halcyon digest" zum kaputt-zerfasertem Sound des ehrenwerten Nachfolgers "Monomania", nachdem sie zuvor schon einige steile Kurven gekratzt und Abfahrten genommen haben. 2005 erschien ihr Debüt "Turn it up faggot", auf dem noch noisiger Schneckenhauszertreter-Rock zu hören war, und vergleicht man nun jene Songs mit dem aktuellen Material, dann wird augenscheinlich klar, wie viele Häutungen die Jungs um Frontmann Bradford Cox bereits hingelegt haben. "Fading frontier" beackert nun also kein neues Feld, sondert borgt sich Ideen und Sounds aus den verschiedensten Phasen der Band und komprimiert sie auf neun Stücke in handlichen 36 Minuten. Etwas Besseres hätte ihnen wohl wirklich kaum einfallen können.

"Fading frontier" ist aber natürlich trotzdem keine blöde Leistungsschau, sondern vielmehr ein facettenreiches Portfolio, das eindrücklich die Möglichkeiten einer Band zeigt, die über den eigenen Tellerrand blickt und im wortwörtlichen Sinn macht, worauf sie Lust hat. Ihre offensichtlichen Schwächen wandeln sie leichtfüßig in neue Stärken. So zumindest proklamiert es Cox im starken Opener "All the same", der mit seinen wunderbar verträumten Gitarren unmittelbar in den Bann zieht. Das folgende "Living my life" wirkt wie eine lässig aus der Hüfte geschossene Fingerübung, was anatomisch komplizierter klingt, als es letztlich ist: Atmosphärisch-dräuende Synthies säumen den Wegesrand, Deerhunter spielen sich in einen leisen Rausch und sind letztlich sogar so ekstatisch, dass sie mit "Breaker" direkt einen perfekten Pop-Song nachschieben. Der könnte in seiner herrlich unironischen Eingängigkeit vielleicht sogar im Radio laufen. Und diese Aussage ist ausnahmsweise mal als Lob gemeint.

Doch nicht alles glänzt und funkelt auf Deerhunters sechstem Album, denn die Jungs aus Georgia waren seit jeher Musiker, die ihr Wohl in der Ambivalenz suchten und fanden. "Leather and wood" ist das gespenstisch vor sich hin mäandernde Gegenstück zum astreinen "Breaker": Sechs Minuten lang säuselt Cox seine sanft-spukenden Verse, Strophen und Refrains haben sich in diesem urwüchsigen Wald aus Klängen schon längst verlaufen und werden so bald nicht mehr zusammenfinden. "Leather and wood" steht damit in der langen Tradition verhuschter, sensibler Geisterlieder, die den Deerhunter-Alben stets ein interessantes Kapitel hinzufügten. Wir erinnern uns an "Nitebike" oder an "Sailing" und verneigen uns vor so viel spinnerter Grandezza.

Die einzige wirkliche Veränderung im Soundkosmos der Band ist wohl der angetäuschte Funk, der sich in die erste Single "Snakeskin" geschlichen hat und dem Song schräge Tanzbarkeit verleiht. Nur: Wer zu Deerhunter tanzt, der kocht auch zu Architektur. Nichtsdestoweniger steht ihnen auch dieses neue Kleid, wenngleich die Kernkompetenz weiterhin verschwommener Dreampop bleibt. Um ebendies klarzustellen, schwebt das von Lockett Pundt komponierte "Ad astra" direkt gen Sternenhimmel. Herrlich ist es, wie dieser Song mit seinen Störgeräuschen eine fernweltliche Stimmung erzeugt. Im abschließenden "Carrion" kündigt Cox an, durchzuhalten, stark zu bleiben, aber meinen kann er das natürlich nicht ernst: Das Stück wirkt fragil, zartgliedrig, keineswegs kämpferisch. Deerhunter sind hier, wie auch sonst, nicht daran interessiert, Widersprüche aufzulösen. Sie sind der Widerspruch. Und der Widerspruch, nicht die Wandlung, ist die einzige Konstante in der durch und durch beeindruckenden Vita dieser faszinierenden Band.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Living my life
  • Breaker
  • Leather and wood

Tracklist

  1. All the same
  2. Living my life
  3. Breaker
  4. Duplex planet
  5. Take care
  6. Leather and wood
  7. Snakeskin
  8. Ad astra
  9. Carrion

Gesamtspielzeit: 36:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
silvie
29.11.2015 - 10:17 Uhr
kacke is das

saihttam

Postings: 812

Registriert seit 15.06.2013

30.11.2015 - 03:11 Uhr
Also ich fand das Konzert schon ziemlich gut. Anfangs hat mir der Sound auch noch nicht so richtig gepasst, aber das wurde mit der Zeit immer besser. Ich war nur etwas verwundert, dass sie keinen einzigen Song von Monomania gespielt haben. Dafür war aber Nothing Ever Happened schon sehr geil.
olav
08.12.2015 - 18:51 Uhr
kxpw live versionen, da sieht man wie man songs im studio aufmotzen kann, live klingt das ja lau
horner
12.01.2016 - 09:01 Uhr


kann dem album nichts abgewinnen. das plätschert so dahin, vielleicht kommt das ja in wellnesstempeln gut an

Thanksalot

Postings: 199

Registriert seit 28.06.2013

15.01.2016 - 17:40 Uhr
Muss mich auch berichtigen.
"Leather And Wood" nervt nach wie vor und die beiden Schlusstracks lassen die Platte irgendwie ins Leere laufen. Alles andere ist zwar toll, aber bei gerade mal 9 Songs dann doch zu wenig. Noch eben 7/10.
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