John Grant - Grey tickles, black pressure

John Grant- Grey tickles, black pressure

Bella Union / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 09.10.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Kammerflimmern

"Love is patient / Love is kind / It does not envy / It does not boast / It is not proud / It does not dishonor others / It is not self-seeking / It is not easily angered / It keeps no record of wrong." Fast scheint es passend, dass ein Bibelvers den den Anfang auf "Grey tickles, black pressure" macht. Fast. Denn auch auf seinem dritten Soloalbum spielt John Grant mit Licht und Dunkelheit. In verschiedenen Sprachen wird 1 Korinther 13, auch bekannt als das oft auf Hochzeiten zitierte "Hohelied der Liebe", vorgetragen: Eine Stimme legt sich über die nächste, bis am Ende ein heilloses Durcheinander entsteht und man den Zeilen nur noch mit viel Mühe und Konzentration folgen kann. Es kommt, was kommen muss: Die Stimmen verstummen, es bleibt verzerrtes Unheil. Und ein bisschen Herzklopfen.

Aber Grant wäre nicht Grant, würde es zu den düsteren Tönen nicht auch immer noch den einen oder anderen Lichtblick geben. Dass der ehemalige Czars-Sänger sich gern auf humorvolle und nicht selten zynische Weise präsentiert, kennt man bereits von seinen ersten Alben "Queen of Denmark" und "Pale green ghosts". So auch hier: Auf den Bibelvers folgt der Titeltrack, den der 47-Jährige mit folgenden Worten beginnt: "I did not think I was the one being addressed / In haemorrhoid commercials on the TV set" – und das ist noch nicht mal die merkwürdigste Stelle dieses Kitschstücks mit dem fast schon absurden Chor im Hintergrund. Es ist jene Form von schwarzem Humor, die dem Hörer bei Grant über die immer wieder aufklaffenden Abgründe hinweghilft, die sich plötzlich auftun, wenn man es schafft, zwischen den Zeilen zu lesen.

Das ist auf "Grey tickles, black pressure" zugegebenerweise schwieriger als je zuvor, was möglicherweise auch ein Grund dafür ist, dass es sich schnell zum besten Output des Mannes aus Colorado entwickelt. Auf seinem dritten Streich geht es nicht um das Erreichen des Lichts – sondern um die Momente des Durchhaltens, wenn es mal zu flackern anfängt. Gemeinsam mit John Congleton, der unter anderem auch das letzte Werk von St. Vincent produziert hat, schuf Grant ein Album, das lauter Ausrufezeichen setzt und dennoch für Fragezeichen sorgt. Klingt verwirrend? Wohl nicht viel mehr als der dickflüssige Elektro-Schmalz, in dem sich "Snug slacks" wälzt, oder das rabenschwarze Synthie-Ungeheuer "Black blizzard", das eine eiskalte Zukunft voraussagt – Flucht ist unmöglich. Umso kontrastreicher dazu erweist sich "Disappointing" mit der Unterstützung von Tracey Thorn, der weiblichen Hälfte von Everything But The Girl. Nach der fast schon monotonen Aufzählung toller, großer, vermeintlich verführerischer Dinge stellt Grant im Refrain euphorisch fest, dass all das nicht gegen den vom aktuellen Lover verursachten Höhenflug ankommt.

Auch im stürmischen "You and him" gibt es gesangliche Hilfe: Amanda Palmer von The Dresden Dolls leiht der bitterbösen Abrechnung mit dem Ex-Partner ihre Stimme, schaukelt sich hochdramatisch an ihrer eigenen Wut hoch – und wenn der Song oberflächlich gesehen noch so humorvoll sein mag, macht spätestens der Vergleich des abtrünnigen Geliebten mit Hitler klar, dass das hier doch deutlich ernster gemeint ist als zunächst angenommen. Es ist die perfekte Vertonung des Albumtitels, der sich aus zwei Redewendungen zusammensetzt: "Grey tickles" steht in Grants isländischer Wahlheimat für die berüchtigte Midlife-Crisis, "Black pressure" kommt hingegen vom türkischen Ausdruck für "Albtraum". Er habe sich hier von seinen Launen leiten lassen wollen, habe die Musik noch mehr als sonst als Ventil genutzt. Das hört man auch dem Abschluss-Epos "Geraldine" an, in dem er den 1987 verstorbenen Broadway-Star Geraldine Page flehentlich fragt, ob sie sich auch mit diesen alltäglichen Plagen rumzuschlagen hatte. Mit Sicherheit hatte sie das, wie er selbst auch. Wie wir alle. Die Frage ist, wie man damit umgeht – aber damit hat Grant ja mittlerweile Erfahrung. Am Ende jedenfalls ist das Chaos vorbei. Ein Kind darf den Rest des Hoheliedes aufsagen: "Love does not delight in evil, but rejoices with the truth / It always protects / Always trusts / Always hopes / Always perseveres / Love never fails."

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Grey tickles, black pressure
  • You and him (feat. Amanda Palmer)
  • Black blizzard
  • Geraldine

Tracklist

  1. Intro
  2. Grey tickles, black pressure
  3. Snug slacks
  4. Guess how I know
  5. You and him (feat. Amanda Palmer)
  6. Down here
  7. Voodoo doll
  8. Global warming
  9. Magma arrives
  10. Black blizzard
  11. Disappointing (feat. Tracey Thorn)
  12. No more tangles
  13. Geraldine
  14. Outro

Gesamtspielzeit: 57:28 min.

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User Beitrag

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-10-19 19:30:28 Uhr
Kann leider nicht zum Konzert. Daher 2 Karten für Hamburg (25.11.) abzugeben...

Otto Lenk

Postings: 386

Registriert seit 14.06.2013

2015-10-16 11:57:51 Uhr
'Down here' mag ich sehr.

Gordon Fraser

Postings: 1006

Registriert seit 14.06.2013

2015-10-16 11:07:30 Uhr
Sehe mich da auch eher bei "gargoyle". So richtiger Fluß kommt da nie rein ins Album, ich bevorzuge bei ihm einfach ganz klar die nicht-elektronischen Sachen. Vielleicht sollte er diesen Kram in irgendein Sideprojekt auslagern. Dann bleibt die stille Schönheit der eigentlichen Songs erhalten und im Vordergrund.
gargoyle
2015-10-16 09:56:56 Uhr
ich komm da nicht rein. ein paar schöne tracks, aber den elektrokrams dazwischen find ich super anstrengend.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2015-10-16 09:16:34 Uhr
Stilstisch sehe ich es eher bei "Pale Green Ghosts", wobei manche Songs wie der Titeltrack auch auf "Queen Of Denmark" hätten sein können. Dazu noch ziemlich abgedrehte Songs, die mitten drin sind (erinnern wiederum an die Elektrodinger von der Bonus Disc von "Queen"). "Schwierig" trifft es wohl. "You And Him" ist aber extrem geil, einer der Songs des Jahres.
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