Die Nerven - Out

Die Nerven- Out

Glitterhouse / Indigo
VÖ: 09.10.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Gegen die Zwänge

Wahrscheinlich wären Die Nerven längst so sauberühmt, dass es ihnen selbst auf den Sack ginge, wenn sie nicht gerade Post-Punk spielen würden. Weil sie jung und talentiert sind, weil sie grundsympathisch daherkommen und weil sie mit Attitüde überzeugen. Aber Post-Punk, das ist halt nix für die Kids. Selbst die längst aufgelösten Kilians – jetzt mal als ähnlich jugendlich daherkommende Vergleichsgröße – haben mit ihrem doch recht simplen The-Strokes-Abklatsch mehr Facebook-Fans gewinnen können als die Stuttgarter. Weil einfach eben einfach einfacher ist. Das aber brauchen Die Nerven nicht, diese Einfachheit. Komplexität als oberste Direktive sozusagen, als Branding auf dem unbehaarten Arsch. Damit gewinnt man halt nur die Herzen derer, die auch zuhören können. Eine "Hipsterband für alte Szenesäcke", so etwas wollen wir, so etwas brauchen wir, also die Plattentests.de-Redaktion und ihre Leser, doch absolut! Und so musste man "Fun" und auch schon "Fluidium" lieben – ganz einfach.

Jetzt ist "Out" draußen, die dritte Platte des Trios, und sie ist alles andere als eine erwartbare Fortsetzung des bisherigen Schaffens geworden. Wo die Jugendlichkeit doch immer den Hang zur Lautstärke in sich trägt, lässt das Drittwerk ganz fleißig die Explosion aus. Das aber macht den Sound der Truppe nicht weniger herz- und hirnergreifend. So zum Beispiel in "Barfuß durch die Scherben", welches gleichzeitig die Erstauskopplung des Albums darstellt. Der Takt bleibt über die gesamte Dauer des Stücks beständig, lässt sich auch von anbahnenden Gewitterchen kaum von jenem Weg abbringen, den auch der Protagonist in Fakir-Manier zurücklegt. Weh tun darfs, aber die Jungs bringen ihn heil da raus. Paranoid kommt "iPhone" daher. "Sieh nach hinten, wenn Du gehst", heißt es da, und das verlorene iPhone wird plötzlich zum Gradmesser für Überlebensfähigkeit. Mit verhältnismäßig ruhigen Passagen, bewegt sich der Track im Spannungsfeld von Heillosigkeit und Wahnsinn.

"Jugend ohne Geld" greift ebenso die Furcht vorm Verrücktwerden auf und lässt sich dabei zwei von drei Minuten Zeit, um die Stimmung aufzubauen, bevor der Gesang einsetzt – und auch dann sind es nur ein paar wenige Worte, die die Welt ganz einsilbig erklären: Geld haben ist geil, aber auch scheiße, Maul halten, tanzen. "Gerade deswegen" zeigt sich einerseits als wildester Titel auf "Out", zerbricht andererseits aber immer wieder ganz abrupt und verfällt ins Jammertal, wenn die Leute auf die blutende Nase des Akteurs starren. Ein musikalischer Spagat auf dem Hochseil, ohne Happy End. Für jenes möchte auch der Closer "Hast Du was gesagt?" so gar nicht sorgen: Das viereinhalbminütige Bollwerk voller Schmach und Scham durchschlingt den luftleeren Raum. Ist jetzt jemand da, oder nicht? So durchlebt der Song Angst, Nervosität, und offene Wut auf wenigen Quadratmetern. Ein Riesending.

Dass "Out" in der Wertung einen Punkt schlechter abschneidet als noch "Fun", liegt allenfalls darin begründet, dass die eine oder andere Eskalation doch ein Stück weit fehlt. Das hat nichts mit Aufgeben zu tun, und erst recht nicht damit, dass Die Nerven es sich doch zu einfach gemacht haben. Ganz im Gegenteil, wenn immer ein Inferno zu erwarten wäre, hat das Trio den eigenen Zwang unter Kontrolle gebracht. Zu perfekt vielleicht also? Oder doch, ganz profan jetzt mal, zu leise im Abgang? Das kann man so nicht sagen. Mit Sicherheit aber ist "Out" eine Platte, die nachschimmert in vielen Farben und Tönen, die Gehörgänge beschädigt und sie gleichzeitig repariert, ein großer Vortrag der Fähigkeiten der Stuttgarter Truppe. Genau das Richtige für uns alte Szenesäcke.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Barfuß durch die Scherben
  • iPhone
  • Hast Du was gesagt?

Tracklist

  1. Die Unschuld in Person
  2. Barfuß durch die Scherben
  3. Jugend ohne Geld
  4. Dreck
  5. iPhone
  6. Den Tag vergessen
  7. Gerade deswegen
  8. Wüste
  9. Ich habe gelogen
  10. Hast Du was gesagt?

Gesamtspielzeit: 40:38 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Walther Wachtel
2015-12-17 19:09:44 Uhr
Meine Marie und ich haben dieses Album nun schon 100x durchgehört. Es lässt uns tanzen. Es biedert sich nicht an. Es lässt uns freien Raum herumzuspinnen oder einfach mal Nichts. Ich habe beim Lügen kein schlechtes Gewissen mehr. Es lässt mich nicht allein in meiner Leere. Es ist mein Ticket, um draußen zu bleiben. Du solltest Dir das Album auch mal anhören.
Danke für OUT Ihr NERVEN und GROETJES

muckipup

Postings: 63

Registriert seit 13.06.2013

2015-11-16 18:55:46 Uhr
Nachdem ich "Fun" wirklich grandios fand und auch Max Riegers Nebenprojekt "All diese Gewalt" für mich eine Entdeckung war, hatte ich hohe Erwartungen an das neue Album.
Leider tangiert mich dieses emotional kaum. Mir fehlen die Ausbrüche und der Schuss Wahnsinn; so leider nur ein bemühtes und ganz okayes Werk.
hlp pls
2015-10-31 01:54:55 Uhr
danke Dielemma
Dysfuktiler Sinfoniker
2015-10-31 00:37:54 Uhr
Ja ich freue mich schon auf die niedlichen Babys

Wenigstens dieses Machwerk fertig gebracht

Dielemma

Postings: 447

Registriert seit 15.06.2013

2015-10-31 00:17:44 Uhr
gut für dich
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