Iron Maiden - The book of souls

Iron Maiden- The book of souls

Parlophone / Warner
VÖ: 04.09.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Erlesenes Alter

Es war alles geplant. Die Platte war fertig, die Fans eh schon hinreichend angeheizt. Und dann diese Nachricht Anfang des Jahres: Kurz vor der eigentlich geplanten Veröffentlichung von "The book of souls" traten Iron Maiden an die Öffentlichkeit und verkündeten, dass bei ihrem Frontmann Bruce Dickinson zwei bösartige Tumore an der Zunge entfernt wurden. Man hoffe auf schnelle Genesung, sämtliche Aktivitäten im Zuge der Veröffentlichung seien auf Eis gelegt, bis der Fronter mit der einzigartigen Stimme wieder auf dem Damm sei. Insofern kann man schon erleichtert sein, dass diese Platte das Licht der Läden erblickt, zeigt es doch gemeinsam mit der im nächsten Jahr anstehenden Tour, dass Dickinson wieder voll einsatzfähig ist.

Und das ist auch gut so, denn beim ersten Studio-Doppelalbum der Bandhistorie lassen die Engländer von Beginn an keinen Zweifel, dass sie auf ihre alten Tage – immerhin marschieren die sechs Herren stramm auf die 60 zu – dem Metal-Nachwuchs nochmal so richtig zeigen wollen, wo es langgeht. Der erste Blick auf die Trackliste lässt jedoch zunächst stutzen: 92 Minuten für gerade einmal elf Songs? Doch was auf den ersten Blick zielloses Gefrickel in schlechtester Prog-Tradition befürchten lässt, klingt angesichts der epischen Dauer eines jeden Songs verdammt kompakt. Denn so wenig, wie aus Bandchef Steve Harris und den drei soliden Gitarristen Dave Murray, Adrian Smith und Janick Gers eine Dream-Theater-Tribute-Band wird, so sehr gelingt es dem Sextett, bei aller Länge das Songwriting so zu straffen, dass daraus zwar progressiver, aber in bester Bandtradition grundehrlicher Metal wird.

Dabei beginnt "The book of souls" mit "If eternity should fail" durchaus verhalten. Erst zur Mitte hin zieht der Song das Tempo an und sorgt für wohliges "Sie können's noch"-Grinsen. Die immer wieder pfiffig eingestreuten Selbstzitate tun ihr Übriges. So kommt bei "The red and the black" ein Riff von "Seventh son of a seventh son" nochmals zum Einsatz, während sich im späteren Verlauf des Stücks herausstellt, dass Iron Maiden offenbar die einzige Band ist, die ungestraft mit "Wooohooohooo"-Chören um sich werfen darf. Gänzlich rotzfrech in dieser Hinsicht ist allerdings "Shadow of the valley", klaut Songschreiber Gers zu Beginn doch breit grinsend mal eben die nahezu komplette Anfangssequenz von "Wasted years" aus dem Jahr 1986.

Nun kann man trefflich über Altrocker und darüber lästern, dass Scheu vor Innovationne geradezu im System verankert sein muss. Und doch gelingt es Iron Maiden, ihrer an Höhepunkten wahrlich nicht armen Historie ein besonderes Highlight hinzuzufügen. Die Rede ist von "Empire of the clouds", einem Mammutwerk von mehr als 18 Minuten Länge. Eher müsste man jedoch von "Kürze" sprechen, denn es ist geradezu unfassbar, wie kompakt ein solcher Longtrack klingen kann. Immer und immer wieder zwingt die Geschichte über ein grotesk überdimensioniertes Luftschiff, das von England aus jeden Winkel des Commonwealth erreichen sollte und doch bereits auf dem Jungfernflug in Flammen aufging, unter den Kopfhörer, lässt neue Details entdecken – für eine Band, die sich immer zu ihren Punk-Wurzeln bekannt hat, höchst beachtlich. Und falls noch jemand der Meinung sein sollte, Gers sei aufgrund seiner Zappelei auf der Bühne ein Fremdkörper: Hier soliert er mit Murray und Smith so aus einem Guss um die Wette, dass es dem Hörer Tränen der Rührung in die Augen treiben dürfte.

Ist nun "The book of souls" die Offenbarung, zu der die Platte bisweilen schon gehypt wurde? Nicht so ganz. Denn natürlich bleibt es bei dieser Spieldauer nicht aus, dass sich kleine Längen einschleichen. Insbesondere die zweite CD braucht einige Zeit, bis sie aus ihrer beginnenden Lethargie gerissen wird. Doch während der Vorgänger "The final frontier" an bisweilen unstrukturiertem Songwriting litt, an Fäden, die nicht zum großen Ganzen zusammengeknüpft wurden, gelingt es Iron Maiden, den vermeintlichen Widerspruch zwischen Kompaktheit und epischer Breite in bisweilen eindrucksvoller Manier zu lösen. In einer Zeit, in der Musik immer schneller, immer mehr im Vorbeigehen konsumiert wird, ist das reichlich gewagt. Und manch ein alter Fan mag sich die Zeiten eines in knapp fünf Minuten heruntergeholzten "The number of the beast" zurückwünschen. Doch genau dieser Umstand sollte dem Hörer höchsten Respekt abnötigen – die Band, die einst ein ganzes Genre begründete, ist nicht nur wieder da. Sondern auch so stark wie lange nicht.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • If eternity should fail
  • Shadows of the valley
  • Empire of the clouds

Tracklist

  • CD 1
    1. If eternity should fail
    2. Speed of light
    3. The great unknown
    4. The red and the black
    5. When the river runs deep
    6. The book of souls
  • CD 2
    1. Death or glory
    2. Shadows of the valley
    3. Tears of a clown
    4. The man of sorrows
    5. Empire of the clouds

Gesamtspielzeit: 92:22 min.

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User Beitrag
uptheirons
2016-06-06 14:11:12 Uhr
auch live sehr stark, wie immer!

Neytiri

Postings: 215

Registriert seit 14.06.2013

2015-09-29 13:39:17 Uhr
Was für eine Überraschung, was für ein Hammer-Album! Seit mindestens 25 Jahren hat kein Iron Maiden Album mehr diese Begeisterung bei mir ausgelöst. Seit Tagen spiele ich gar den ganzen Back-Katalog der Band auf und ab und habe mir endlich auch die letzten drei Alben, die ich allzu schnell weggestellt hatte, genauer angehört.

Der Gesang von Dickinson, obwohl die Stimme hörbar angeschlagen ist, klang nie besser, die Gesangslinien nie reifer.

Mit der Single "Speed of Light" und dem gleich anschließenden "The Great Unknown", wo Dickisnon in alte nervige Gesangsstrukturen zurückfällt, finden sich lediglich zwei schwache Songs auf dem Album.

Der vielfach gelobte Dickinson Song "Empire of the Clouds" bildet dann tatsächlich den absoluten Höhepunkt eines an Höhepunkten wahrlich reichen Albums.

alzi
2015-09-17 17:04:33 Uhr
warum sie mit "shadows of the valley" "wasted years" und "fallen angel" in einem song covern weiß wohl auch nur eddie...
Cinori
2015-09-16 20:10:44 Uhr
Was soll denn "zielloses Gefrickel in schlechtester Prog-Tradition" heissen? Schon mal King Crimson gehört? Da sieht auch Iron Maiden alt aus.
Berny
2015-09-12 05:39:49 Uhr
auf you tube gibts das album in gänze. muss nur speed 1,25 einstellen und ab geht die lucy.
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