Fidlar - Too

Fidlar- Too

Wichita / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 04.09.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Ausgetrunken

Da sind sie wieder, unsere hippen Lieblings-Surfpunks von der amerikanischen Westküste. Schön, dass es Euch gibt, Fidlar! Nanu, noch kein wirkliches Wort zu "Too", ihrem zweiten Album, und schon unverblümte Lobeshymnen? Ja, denn dank Bands wie Fidlar und ihrem in Musik und Attitüde manifestierten Non-Establishment lässt es sich einfach leichter leben – gerade mit der leisen Ahnung, dass auch das eigene Dasein hier und da mehr Selbstdisziplin bräuchte. Zunächst aber stellen wir rund zweieinhalb Jahre nach ihrem wilden, selbstbetitelten Debüt nüchtern und hocherfreut fest, dass sich bei dieser Band vordergründig nicht allzuviel geändert hat.

Wer eine derart feucht-fröhliche erste Platte voller Hits hinlegt, der muss vielleicht damit rechnen, vor hohen Türmen aus leeren Bierkästen zu stehen. Die vier aus Los Angeles jedoch scheinen diese Messlatte nicht wahrzunehmen und servieren musikalisch weiterhin furztrockenen, kurzweiligen Surf 'n' Roll und viele kleine Geschichten über Suff, Drogen und Frauen. Frei nach dem Motto: Wir können alles – nur nicht nüchtern. Auch der Blick auf die Tracklist von "Too" täuscht vor, dass zumindest Fidlar anscheinend in den seltensten Fällen hocherfreut und über lange Zeit selten ohne Rausch waren. "I figured out / When I got sober / That life just sucks when you get older", nölt Sänger Zac Carper im Spaß-Rocker "Sober" ins Mikro.

Doch solche Songs und viele suff- und partygetünchte Texte dieser Platte verschleiern, dass Carper einen schlimmen Schicksalsschlag erlitt: So ist diese zweite Platte der Amerikaner entstanden, nachdem Carpers schwangere Freundin im März 2013 an einer Infektion gestorben ist, die sie sich wohl durch eine schmutzige Nadel einfing. Mit der Last, seine Partnerin selbst zum Heroin gebracht zu haben, konnte Carper fortan überhaupt nicht umgehen, sodass es quasi fast unglaublich ist, dass er selbst noch unter den Lebenden weilt. Etliche Male stand der junge Mann daueralkoholisiert und an der Nadel hängend kurz davor, sich mit einer Überdosis selbst ins Jenseits zu befördern. "Overdose" ist der Song, der diese Erlebnisse verarbeitet und daher auch mit gehörig Windschiefe ausgestattet ist: Damit auch musikalisch durchscheint, wie es sein muss, aus dem Zustand gefühlt tot wieder ins Leben zu schliddern und damit überhaupt erst einmal klarzukommen.

Musikalisch ist von all dem ansonsten recht wenig zu spüren. Nach wie vor schaffen es Fidlar wie kaum eine zweite Band, vermeintlich eintönige, rotzig-trotzige Rockmusik höchst abwechslungsreich zu gestalten. Allein die ersten vier Songs auf "Too" beweisen das eindrucksvoll. Nachdem "40 oz on repeat" zum Auftakt schnodderig rumjammert und dabei sogar ein Xylophon bemüht, fegt "The punks are finally taking acid" mit einer Mischung aus Slacker-Punk und Blues-Rock die Zweifel wieder beiseite. Die mit beinahe lieblich-harmonischen Chören versehene Uptempo-Hymne "West Coast" wirkt im Anschluss fast wie ein Schlag ins Gesicht, ein zynischer, wohlgemerkt. Denn sonnig ist hier nur das klangliche Gemüt, nicht aber Haltung oder Stimmung: "I should try and get a life / But I don't want that nine to five." "Why generation" indes ist ebenfalls hervorzuheben, weil so zeitlos-klassich gehalten, dass The Clash das Anfang der 80er-Jahre nicht viel besser hinbekommen hätten.

Dass Fidlar in den vergangenen Monaten dann doch merklich gereift sind, das zeigt eine gewisse Portion Selbstreflexion in etlichen Songs. Im Falle des Vierers geht die Analyse der zurückliegenden Jahre aber vergleichsweise leicht von der Hand, kommt trocken, scharfzüngig und musikalisch verdammt unterhaltsam daher: "Stupid decisions" und "Bad habits" eben, soweit das Auge zurückreicht. Geht doch vielen so, oder? Carper allerdings hat wirklich was gelernt: Er hat es geschafft, dem Alkohol und den Drogen abzuschwören.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • West Coast
  • Why generation
  • Stupid decisions
  • Bad habits

Tracklist

  1. 40 oz on repeat
  2. The punks are finally taking acid
  3. West Coast
  4. Why generation
  5. Sober
  6. Leave me alone
  7. Drone
  8. Overdose
  9. Hey Johnny
  10. Stupid decisions
  11. Bad medicine
  12. Bad habits

Gesamtspielzeit: 42:28 min.

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The MACHINA of God

Postings: 11236

Registriert seit 07.06.2013

2016-04-25 13:51:47 Uhr
Der zweite Song ist fantastisch. Krass, dass mir der schwangeren Freundin. :/
diggo
2016-02-03 22:17:16 Uhr
@encarnizado: falls du immer noch suchst... versuch's mal mit together pangea
diggo
2016-02-03 22:02:36 Uhr
Der Clip zu "Why Generation" ist ja wohl etwas vom besten, was ich seit langem gesehen habe. Jetzt schon ein erster Kandidat für den besten Videoclip 2016.

encarnizado

Postings: 48

Registriert seit 07.11.2014

2015-09-20 01:00:46 Uhr
@@encarnizado
danke für den tipp! stimmt, black lips und auch chuckamuck schlagen da in die selbe kerbe.
wobei ich "let it bloom" von ersterer band noch nicht gehört hab. gleich mal reinziehen, yo!
bedankt.

Robert G. Blume

Postings: 377

Registriert seit 07.06.2015

2015-09-15 10:20:20 Uhr
Geil. Merkliche Weiterentwicklung, macht aber immer noch so viel Spaß wie das Debüt. Mir sogar noch mehr, weil es noch mehr zu entdecken gibt. Ich sehe beide Alben bei 8/10.
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