Beirut - No no no

Beirut- No no no

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 11.09.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Doch doch doch

Zach Condon hat seine Pilgerjahre beendet. Das klingt erstmal nicht weiter sensationell, doch bringt dies einen Bruch mit sich, der sich nicht unerheblich auf das fünfte Album seiner Band Beirut auswirkt. Bislang lotete der umtriebige Strubbelkopf mit seiner Musik kulturelle Eigenheiten aus, experimentierte mit osteuropäischem Klezmer, französischem Chanson und mexikanischen Mariachi, dass es eine helle Freude war. Selbst "The rip tide", erschienen 2012, war in gewisser Weise ein beseelter Querschnitt durch die angerissenen Genres und brachte Beiruts Wirken stilvoll und clever auf den Punkt. "No no no" ist nun die erste Platte, die aus sich heraus wirken soll, die ohne einen wie auch immer gearteten Überbau auskommen und funktionieren muss. Freilich ist dies ein schwieriges Unterfangen, denn genau in ebenjener Konzeptarbeit lag bis dato doch die Stärke von Beirut. Und obwohl "No no no" die sicherlich unspektakulärste Platte von Condon und Co. ist, kann eigentlich keine Rede von einer Enttäuschung sein. Da fragt man sich: Wie kann das gehen?

"No no no" zieht seine heimliche Stärke aus der Homogenität der Songs. Beirut setzen im Jahre 2015 weniger auf einprägsame und herausstechende Einzelmomente, vielmehr suchen sie ihr Wohl in einer ungeahnten Kohärenz. Dies klappt prima, weil hier immer noch Musiker am Werk sind, die wissen, wie Pop funktioniert. Der Opener "Gibraltar" ist dafür schon das griffigste Beispiel: Unter die rhythmusgebenden Percussions mischt sich alsbald eine weltoffene, sonnige Klaviermelodie, die von einer solchen Herzlichkeit ist, dass der Hörer nicht auf die Idee kommt, Langeweile zu verspüren. Klar, die Grundrezeptur eines Beirut-Songs hat sich seit dem Debüt "Gulag Orkestar" nicht wesentlich verändert, doch dies ist wahrlich kein Problem, solange Condon weiter so entschlossen sein Fernweh beklagt.

Der flinke Titelsong träumt sich hingegen beschwingt durch seine kurzweiligen drei Minuten und wirkt dabei – entgegen seines Namens – lebensbejahend und positiv. Alsbald wird jedes von Condon gesungene "No" zu einem leisen "Ja" des Hörers, einem "Ja" zu dieser Art Musik, die so sanftmütig und zart wirkt, aber dabei doch kraftvoll genug ist, um kleine, olivenbaumgesäumte Welten entstehen zu lassen, in die man sich pünktlich zum herbstlichen Temperatur- und Stimmungssturz flüchten kann. Einen ähnlichen Pfad beschreiten Condon und seine Mitstreiter mit dem schunkelnden "Fener", das mit seinen harmonischen Background-Chören stark an die eingängigeren, hymnischen Nummern von Grizzly Bear erinnert. Und ja, freilich ist das als Kompliment zu verstehen.

Ein Schlüsselstück auf "No no no" ist sicherlich auch das schlanke "At once". Das Klavier und die Bläser bemühen sich um angemessene Tragik, während Condon im bittersüßesten Tonfall gebetsmühlenartig die immergleichen Worte wiederholt, bis sie sich ganz tief einbrennen: "At once, at last, at all." Auf einmal, letztendlich und überhaupt. Sicherlich bietet solch karge, reduzierte Lyrik Interpretationsfreiräume, die bespielt werden wollen. "August Holland" wischt dann mit seiner frühlingshaften Instrumentierung die leichten Anflüge feingliedriger Melancholie direkt wieder vom Tisch. "No no no" klingt letztlich wie die Ankunft am Heimathafen. Ob sein Aufenthalt endgültig oder nur vorbergehend ist, wird die Zeit zeigen. Fernweh ist schießlich ein Feuer, dem nur schwer beizukommen ist.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • No no no
  • At once
  • Fener

Tracklist

  1. Gibraltar
  2. No no no
  3. At once
  4. August Holland
  5. As needed
  6. Perth
  7. Pacheco
  8. Fener
  9. So allowed

Gesamtspielzeit: 29:35 min.

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User Beitrag

Lichtgestalt

Postings: 4751

Registriert seit 02.07.2013

2015-09-15 21:47:31 Uhr
"Leider klingen die Pianosätze alle recht ähnlich. Mich hat es noch nicht ganz. Auf jeden Fall wohl sein schwächstes Album bislang."

Sehe ich auch so. Einige Songs wirken auf mich neben der Gleichförmigkeit etwas tranig.

SundaySmile

Postings: 4

Registriert seit 05.09.2015

2015-09-15 06:02:00 Uhr
Album wird besser und besser! At Once und August Holland sind im Moment meine Favoriten.

Castorp

Postings: 2792

Registriert seit 14.06.2013

2015-09-13 02:52:55 Uhr
Wo nimmt der bloß immer diese traumhaften Melodien her?

captain kidd

Postings: 1659

Registriert seit 13.06.2013

2015-09-12 10:27:26 Uhr
Leider klingen die Pianosätze alle recht ähnlich. Mich hat es noch nicht ganz. Auf jeden Fall ohl sein schwächstes Album bislang.

SundaySmile

Postings: 4

Registriert seit 05.09.2015

2015-09-12 06:01:56 Uhr
at once ist doch super!
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