Culcha Candela - Candelistan

Culcha Candela- Candelistan

Warner
VÖ: 28.08.2015

Unsere Bewertung: 2/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Schlüpper weg

"Welcome to Candelistan! Der Eintritt kostet nur ein High Five!" Ja, das ist doch mal nett, danke! Dann mal auf in dieses ominöse Land. Schließlich sind im Jahr 2015 nicht alle Menschen Fremden gegenüber so offenherzig. "Die Hütte brennt / Und die Meute bounct", schallt es einem im Opener gleich hinter der Pforte entgegen. Dazu gibt es genügend Alkohol und Joints im Culcha-Candela-Universum. Und – natürlich – jede Menge wackelnde Hinterteile. Lässt sich gut an, aber noch haben wir ein paar Probleme mit dieser Sprache hier. Wie gut, dass gleich der bekiffte Jugendsprach-Coach vorbeischaut und klarstellt: "Dicker, bei uns läuft!" Scheint so. In dieser leider immer noch viel zu braunen Welt servieren Culcha Candela uns und ihrer "Candelistan"-Gefolgschaft ein rosarot und himmelblau gefärbtes Universum. Die Message ihrer neuen Platte: Macht Euch locker, vergesst die Sorgen, tanzt und balzt, was das Zeug hält. Hinterm Tellerrand lebt es sich immer noch am besten.

Okay, für die ganzen Dinge, die in Deutschland so mächtig schief laufen, können Culcha Candela nichts. Respekt gebürt den Berlinern dafür, dass sie sich nicht nur auf ihrer Facebook-Seite klar gegen fremdenfeindliche Positionen stellen und als Multi-Kulti-Truppe für Menschlichkeit und Vielfalt einstehen. Eine gewisse Lockerheit ist ihnen mittlerweile auch anzumerken, Culcha Candela nehmen sich wohl nicht mehr allzu wichtig. Scheiße aber war, ist und bleibt – man muss es leider so deutlich formulieren – ihr künstlerischer Output. Klar, es darf, soll, ja muss Spaßmusik geben. Kunst hat auch den Auftrag zu unterhalten. Man möchte es also versuchen mit den Jungs, möchte sich darauf einlassen, auf dieses zumindest bei der Zielgruppe fruchtbare Rezept, das Hirn abzustellen, die Sorgen und Probleme einfach zu vergessen. Zu sommerlichen Salsa-Klängen, HipHop-Beats und Bläsern einfach nur "Alter, was geht?" zu sagen und das High Five richtig deep zu spüren. Aber spätestens, wenn Verse wie "Wir sind wieder back / Mit Salsa, Reggae, Rap / Die Schlüpper fliegen weg" die Texte der Truppe in "La noche entera" statt zum Frohsinn bloß nach Hirn-Amöbistan führen, ist der Malz hoffnungslos verloren – selbst, wenn es an der Bar noch literweise Hopfen(trunk) gibt.

Auch als dem Rausch nicht abgeneigter Mensch fragt man sich, wie viele Pillen man einwerfen oder Cuba Libre in sich schütten muss, um sich zu Zeilen wie "Hey, was ein geiler Groove / Babys shaken ihre Bootys / Und es macht 'Boom boom boom'" nicht unter der nächsten Bar zu verkrümeln. Und auch da wird es schwierig, weil man noch immer vernimmt, was Culcha Candela mitteilen möchten: "Mit 'ner schönen Frau im Arm / Ist die Welt in Butter / Denn sie schaut schön aus / Und sie duftet nach Zucker." Butter und Zucker? Hat da wer Kuchen gesagt? Nun ja, zumindest bauen sich Culcha Candela ihre Songs gerne mal aus altbekannten und vertrockneten Pop-Krümeln zusammen. Das vorab bekannte "La bomba", bei dem Roldán Gonzáles Rivero von der kubanischen Formation Orishas mit"bounct", ist nicht etwa eine Reggae-Songidee der vier fröhlichen Herren aus Berlin. Nein, ein bisschen Salsa-Geklimper und ein paar spanische Rap-Einlagen werden mit dem kaum abgewandelten Refrain von Los Lobos' "La bamba" vermengt. Immerhin die Auskopplung "Wayne" macht mit funky Beat und Ohrwurmpotenzial wenigstens halbwegs unkenntlich, dass auf "Candelistan" beinahe jeder potenzielle Reim zittern muss, nicht im nächsten Moment übers Knie gebrochen zu werden.

So weit also wenig Neues bei Culcha Candela. Auffällig höchstens, dass "Candelistan" musikalisch tiefer im sonnenmilchig-schleimigen Latino-Pop badet und spanischer klingt als etwa die Arsch-fixierte "Flätrate". Umso besser, denn "alle Chicks" werden daher schließlich "touchy wie ein Streichelzoo", wie "La bomba" uns lehrt. Und weil andere Dumpfbacken-Tracks wie "Schöne Frauen" oder "Lass ma einen bauen" schon im Titel für sich selbst sprechen, sind äußerst mediokre Kollaborationen wie "Zeiten ändern sich" mit Albert N'sanda im Kontext dieser sinn- und trotzdem spaßbefreiten Platte´fast unpeinlich – auch, wenn der ständige Spanisch-Französisch-Denglisch-Kauderwelsch nervt. Noch was? Ja. In "Scheiße aber happy" surft der Vierer auf entspannter Salsa-Gitarre in Richtung Selbstironie, zitiert dabei "Ich find Dich scheiße" von Tic Tac Toe, nur um mit diesem beruhigenden Fazit zu schließen: "Wir feiern weiter uns'ren Style / Und finden's einfach supergeil / Es tut uns auch echt leid / Wenn manche Leute uns nicht peil'n / Wir kommen trotzdem übers Radio in Dein Zimmer". Genau, und das macht es noch schlimmer.

(Eric Meyer)

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Highlights

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Tracklist

  1. Welcome to Candelistan
  2. La bomba (feat. Roldán)
  3. La noche entera
  4. Wayne (feat. Curlyman)
  5. Coming home
  6. Traumwelt
  7. Natural (feat. Sir Samuel)
  8. Du weißt
  9. Schöne Frauen
  10. Nie genug
  11. Lass ma einen bauen
  12. Bei uns läuft
  13. Scheiße aber happy
  14. Zeiten ändern sich (feat. Albert N'sanda)

Gesamtspielzeit: 46:24 min.

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eric

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2015-09-07 13:16:45 Uhr
Lügenpressespiegel!
Lichtgestalt (abgemeldet)
2015-09-06 23:12:41 Uhr
*smile*
Lichtgestalt (abgemeldet)
2015-09-06 23:12:19 Uhr
Hoho :D
Lichtgestalt (abgemeldet)
2015-09-06 23:12:03 Uhr
Hehe :D
Lichtgestalt (abgemeldet)
2015-09-06 23:11:49 Uhr
Hihi :D
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