Lamb Of God - VII: Sturm und Drang

Lamb Of God- VII: Sturm und Drang

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 24.07.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Gesprengte Ketten

Wollte man zynisch sein, könnte man sagen, dass es einmal zum guten Ton gehörte, wenn Rockmusiker in gewisse Interessenskonflikte mit dem Arm des Gesetzes kamen. Was allerdings Randy Blythe passierte, ist eine Erfahrung, die man nicht zwingend teilen muss. Denn als Blythe mit seiner Band Lamb Of God im Jahr 2012 auf Tour nach Tschechien einreist, wird er noch am Airport verhaftet. Er habe 2010 einen Fan derart ruppig von der Bühne gestoßen, dass dieser letztlich tödlich verletzt wurde. Und auch wenn Blythe später auf Kaution freikommt, wird Anklage wegen Totschlags erhoben. Der Frontmann tut das einzig Richtige, stellt sich den Vorwürfen und dem Prozess vor Ort in Prag und nimmt darüber hinaus Kontakt zu den Hinterbliebenen auf. Letztlich wird Blythe, der immer wieder seine Unschuld beteuerte, von allen Anklagepunkten freigesprochen, doch natürlich hinterließen die Tage im Prager Gefängnis Pankrác, sowie die Frage, ob er letztlich doch den Unfall hätte verhindern können, ihre Spuren.

Im Fall von "VII: Sturm und Drang", dem ersten Studioalbum seit dem Gerichtsprozess, bedeutet dies vor allem: Mehr Extreme. Denn es braucht nur wenige Sekunden des Openers "Still echoes", um zu erkennen, dass Blythe seinen Gesang auf gewisse Weise radikalisiert hat – die Schreie noch manischer, die Growls tiefer, eine immer beeindruckendere Symbiose aus Emotion und Aggression. Und angesichts der Lyrics, in denen er die Nazivergangenheit seines Gefängnisses thematisiert, auch absolut passend. Nicht minder eindringlich ist "512", bei dem Blythe sein Innerstes nach außen kehrt und seine Gefühle während der Haft beschreibt. "My hands are painted red / My future's painted black / I can't recognize myself / I've become someone else." Knastromantik, my ass...

Nun sind Lamb Of God viel zu gute Songschreiber und ihr Sänger viel zu intelligent, um aus "VII: Sturm und Drang" ein Konzeptalbum mit dem Inhalt "Randy sitzt im Knast" zu machen. Davon zeugt beileibe nicht nur der feiste Groove von "Erase this", sondern insbesondere zwei Songs, die aus der ohnehin schon hochklassigen Masse nochmals herausstechen und so ziemlich zum edelsten gehören, was die Amerikaner bislang zu produzieren imstande waren. Denn "Embers" ist besonders durch den Gastbeitrag von Chino Moreno von Deftones, dem eine solche Leistung auch nicht zwingend zuzutrauen war, und den durch minimale Tempoverschleppung höchst effektiven Refrain ein mächtiges Groove-Metal-Monument, während "Overlord" eine schlicht sensationelle Powerballade ist. Ja, in der Tat – Blythe kann auch Klargesang. Bis der Song nach etwa der Hälfte zu einer wahrhaften Abrissbirne mutiert.

Wenn im Zusammenhang mit einem Album Begrifflichkeiten wie "bisher am ausgereiftesten" oder ähnliche Superlative fallen, ist normalerweise Vorsicht angebracht – allzu oft überdeckt der Eindruck des Neuen die Qualität des Alten. Doch was Lamb Of God mit "VII: Sturm und Drang" auf die Beine stellen, sucht in der Diskographie der Amerikaner in der Tat seinesgleichen. Als schnöde Metalcore-Truppe unter dem Namen "Burn The Priest" gestartet, stößt die Truppe um den in Interviews hochintelligent und eloquent wirkenden Blythe in Sphären vor, die bislang den ganz Großen der Thrash-Szene wie Slayer oder Machine Head vorbehalten waren. Nie sang Blythe variabler, nie saßen die Riffs genauer, um nackenmuskelmordende Grooves höchst präzise einzustreuen. Die Band mag auf die Erfahrungen der letzten Jahre gut und gerne verzichten können. Mit einem derart bravourösen Album im Rücken dürfte die Konzentration auf die Musik umso leichter fallen.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Still echoes
  • Embers
  • Overlord

Tracklist

  1. Still echoes
  2. Erase this
  3. 512
  4. Embers (feat. Chino Moreno)
  5. Footprints
  6. Overlord
  7. Anthropoid
  8. Engage the fear machine
  9. Delusion pandemic
  10. Torches (feat. Greg Puciato)

Gesamtspielzeit: 48:12 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
:D
2015-12-07 20:40:45 Uhr
Diese Titel sind immer so schrecklich prätentiös! :D

Affengitarre

Postings: 5115

Registriert seit 23.07.2014

2015-12-07 20:27:39 Uhr
Hab die Platte ja ganz vergessen, dabei ist sie gar nicht schlecht.

manfredson

Postings: 233

Registriert seit 14.06.2013

2015-07-24 01:13:27 Uhr
Werde gleich mal reinhören, sobald die neue Symphony X (bisher grandios!) durchgelaufen ist. Die Songs, die es von "Sturm und Drang" vorher schon zu hören gab (und das ist ja schon fast das halbe Album) fand ich allesamt klasse. Konnte bisher mit der Band irgendwie nie besonders viel anfangen, aber vielleicht muss ich mich da doch noch mal einarbeiten.

Affengitarre

Postings: 5115

Registriert seit 23.07.2014

2015-07-23 23:24:55 Uhr
Oh, und auf "Torches" ist Greg Puciato dabei, das ist ja eigentlich noch interessanter.

Affengitarre

Postings: 5115

Registriert seit 23.07.2014

2015-07-23 23:23:43 Uhr
Das neue Album der Band, erscheint morgen ist aber bereits bei Spotify anhörbar. Ich habe mich bisher noch nicht besonders viel mit der Band beschäftigt, kann also keine Vergleiche zu den früheren Alben machen, aber das Gehörte klingt ganz nett. Auf dem Song "Embers" findet sich übrigens ein Feature von Chino Moreno, ganz interessant.
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