Kadavar - Berlin

Kadavar- Berlin

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 21.08.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Tres hombres

Lange Haare, lange Bärte, versiffte Klamotten – ganz klar, wer so aussieht, muss definitiv Retro-Rock spielen und aus Schweden kommen. Also mindestens aus Skandinavien. Nun, das mit dem Retro-Rock stimmt ja. Nur Skandinavier, das sind die drei Herren weiß Gott nicht. Allemal scheint die Verwirrung entsprechend groß zu sein, ansonsten hätte das Trio mit dem durchaus nordisch klingenden Bandnamen Kadavar sich nicht bemüßigt gefühlt, ihrer musikalischen Heimat Berlin zu huldigen. Und da sich die Herren mit den wunderschönen Beinamen "Lupus", "Tiger" und "Dragon" auf bis dato zwei Alben als begnadete Eklektiker erwiesen haben, dürfen sie nicht nur die beeindruckendste Fazialbehaarung seit ZZ Top spazierentragen, sondern auch neben einem gewissen anderen Dreiergespann aus Berlin – aus Berlin! – ebenjene Herkunft laut und deutlich verkünden.

Was das mit der Platte zu tun hat? Nichts. Denn die drei Herren, die mit Sicherheit nicht als Werbeträger für Gillette taugen, wollen einfach nur spielen. Und das tun sie auf "Berlin" so herzerfrischend unbekümmert, als hätte es den Erfolg des Vorgängeralbums "Abra Kadavar" nicht gegeben. Oder den Stress mit den Einreise-Visa, der fast dafür sorgte, dass die geplante US-Tour 2013 ins Wasser fiel. Oder der sündhaft teure Oldtimer, der eigentlich als Staffage für einen Videoclip dienen sollte, dann aber nach kurzer Zeit humorlos abbrannte. Nein, "Lord of the sky" beamt die Hörerschaft wie gewohnt in irgendwelche Wüstengefilde der frühen Siebziger. Damals, als Hawkwind noch einen Bassisten namens Ian Fraser Kilmister hatten. Oder als Bobby Liebling noch kein formvollendetes Drogenwrack war, sondern mit Pentagram zu den einflussreichsten Proto-Rockern seiner Zeit zu zählen war. Kurz: Eine Zeit, in der Musik noch ehrlich und frisch von Hand gemacht wurde.

Und das ist in der Tat erst der Anfang. Denn über weite Strecken fuzzt und groovt es, dass es eine wahre Freude ist. "Last living dinosaur" zum Beispiel ist nicht etwa eine traurige Hommage an den fußballerisch dahinsiechenden HSV, sondern lässt die Hörer direkt in die Wippbewegung übergehen. Und "See the world with your own eyes" ist gar derart großartig, dass ein gewisser Fenriz, ehemaliger Kopf der Black-Metal-Rüpel von Darkthrone und mittlerweile höchst stilsicherer Underground-Blogger und Kolumnist, diesen Song in die Playlist für seinen Podcast "Radio Fenriz" aufgenommen hat – neben ansonsten allerlei abseitiger Kost. Wobei – fiel hier gerade die Vokabel "großartig"? Die wahre, wirkliche Glanztat wird (leider) als Bonustrack versteckt, nämlich in Form einer höchst würdigen Coverversion von "Reich der Träume", einem Spätwerk der unvergessenen Nico. Und ja, Christoph "Lupus" Lindemann singt in der Tat deutsch und wirft Wagenladungen an Emotionen in bittersüße Zeilen wie "Lass mich siegen, lass mich sterben / Lass mich lieben, lass mich fliegen."

Es gäbe so manches am immer noch brodelnden Hype um den Retro-Rock im Stil der frühen Siebziger auszusetzen. Und in der Tat werden allmählich die ersten Trendreiter hineingespült, für die es offenbar ausreicht, einen Orange-Verstärker maximal braten zu lassen und sich nie wieder zu rasieren. Kadavar hingegen wirken zu jeder Sekunde Spielzeit ehrlich. Weil hier die kleinsten Details vom "klassischen" Mix bis zu den bärenstarken Songs stimmt. Die Berliner spielen nicht die Siebziger, sie sind die Siebziger. Auch wenn sich diesmal die ein oder andere klitzekleine Länge einschleicht, so dass etwas weniger manchmal mehr gewesen wäre: Kadavar gelingt es weitgehend, die Unbekümmertheit des sensationellen Vorgängers einzufangen. Und zeigen der Welt, dass auch in Berlin staubtrockener Wüstensand zu finden sein kann. Nicht nur in Skandinavien oder Texas.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Lord of the sky
  • Last living dinosaur
  • See the world in your eyes
  • Reich der Träume

Tracklist

  1. Lord of the sky
  2. Last living dinosaur
  3. Thousand miles away from home
  4. Filthy illusion
  5. Pale blue eyes
  6. Stolen dreams
  7. The old man
  8. Spanish wild rose
  9. See the world with your own eyes
  10. Circles in my mind
  11. Into the mind
  12. Reich der Träume (Bonustrack)

Gesamtspielzeit: 52:20 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
The artist
2015-08-19 12:02:34 Uhr
Irgendwann steigst auch du hinter die Schönheit von Berlin. Ganz klar.
Andy
2015-08-19 11:28:57 Uhr
Ich freu mich
Okkulti
2015-08-19 09:29:52 Uhr
Mann wird nie verstehen, weshalb man Nico soviel Bedeutung beimisst, nur weil sie auf ein paar Songs von VU schlecht und stets lamentierend "gesungen" hat und mit der halben Factory gepennt hat. Ihre bizarre Deutschtümelei macht sie auch nicht gerade besser: 1974 nahm sie das Album "The End…" auf, das von der Plattenfirma mit dem Spruch „Warum Selbstmord begehen, wenn Sie diese Platte kaufen können?” beworben wurde, was auf en Song der Doors anspielte. Auf dem Album sang sie unter anderem das Deutschlandlied mit einem kleinen Fehler: In der dritten Strophe ersetzt sie "… sind des Glückes Unterpfand" durch "für das deutsche Vaterland!" sic.

Armin

Postings: 16401

Registriert seit 08.01.2012

2015-08-19 01:12:05 Uhr
Frisch rezensiert! Meinungen?
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