Herrenmagazin - Sippenhaft

Herrenmagazin- Sippenhaft

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 07.08.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 3/10

Reiß die Trauer von den Wänden

An deutschen Wänden hängen so manche Künstler, da hilft alles nix, die man am liebsten mit dem Edding massakrieren möchte oder in Stücke reißen. Künstler, die alleine durch ihre Erscheinung latente Agressionen hervorrufen – selbst, wenn sie nur ein Poster zieren. Bevor wir Namen nennen, widmen wir uns lieber sympathischeren Menschen. Herrenmagazin zum Beispiel. Offensichtlich wird dies nicht nur, wenn man eines der feinen Konzerte der Hamburger besucht oder mit Deniz Jaspersen, Rasmus Engler, Paul Konopacka und König Wilhelmsburg Pilsgläser leert – wobei sich, wie man so hört, mitunter lustige Geschichten zutragen sollen. Ja, selbst Menschen, die nur zum Videodreh eingeladen werden, finden diese Jungs auf Anhieb zum Knuddeln.

Bevor wir uns in reinen Äußerlichkeiten verrennen, sei klargestellt: Auf der künstlerischen Ebene gab es bei Herrenmagazin bisher sowieso nichts zu bemängeln, drei durchweg starke Werke haben die Hanseaten bisher vorgelegt. "Sippenhaft", ihr erster Flirt mit dem großen kleinen Grand-Hotel-van-Cleef-Label, setzt da nur zu gerne noch eins drauf. Friede, Freude, Eierkuchen? Mitnichten, denn schon "Halbes Herz", dieser fröhliche Indierocker, tut nur so. Vielmehr hält das Stück den heute anscheinend als normal geltenden Auswüchsen menschlichen Verhaltens den Spiegel vor: "Du kannst die Dinge nicht verwerfen / Nur um sie irgendwo wieder aufzusammeln." Gesellschaftskritik? Natürlich. Mit Versen wie "Will keine Gläser heben / Ich schlag' in keine Hand / Das ist kein Meer der Weisheit / Sondern der Beckenrand / Dein eigener Kleingeist" schnaufen Herrenmagazin in "Alles so bekannt" gefährlichen gesellschaftlichen Strömungen entgegen und erinnern damit unweigerlich an "Das wird alles einmal Dir gehören", ihre bislang wohl politischste Platte.

Mit zarten Pianoklängen bestückt, setzt die ungewöhnliche Single "Ehrenwort" ein fast größeres Ausrufezeichen – nicht politischer, sondern persönlicher Natur: "Noch im Schutt / Noch im Staub / Noch im Stillen / Bin ich Dein", orakelt Jaspersen im fesselnden Refrain und deutet damit schon zum Auftakt an: "Sippenhaft" ist auch deswegen so großartig, weil es ein persönliches Album geworden ist. Etliche Songs geben dabei den Themen eine Stimme, die normalerweise unter der Oberfläche verharren: Dieses Mal geht es um Herkunft, Abstammung und Familie. Vielen sind Verwandtschaft und Familie heilig – und das zurecht: Nähe, Wärme und das gute Gefühl, dass jemand da ist. Selten aber redet man über die Konstellationen, in denen es kein "offenes Wort / Kein offenes Ohr" gibt, wie das emotionale "Zwischen den Tätern" beschreibt. Auch psychischer Druck, hohe Erwartungen, Neid und familiäre Missgunst werden oft verschwiegen, obwohl auch sie die Persönlichkeit prägen. Auf "Sippenhaft" thematisieren Herrenmagazin das Leben in unbewusster Relation, in vorbestimmter, ewig währender Abhängigkeit – ob gewollt oder nicht: "In Deinem Schatten steht mein Tag / Ich trag' ein Teil von Dir / Wie einen Stein mit mir", gibt sich Jaspersen im Titelstück sehr resigniert, aber deutlich.

Auch der melancholische Ohrwurm "Wir bluten aus" ringt desillusioniert mit den Widrigkeiten eines Lebens, das durch negative Verbandelungen ins Stocken gerät, hat sogar die aschige Urne schon vor den Augen. Zum Glück, muss man fast sagen, ist da dieses "Reißt mich zusammen", ein überschwänglich eingängiger Pop-Rock-Faustschlag, der mit den Erfahrungen jongliert, aber auch nach vorne schaut: "Ein ewiges Kreischen, Kratzen und Beißen / Es wird immer da sein / Tritt alle Türen ein / Doch ich hab' keine Angst." Denn "Sippenhaft" zieht sich trotz aller bittersüßen Ernsthaftigkeit nicht todtraurig zurück. Vielmehr beobachten diese Songs, sie analysieren, bewahren sich zugleich immer auch eine gewisse Distanz, eine elegante textliche Offenheit und jede Menge popmusikalischen Charme. "Sippenhaft" vereint unterm Strich alle Seiten, die man an dieser Band liebt. Auch im Grand Hotel leben Herrenmagazin nicht auf großen Füßen, bleiben die kauzig-traurigen Posterboys von nebenan. Posterboys? Keine Sorge, an der Wand hängen zum Glück schon andere.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Ehrenwort
  • Gärten
  • Reißt mich zusammen
  • Wir bluten aus

Tracklist

  1. Ehrenwort
  2. Halbes Herz
  3. Alles so bekannt
  4. Sippenhaft
  5. Gärten
  6. Zum Teufel
  7. Reißt mich zusammen
  8. Wir bluten aus
  9. Käferlicht
  10. Zwischen den Tätern
  11. Bis Du mir glaubst

Gesamtspielzeit: 40:14 min.

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User Beitrag

Armin

Postings: 12924

Registriert seit 08.01.2012

2015-10-28 18:54:55 Uhr
Herrenmagazin zeigen im neuen Video den harten Alltag ihres Roadies!

Liebe Freunde, liebe Medienpartner,

ab morgen sind Herrenmagazin wieder auf Konzertreise quer durch die Republik. Hieß es früher noch "Selbst ist der Mann": Instrumente schleppen, auf- und wieder abbauen,Tetris im Kofferraum spielen, usw. hat mit dem neuen Album Sippenhaft der Luxus eines Roadies Einzug gehalten. Des einen Freud, des anderen Leid, wie das Video zur aktuellen Single "Halbes Herz" zeigt. Aber schaut doch einfach selbst!

https://www.youtube.com/watch?v=gqnkw-JUBvo

In folgenden Städten und Lokalitäten kann man Herrenmagazin 2015 live erleben und der Crew Trost spenden.

29.10.15 Hannover, Bei Chez Heinz
30.10.15 Rostock, Peter Weiss Haus
31.10.15 Bremen, Tower
01.11.15 Hamburg, Uebel & Gefährlich
03.11.15 Münster, Skater’s Palace
04.11.15 Oberhausen, Druckluft
05.11.15 Berlin, Bi Nuu
06.11.15 Heidelberg, Halle 02 Club
07.11.15 Köln, Gebäude 9
09.11.15 Leipzig, Täubchenthal
10.11.15 Nürnberg, Club Stereo
11.11.15 A – Wien, B72
12.11.15 München, Milla
13.11.15 Wiesbaden, Schlachthof
14.11.15 Jena, Cafe Wagner
Präsentiert von byteFM, Intro, TAZ und tonspion.de

Obrac

Postings: 983

Registriert seit 13.06.2013

2015-08-15 10:33:16 Uhr
"Zuärrrst! Zuärrrst! Zuärrrst!"

eric

Postings: 1881

Registriert seit 14.06.2013

2015-08-10 11:54:51 Uhr
Och nö! Nun machen also auch Herrenmagazin befindlichkeitsfixierten Indiepop. Nix mehr zu sehen vom Flow der ersten Jahre.

Kann außer dem Oberthema der Platte auch nichts entdecken, dass groß 'befindlichkeitsfixierter' wäre als bei der letzten Platte.

50% der Songs Balladen? Herrenmagazin waren immer dann stark, wenns ein bißchen flott nach vorne ging.

Hm, das siehst Du vielleicht so, und andere mögen ihre ruhige, nachdenkliche Seite; die mehr akustische Tour mit Dear Reader (TV Noir) war übrigens toll. Und naja, Balladen, als wären sie je besonders 'hart' gewesen. ;)Schrammelsongs gibt's auch genug auf diesem Album.
Ant Wörder
2015-08-09 21:53:57 Uhr
In einem Paralleluniversum, vielleicht?

Now Playing: Plastica - Nothing else antimatters
Ernst G. Meint
2015-08-09 18:02:10 Uhr
In welchem Universum sind solche Postings wie die letzten beiden witzig? Was soll das? Was muss schiefgelaufen sein, damit man der Meinung ist, so etwas unwitziges posten zu müssen?

@Elwood
"Befindlichkeitfixiert" ist ein adjektiv, welches immer dann verwendet wird, wenn die sinnvollen Argumente ausgehen.
Zum kompletten Thread

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