Sleaford Mods - Key Markets

Sleaford Mods- Key Markets

Harbinger Sound / Cargo
VÖ: 24.07.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Produkt der Orientierungslosigkeit

Als Jason Williamson ein kleiner Junge war, nahm ihn seine Mutter öfter mit in den "Key Market" – ein riesiger Supermarktkomplex im Zentrum ihrer Heimatstadt Grantham – und kaufte dem Sohnemann eine große Cola in einem Plastikbecher. Zwischen lackierten Holzleisten und geblümten Lampenschirmen schlürfte Williamson am Strohhalm. Für den Texter und Rapper der Sleaford Mods ist diese Mall heute ein Sinnbild für die Orientierungslosigkeit des modernen Lebens – und ein passender Titel für das dritte Album, das nun bei Harbinger Sound erscheint. Das Album wurde zu verschiedenen Zeiten zwischen Sommer und Herbst 2014 aufgenommen, als das Duo quer über den Kontinent tourte.

Es ist die konsequente Fortsetzung ihres mit dem Vorgänger "Divide and exit" eingeschlagenen Wegs: Die rohen Lo-Fi-Beats und kantigen Basslines von Partner Andrew Robert Lindsay Fearn bilden die Grundlage, auf der sich Williamson mit viel Wut und breitem East-Midlands-Dialekt durch die Mängelliste seiner Erfahrungswelt rappt. The Prodigy waren vom Vorgänger-Album des Duos so begeistert, dass sie mit ihm den Song "Ibiza" für ihr letztes Album aufnahmen. Während The Prodigy jedoch mit grellem Electro-Gewitter arbeiten, regiert bei Sleaford Mods die pure Schlichtheit. Die ungeschönten Texte, die oft mit den Arbeiten von Punk-Poet John Cooper Clarke verglichen wurden, stehen auch diesmal wieder ganz klar im Vordergrund. Wer hinter die Assi-Attitüde blickt, wird überrascht sein. Sleaford Mods sind aufmerksame Beobachter ihrer Umwelt. Ihre Songs sind ungeschönte Berichtserstattungen aus nächster Nähe. "Noch immer beschäftigen wir uns mit der Auslöschung des Einzelnen, Größenwahn und der Sinnlosigkeit der Regierungspolitik", sagt Williamson. Sleaford Mods wandeln ihre Beobachtungen um in einen Sound, der eine Mischung aus The Fall, den Sex Pistols und The Streets, ein Hybrid aus Post-Punk und HipHop ist, dabei aber voll und ganz nach 2015 klingt.

Bester Track der Platte ist "No one's bothered" – ein Kommentar zum "ongoing car crash that is human behaviour under Capitalism", wie es der Frontmann beschreibt. Musikalisch erinnert der Song an die frühen Meteors. Sehr eindrücklich ist auch "Bronx in six". Williamson haut Wortsalven in einem Tempo heraus wie Miley Cyrus Nacktfotos auf Instagram. Auch "Face to faces" überzeugt mit seinem aggressiven Charme. Eine Erwähnung gebührt auch "Giddy on the ciggies", bei dem das Duo ordentlich aufs Gas drückt und das sich bestens für den Dancefloor eignet.

Besonders abwechslungsreich ist "Key Markets" auf Dauer nicht. Aber es nutzt sich auch nicht ab. Und wer reine Unterhaltung sucht, der ist hier eh an der falschen Stelle. Dies ist ein Soundtrack zum Fäusteballen, Bandenbilden und Rebellieren – aber auch zum Tanzen und Nachdenken. Sleaford Mods sind ein Sprachrohr, das aus einem tiefen, dunklen Schacht aus der Mitte der englischen Gesellschaft emporragt und aus dem es laut nach Umbruch schallt. Sie sind wütend, aber nicht konsterniert. Sie haben was zu sagen. Sie sind derzeit "the most no-nonsense band in Britain".

(Sebastian Meißner)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • No one's bothered
  • Bronx in six
  • Face to faces

Tracklist

  1. Live tonight
  2. No one's bothered
  3. Bronx in a six
  4. Silly me
  5. Cunt make it up
  6. Face to faces
  7. Arabia
  8. In quiet streets
  9. Tarantula deadly cargo
  10. Rupert trousers
  11. Giddy on the ciggies
  12. The blob

Gesamtspielzeit: 33:21 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

Rote Arme Fraktion

Postings: 2753

Registriert seit 13.06.2013

2016-02-16 21:17:26 Uhr
Ziemlich coole Mucke. Der Bass erinnert an "The Gun Club".
krasser Punk von der dreckigen Straße äh Uni
2015-07-25 20:47:24 Uhr
Die Mods sind wirklich klasse. Endlich mal raue, authentische Musik aus der tiefsten Unterschicht. Die singen von ihren krassen Erfahrungen im Callcenter. Cool! Sowas hat dem Markt noch gefehlt. Krassvollprekär das ganze.

Aber total verwahrlost und unbürgerlich sind die zum glück nicht, deswegen kann ich mich voll mit denen identifizieren, mein Studentenleben war auch voll Härte und die Mods sprechen mir aus der Seele. Bin manchmal auch angekotzt von der Arbeit im Büro und mich überfällt dann dieses Unterschichtenfeeling, genauso gehts den Sleaford Mods.
Naja
2015-07-25 14:15:59 Uhr
Anne Clark für Hooligans.
Just Knackschuh
2015-07-25 00:37:43 Uhr
Sleaford Mods sind die "Kommando Sonne-nmilch Englands". Der Williamson kotzt sich fast so schön aus wie Punk-Ikone Jens Rachut.
Just Knackschuh
2015-07-25 00:34:52 Uhr
"Wenn ich meine Visage in der Zeitung sehe, wenn mich jeder auf der Straße erkennt, das fühlt sich schon gut an. Vor allem als Rache gegenüber den ganzen Wi.chsern, die geglaubt haben, ich kriege das eh nicht hin. Der Unglaube auf den Gesichtern? Unbezahlbar, fu.cking brilliant!"

Kann ich sehr gut nachvollziehen, haha!

Und ja, es gibt nichts schöneres, als seine Träume zu verwirklichen und dann in die beschissenen Gesichter all derer zu grinsen, die einen nur niedergeschrieben und nie an einen einen geglaubt haben!!! In! Your! Face!
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify