lotte ohm. - 17°

lotte ohm.- 17°

WEA
VÖ: 24.07.2000

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Zwischen diesen Zeilen

Wer sich heutzutage noch traut, deutschsprachigen Sprechgesang auf Platte zu bannen, hat meist nur eines im Sinn: die Spitze der Charts. In Zeiten, in denen selbst talentfreie Soapsternchen und weich geklopfte Ex-Containerbewohner ihre Nichtfähigkeiten immer wieder aufs Neue beweisen, erfreut es den geneigten Hörer dann um so mehr, wenn eine Neuveröffentlichung einem das Gefühl gibt, daß es doch noch so etwas wie ausgefeilte Texte und gefühlvolle Produktionen gibt. Besonders bemerkenswert ist hierbei, daß Vincent Wilkie, der Kopf von lotte ohm., fast alle Instrumente in Eigenregie bearbeitet hat. Das Spektrum, das er sich hierbei musikalisch und textlich erschließt, darf ruhig als gutes Beispiel dienen. Es gilt Wortspiel as Wortspiel can.

Das Augenzwinkern, mit dem er in "Eigentlich einfach (eigentlich nicht)" sich von Lee Buddah Karrieretips geben läßt ("Du wolltest doch Hits schreiben / aber ich höre die Single nicht") strömt aus den meisten Tracks heraus. Zwischen folkiger Gitarre, schwitzenden Beats, nostalgischer Plastikorgel und abstrakten Klanggebilden machen sich Einsichten breit wie "John Travolta braucht das Land" oder "Ich kriege Kopfschmerzen nicht nur von Popkonserven." Von diesen ist auf "17°" erfreulich wenig zu hören. Selbst "Hinter diesen Mauern", die Zusammenarbeit mit Sven Franzisko (Ex-Fischmob), die sich als deutsche Titelmusik von "Dungeon Keeper II" sogar einige Wochen in den Charts herumtrieb, ist erfrischend anders. Im wohl schönsten Lied der Platte heißt es "Ich brauch' nicht viel, um glücklich zu sein / Dich brauch' ich nicht." Ob wir allerdings das verschwebte Cover von Tocotronics "Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen" brauchen, steht auf einem anderen Blatt.

"Wenn Du sagst, was Du willst, bist Du selbst schuld, wenn Du's bekommst." Diese Zeilem aus der sensiblen Hommage an Joni Mitchell legen den Finger in die Wunde. Wir scheinen an der "Misere deutscher Sprechgesangsmusik", die einst Smudo postulierte, selber schuld zu sein. Damals forderte man "Kein Applaus für Scheiße". Der Umkehrschluß sei uns aber auch erlaubt. Auch wenn Wilkie in "Leider nicht dabei (mehr Definitionsmacht)" kundtut - "Macht Euren Dreck mal schön allein / ich bin leider nicht dabei" - und sich scheinbar aus der Verantwortung stiehlt, zeigen doch seine Texte einen anderen Weg auf. Das Lob geht an den Herrn auf der weißen Couch.

(Oliver Ding)

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Highlights

  • Joni
  • Hinter diesen Mauern
  • Wege zur Glückseligkeit

Tracklist

  1. Die Abenteuer des Gustav Gans
  2. Mr. Vertigo
  3. Ich erkläre Dir die Welt
  4. Will nicht
  5. Was nun tun?
  6. Joni
  7. Lachen, wenn es weh tut
  8. Ferien in Sagrotan
  9. Hinter diesen Mauern
  10. Wege zur Glückseligkeit
  11. Eigentlich einfach (eigentlich nicht)
  12. Protestsong gegen alles
  13. Manipulateure
  14. Leider nicht dabei (mehr Definitionsmacht)
  15. Ich bin viel zu lange mit Euch mitgegangen

Gesamtspielzeit: 52:56 min.