Holly Herndon - Platform

Holly Herndon- Platform

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 15.05.2015

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Mensch und Suchmaschine

Auf den Bildern, die zu Promozwecken von ihr gemacht wurden, sieht Holly Herndon unmenschlich aus. Die eisblauen Augen der Künstlerin schauen durch den Betrachter hindurch, die strenge geometrische Figur rahmt das rundliche Gesicht akkurat ein, die vollen Lippen wirken, als seien sie noch nie geküsst worden: Herndon erinnert an eine Schaufensterpuppe. Mit ihrer Musik geht sie den umgekehrten Weg: Sie imitiert nicht das Artifizielle, sondern stellt es besonders heraus, menschliche Elemente hingegen werden behutsam zerhackstückelt und spielen im Suchmaschinen-Pop der Amerikanerin eine untergeordnete Rolle. Wobei man freilich immer mitdenken muss, dass man Mensch und Maschine in diesem Falle kaum voneinander trennen kann. Diktiert nicht Herndon ihrem Computer, was er zu spielen hat? Oder ist es der Computer, der von ihr, der Künstlerin, Besitz ergriffen hat und sie nun durch die weite Welt der Popkultur lenkt? Letzteres mutet fast wie ein albtraumhaftes Szenario aus einem Philip-K.-Dick-Roman an.

Mit ihrer Musik lotet die Amerikanerin also aus, inwieweit Technik und Digitialisierung unser alltägliches Leben beeinflussen. Doch tut sie dies eben nicht allein mit schnöder Lyrik, nein, hier ist vor allem auch das Medium die Message: Ihr Sound zirkuliert zwischen den Festplatten, jongliert mit den Bits und den Bytes, atmet die britzelnd-kühle Luft kurzgeschlossener Schaltkreise und verzichtet dabei auf gängige Pop-Elemente wie Strophen und herkömmliche Refrains. Stattdessen gibt es stotternde, stolpernde Beats, verhallte Stimmfetzen aus dem fernen Orbit und technoide Fieberschübe. Am besten gelingt ihr das gleich zu Beginn, wenn ohnehin alles frisch und neu anmutet: Der patchworkartige Opener "Interference" bringt Herndons Sound direkt auf den Punkt, grätscht die Hörgewohnheiten unmittelbar nieder und nimmt doch gefangen: Klingt so die Zukunft der intelligenten Tanzmusik?

Wenn man sich dem folgenden "Chorus" widmet, so kann die Antwort fast nur "Ja" lauten, kursiert ebenjener Track doch schon seit Monaten im Netz und sorgte für aufgeregte Jubelstürme in den entsprechenden Kreisen. Herndons verfremdete Stimme pendelt in diesem lasziven Stück kopfüber durch eine kaputte, einst aus alten Notebooks erbaute Kathedrale. Und obwohl auch dieser Song mit gewohnten Strukturen bricht, ist er das vielleicht konventionellste Puzzleteil dieser "Platform", das wichtigste indes ganz gewiss. Im Anschluss an den starken Auftakt versumpft Herndon in immer experimentelleren Gefilden: "Unequal" ist reiner Vokalextremismus, "Lonely at the top" hingegen ein von Tastatur-Anschlägen und Papierrascheln untermalter Spoken-Word-Dialog, der eine unheimliche Stimmung evoziert, obwohl er nur von einer obsessiven Massage-Therapeutin handelt, die im Flüsterton ihre Patientin beschwört. Okay, das klingt schon ein wenig balla-balla. Und letztlich ist es auch genau das. Holly Herndon liebt und lebt die Extreme. Aus ihren Blicken wird man dabei nicht schlau.

(Kevin Holtmann)

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Highlights

  • Interference
  • Chorus

Tracklist

  1. Interference
  2. Chorus
  3. Unequal
  4. Morning sun
  5. Locker leak
  6. An exit
  7. Lonely at the top
  8. DAO
  9. Home
  10. New ways to love

Gesamtspielzeit: 50:04 min.

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User Beitrag

Randwer

Postings: 955

Registriert seit 14.05.2014

2015-07-19 22:24:26 Uhr
Okay, verstanden. Im Text wirds ja auch nicht verrissen.

poser

Postings: 2254

Registriert seit 13.06.2013

2015-07-19 22:07:32 Uhr
Tolles Album. Gerade diese üblichen Kontraste zwischen dem sehr weiblichen Gesang und den harten Beats, als sowohl auch dem Cross-over-appeal durch diese lebendigen Arrangements finde ich sehr interessant. Mit Sicherheit eines meiner Lieblinge dieses Jahr.

Armin

Postings: 13429

Registriert seit 08.01.2012

2015-07-19 22:07:31 Uhr
Verriss?

6/10 = "Gutes Album"!

Randwer

Postings: 955

Registriert seit 14.05.2014

2015-07-19 22:03:58 Uhr
Zur Rezi kann man nur sagen, dass die Geschmäcker eben verschieden sind. Ist ja auch gut so. Verriss hin oder her. Mir gefällt das Album nach wie vor.
Nebenbei, bei den Referenzen vermisse ich AGF.

kingsuede

Postings: 1060

Registriert seit 15.05.2013

2015-05-26 19:35:44 Uhr
Ist auch schön geworden. Teilweise sehr zerfasert, aber mit "Home", "Interference" und "Morning sun" treibende und durchaus tanzbare Stücke drauf. Muss ich noch öfter hören, Vinyl ist aber unterwegs.
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