Hey Mother Death - Highway

Hey Mother Death- Highway

Paper Bag / Rough Trade
VÖ: 10.07.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

On the road

"Bye bye, Hollywood Hills forever." Worte, bei denen der Plattentests.de-Kenner weiß, was zu tun ist: Man lese den Satz, schließe auf Sunrise Avenue und renne weg. Lässt man Samu Habers Formatradio-Institution allerdings außer Acht – ein überaus lohnendes Unterfangen –, könnte einem bei diesem Ausspruch auch Regisseur David Lynch in den Sinn kommen. Dieser distanziert sich seit geraumer Zeit so weit wie möglich von der Traumfabrik und entlarvte sie in "Mulholland Drive" als menschenverachtenden Fleischwolf der Unterhaltungsindustrie – untermalt von gespenstischen Twangs und wabernden Hallenbädern aus Soundscapes, lange bevor er auf die Idee kam, eigene Platten zu machen. Womit wir schon ziemlich nahe bei Hey Mother Death wären, auch wenn das Duo nicht in Hollywood, sondern im kanadischen Halifax residiert.

Denma Peisinger und Laurence Strelka streifen auf den vier länglichen Songs ihres ersten Albums nämlich vor allem Lynchs geisterhafte Klanginstallationen, durch die häufig entrückte weibliche Vocals wehen – egal, ob der "Highway" im Titel ein verlorener ist oder welche Landerhebungen mit der Auskopplung "The hills" genau gemeint sind. Analog dazu gibt diese knappe halbe Stunde ihr Geheimnis nie ganz preis, changiert spannungsgeladen zwischen düsterer Bar-Musik samt lasziv französelnder Stimme, schwer atmenden Dub-Rhythmen, atonal dazwischenfahrendem Gitarren-Noise und rütteligen Industrial-Versatzstücken. Oder wie Jack Kerouac sagte, "On the road"-Autor und Intimus von Allen Ginsberg, dem Hey Mother Death ihren Bandnamen verdanken: "Wir konnten nirgendwo hingehen – außer überallhin." Aber erst mal schön hiergeblieben.

Der Hörer will schließlich nicht verpassen, wie das Titelstück zunächst mit einem "Kids in America" von Kim Wilde evozierenden Bass-Synthie auf die falsche Fährte lockt, ehe Strelka in schwer akzentbefrachtetem Englisch so jenseitig singhaucht, als stünde plötzlich Nico mit belegten Stimmbändern oder gar eine auf aphrodisierender Pappe hängengebliebene Jane Birkin im Raum. Instrumentalist Peisinger fährt abwechselnd psychedelisch das Griffbrett rauf und runter, entlockt den Saiten an- und abschwellende Licks und lässt am Ende alles in undurchdringlichen Schwaden aus zerrenden Reverbs versinken. Die Rhythmusmaschine gerät dabei wiederholt aus dem Takt, verschluckt sich, kracht frontal gegen die Wand und verschwindet dann spurlos – die Grenzen zwischen bleichgesichtigem Dub und atonaler Improvisation sind hier fließend.

Doch außer bei spukiger Filmmusik mit weggetretenen Spoken-Word-Einlagen knüpfen diese somnambul daherwankenden Tracks auch an vielen anderen Stellen an: Mehrfach poppt der gereizte 15-Minüter "Casual Friday" auf, den Gavin Russom und Delia Gonzalez einst als Black Leotard Front für DFA Records aufnahmen, und "Bad sex" beobachtet Portishead bei krautiger Rosskur mit der Salbe Stroptozen in einem Eros-Center voll rotem Samt. Während Peisinger und Strelka danach im Duett die "Snake power" beschwören, schleicht sich "Highway" allmählich aus und nickt im Vorbeigehen kurz Altmeister Henry Mancini und dem Groove des "Pink panther"-Titelthemas zu. Noch eine Wurstschnitte, dann müssen Hey Mother Death wieder zurück auf die Straße – der schwere Qualm eines Albums mit köstlicher Sogwirkung hängt aber noch lange in der Luft.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • The hills

Tracklist

  1. Highway
  2. The hills
  3. Bad sex
  4. Snake power

Gesamtspielzeit: 28:00 min.

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Armin

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2015-07-19 22:37:18 Uhr
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