Christopher Owens - Chrissybaby forever

Christopher Owens- Chrissybaby forever

Bandcamp
VÖ: 27.05.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die Auferstehung

Er ist wieder da. Ohne pinken Cowboyhut, ohne alberne Weste, ohne das absurde Getue. Christopher Owens hat mit seinen 35 Jahren wahrscheinlich mehr erlebt als viele andere in ihrem ganzen Leben, und obgleich er sein erstes Album als Teil von Girls erst 2009 – also vor gerade mal sechs Jahren – veröffentlicht hat, scheint der Mann aus Florida bereits mehrere Karrierestufen heraufgeklettert und heruntergefallen zu sein. Nachdem Girls sich 2012 trennten, nahm Owens zwei Alben auf: Sein Solodebüt "Lysandre" drehte sich um die Liebe zu dem gleichnamigen besungenen Mädchen – eine Geschichte, die zum Ende des Werkes keinen gutes Ausgang hatte. War Owens hier musikalisch noch recht nah an seinem bisherigen Output mit Girls dran, ging das 2014 erschienene "A new testament" in eine komplett andere Richtung. Leider, möchte man fast sagen.

Nicht mal ein ganzes Jahr später veröffentlicht er nun seinen dritten Soloversuch mit dem klangvollen Namen "Chrissybaby forever" über seine Bandcamp-Seite einfach selbst. Das Album ist auf Vinyl erst ab August 2015 erhältlich, der Blick aufs Cover lässt bereits erahnen: Owens hat den Pseudo-Country zum Glück hinter sich gelassen und den Hut, wie erhofft, an den Nagel gehängt. Stattdessen präsentiert er sich in Zwangsjacke mit ängstlichem Blick über die Schulter. In einem Interview ließ er verlauten, dass er mit seinen beiden letzten Alben Geld verloren statt wirklich verdient habe. Mit "Chrissybaby forever" hat er sich dennoch alle Freiheiten genommen, was womöglich seine beste Entscheidung seit langem war. Es ist nicht unbedingt auf Girls-Niveau, an deren beiden Meisterwerke "Album" und "Father, Son, Holy Ghost" kommt es nicht ganz heran. Aber es ist ein Schritt nach vorne, und vor allem: Es klingt ehrlich und authentisch.

Sofort fällt auf, dass es vor allem den rohen, ungeschönten Charakter hat, der vor allem "Album" auszeichnete. Das liegt zum Teil sicher auch daran, dass "Chrissybaby forever" in Eigenregie entstanden ist, könnte aber auch ein Zeichen dafür sein, dass Owens auf eine glatte Produktion schlicht keinen besonderen Wert gelegt hat. Der unschuldige Charme von "What about love" mitsamt seinem Reggae-ähnlichen Rhythmus und dem Kinderchor in der zweiten Hälfte wärmt jedenfalls das von schlechten Nachrichten geplagte Herz, die Hauruck-Dynamik von "Coffee and tea" stachelt hingegen zu Abenteuern an. Mit dem hinsichtlich Owens' Familienhistorie sicher nicht ganz unerfahrenen Wortspiel in "Heroine (got nothing on you)" geht es zurück in den Girls-Sommer 2010, als "Album" schon ein paar Monate auf dem Buckel hatte und die Beziehung dazu reifen konnte.

Das Highlight des Albums kommt aber erst in der zweiten Hälfte – und dann gewaltig: Die Songreihe zwischen "Waste away" und "I love you like I do" dürfte mit zum Besten gehören, das je Owens' Kopf entsprungen ist. Melancholisch-düster startend, gewinnt diese besondere Art von Medley mit dem instrumentalen "Susanna" einen sanften Euphorie-Aufschwung, der im unbeschwerten "When you say I love you" seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. "I love you like I do" ist die logische Weiterführung dessen, gibt dem Kinderchor wieder eine Bühne und beendet den Songzyklus zwar nicht mit einem großspurigen Feuerwerk, aber doch mit einem gemütlich-romantischen Lagerfeuer. Mit dem abschließenden "To take care of myself again" vereint der 35-Jährige dann tatsächlich seine früheren Girls-Tage mit dem Besten aus seinem Alleingang. Sogar der leicht countryeske Hauch von "A new testament" hat hier Platz, um sich angemessen zu entfalten. Er ist eben ein Chamäleon, dieser Mann aus Florida, bei dem man nie weiß, was als nächstes kommt. Nach diesem Album lässt sich aber ohne Zweifel sagen: Wir sind mehr als gespannt.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Heroine (got nothing on you)
  • What about love
  • Waste away
  • When you say I love you
  • I love you like I do

Tracklist

  1. Intro
  2. Another loser fuck up
  3. Music of my heart
  4. Coffee and tea
  5. Me oh my
  6. Heroine (got nothing on you)
  7. What about love
  8. Out of bed (lazy head)
  9. Selfish feelings
  10. Waste away
  11. Susanna
  12. When you say I love you
  13. I love you like I do
  14. Inside out
  15. Come on and kiss me
  16. To take care of myself again

Gesamtspielzeit: 54:14 min.

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