Nils Frahm - Music for the motion picture Victoria

Nils Frahm- Music for the motion picture Victoria

Erased Tapes / Indigo
VÖ: 12.06.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Sieger der Herzen

Noch vor Beginn ist da nur eines: Verwunderung. Oder vielmehr Überraschung? So oder so kommt man nicht um ein ungläubiges Stirnrunzeln herum, wenn man sich die bisherige Karriere des 32-jährigen Nils Frahm anschaut. Bereits seit 2005 veröffentlicht der in Hamburg geborene, mittlerweile aber in Berlin lebende Pianist in angenehmer Regelmäßigkeit seine Werke, die im klassischen Bereich nicht nur in Deutschland, sondern auch international bejubelt werden. Von Kollaborationen mit F.S. Blumm oder Ólafur Arnalds über Gastspiele mit Musikern aus dem elektronischen Bereich wie Chris Clark bis hin zur langjährigen Zusammenarbeit mit der Cellistin Anne Müller hat Frahm immer wieder etwas zu sagen – und das ganz ohne Worte. Er benötigt nur die 88 Tasten seines Klaviers. Dass er davon nie genug bekommt, beweisen nicht nur seine kommerziellen Werke, sondern auch die zum kostenlosen Download angebotenen Alben wie "Screws", welches Frahm nach einer Daumenverletzung aufgenommen hat, oder das erst im April 2015 veröffentlichte "Solo", das er im Zuge des von ihm erfundenen "Piano Day" zur Verfügung stellte. Er ist ein Arbeitstier, dieser Nils Frahm. Umso erstaunlicher, dass mit "Music for the motion picture Victoria" tatsächlich der erste Soundtrack dieses Mannes vorliegt, dessen Melodien ganz eigene Filme vor dem inneren Auge abspielen lassen.

Er habe auf etwas Besonderes gewartet, sagte er. "Victoria", Sieger des Deutschen Filmpreises 2015 in der Kategorie "Bester abendfüllender Spielfilm", könnte kaum noch besonderer sein. Regisseur Sebastian Schipper, der sich ebenfalls über eine Auszeichnung freuen durfte, hat 16 Jahre nach seinem grandiosen Meisterwerk "Absolute Giganten" etwas geschaffen, das fast so irrwitzig klingt, wie es letzten Endes auch ist: Der Film, der aus einer einzigen, 140-minütigen Kameraeinstellung besteht, ist nichts für den typischen Popcorn-Kino-Genießer. Genau richtig also für Frahm, der den Soundtrack mit seinen Mitmusikern im Studio einspielte, während der Film – den sie bis dahin noch nicht gesehen hatten – in Dauerschleife lief. Herausgekommen ist ein erstaunliches Album, das mitreißt, aufwühlt, hier und da aber sogar beruhigt und auch ohne die visuelle Unterstützung seine ganz eigene Wirkung hat. Den Anfang macht jedoch nicht Frahm selbst: "Burn with me (Victoria edit)" ist ein Stück des Flensburgers DJ Koze, der den Hörer in einen pechschwarzen, verrauchten Nachtclub entführt. Wirkt der wummernde Beat anfangs noch, als würde er zum Tanzen einladen wollen, entpuppt er sich mit jeder weiteren Sekunde als bedrohliches Monster. Ein unterschwelliger Bass sorgt für Beklemmung, verzerrte Synthies für Unwohlsein, das Klopfen für einen unregelmäßigen Herzschlag. Der Gesang scheint durch einen tranceartigen, vernebelten Drogentrip ausgelöst zu werden, tanzen will hier niemand mehr. Aber nach Hause gehen auch nicht.

Es wird stellenweise unbequem, das ist klar. Bei den restlichen acht Stücken übernimmt Frahm selbst die Führung, wirkliche Ruhe kehrt dennoch nur selten ein. Es gibt sie aber, diese kleinen Momente, in denen jegliches Unheil auf der Welt fern bleibt: Im hauchzarten "Them" etwa, bei dem man mit geschlossenen Augen fast annehmen möchte, dass man sich am Meer befände, während sich die Schönheit des Stücks dank des Pianos und der Streicher langsam entfaltet. Unheilschwanger und deutlich düsterer ist das trotz des bedrohlich klingenden Titels eher zerbrechliche "The shooting", und im siebenminütigen "The bank" zeigt sich das Grauen anfangs nur maskiert, lässt insbesondere aber in der zweiten Hälfte sämtliche Hüllen fallen. Oft ist es aber tatsächlich so, dass die Songnamen in Kombination mit den Liedern für gewisse, durchaus passende Gefühle sorgen. Der Zweifel und die innere Unruhe durchzieht das minimalistische "A stolen car", die aufwühlende Aufregung in den letzten Sekunden vor einem einschneidenden Erlebnis herrscht in "In the parking garage" vor. Die nackte Angst und schiere Verzweiflung schwingt dafür in jeder einzelnen Note von "Nobody knows who you are" mit – was auf Frahm selbst natürlich schon lange nicht mehr zutrifft, nach diesen knapp 40 Minuten aber endgültig sein dürfte. Willkommen in Deinem ganz eigenen Film, Nils. Wir freuen uns auf die nächste Szene.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • A stolen car
  • Them
  • Nobody knows who you are

Tracklist

  1. Burn with me (Victoria edit) [DJ Koze]
  2. Our own roof
  3. A stolen car
  4. In the parking garage
  5. Them
  6. The bank
  7. The shooting
  8. Nobody knows who you are
  9. Pendulum

Gesamtspielzeit: 41:58 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Ich habs durchschaut
2015-07-02 00:21:42 Uhr
Nils Frahm klingt so ähnlich wie Pilzrahm. Zufall? Ich glaube nicht.

Jennifer

Postings: 1519

Registriert seit 14.05.2013

2015-07-01 23:10:41 Uhr
Frisch rezensiert. Meinungen?
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