Kamasi Washington - The epic

Kamasi Washington- The epic

Brainfeeder / Ninja Tune / Rough Trade
VÖ: 15.05.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Die unendliche Geschichte

Eine weitläufige, ausschweifende Erzählung nennt man Epos. Epen gibt es nicht nur in der Literaur: Die drei Filmteile von "Herr der Ringe" etwa sind mindestens ebenso episch wie die noch mal sehr viel detailliertere Romanvorlage. Das heißt aber nicht, dass die Musik zu solchen Filmen automatisch ebenfalls episch wäre: Üblicherweise arbeitet die Titelmelodie ein Grundthema en detail aus und der Rest der Filmmusik sind dann passend aus- und umgearbeitete Varianten davon.

Auch wenn im Straight-Ahead-Jazz ein wiederkehrendes Thema eine wichtige strukturgebende Komponente ist, hat sich Kamasi Washington auf seinem ersten "richtigem" Soloalbum nicht an Filmmusik orientiert. Aber was heißt schon Soloalbum: Seine zehnköpfige Band Next Step wurde noch bedarfsweise mit 32 Orchestermusikern und 20 Chorsängern ergänzt. Das erklärt dann auch, warum manche seiner Jazz-Stücke immer wieder mal diesen orchestralen Touch bekommen, den man mit Weltraumschlachten assoziiert. Schließlich bietet "The epic" mit seinen drei CDs und knapp drei Stunden Spieldauer genügend Raum, um seinen musikalischen Erzählungsdrang auszuleben.

Wer aufgrund Washingtons Zusammenarbeit mit Künstlern wie Flying Lotus oder Snoop Dogg jetzt eine Art Neuerfindung des Jazz durch Annäherung an Hiphop oder andere Popspielarten erwartet hat, wird wohl überrascht werden: Hier haben sich eine Menge talentierter junger Jazz-Künstler zusammengetan, um den Bebop neu zu beleben. Gleich der erste Track "Change of the guard" holt über 12 Minuten genug Luft, um dem Genre frischen Atem einzupusten. Schon die erste Minute des Stücks zeigt, was Washington zu bieten hat: Eingeleitet von Piano und Trommelwirbel, geben die Bläser das Grundthema vor, während die reichlichen Mitstreiter für Volumen sorgen. Raum für Improvisationen gibt es reichlich, wobei dann oft Chor und Streicher des Orchesters zum Einsatz kommen, um den Übergaben etwa von Piano über Trompete zu Saxophon-Soli mehr Struktur zu geben. Das erlaubt dann auch den beiden Drummern, Washingtons Saxophon-Eskapaden entsprechend zu begleiten. Wenn dann "Change of the guard" verklingt, kann man den Eindruck gewinnen, der Start in die unendlichen Weiten des Weltraums sei gelungen.

Natürlicherweise variiert das Tempo auf "The epic". So ist "Askim" deutlich handzahmer als der Opener, bevor Rhythmussektion und Chor das Tempo zum Finale anziehen. Die Güte der Musiker um Washington prägt die Songs dabei immer wieder deutlich. In "Final thought" wechseln sich interessante Soli, etwa von Keyboarder Brandon Coleman, und perfekte Harmonie der Musiker, z.B. zwischen Bass, Drums und Bläsern ab. Überhaupt ist Stephen Brunners Bassspiel eindrucksvoll, wie er etwa in "Miss Understanding" das Tempo hochhält und schließlich in einem ausdrucksvollem Solo abschließt. Natürlich hat auch Washington immer wieder genügend Möglichkeiten, sein Können zu beweisen, beispielsweise im wunderbar harmonischen "Leroy and Lanisha". Das Stück "The magnificent 7", welches Kapitel 2 abschließt, ist trotz Chor-Grundthema überwiegend vom Zusammenspiel von Keyboard und Piano geprägt, wobei auch hier Brunner diesmal mit E-Bass für den interessanten Kontrapunkt sorgt.

Den spannendsten Teil von "The epic" macht die dritte CD, "The historic repetition" aus. Das Wechselspiel aus Percussion, Funkelementen und Saxophonarbeit lässt vor allem "Re run home" hervorstechen. Die Adaption von Debussys "Clair de Lune" fällt zwar recht brav aus, aber "Malcolm's theme", eines von vier nicht-instrumentalen Stücken auf "The epic", ist mit seinem Malcom-X-Sample der finale Höhepunkt, der musikalisches mit politischem Selbstbewusstsein eindrucksvoll verknüpft. Mangelndes Selbstbewusstsein kann man "The epic" sowieso nicht vorwerfen. Wenn überhaupt, dann ist dieses Jazz-Album vielleicht etwas zu weitläufig geraten: Neben den genannten Highlights finden sich auch einige Stücke, die wenig neues zu bieten haben. Dazu gehören vor allem die etwas ruhigeren Songs, die zumeist noch konservativer arrangiert sind. So ist etwa die Adaption des Jazz-Klassikers "Cherokee" durch Sängerin Patrice Quinn zwar gelungen, aber nicht begeisternd. Washington lässt sich auf "The epic" alle Zeit der Welt, um die Facetten seiner musikalischen Reise herauszuarbeiten. Das Überraschendste daran ist sicher, wie konservativ dieses Album daherkommt. Wie bei großen Erzählungen muss man sich darauf einlassen, die Details und Schattierungen zu entdecken, die Washington und seine Musiker nutzen, um mit klassischem Jazz die Moderne zu erobern. Welcome back to the future.

(Holger Schauer)

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Highlights

  • Final thought
  • Leroy and Lanisha
  • The magnificent 7
  • Re run home

Tracklist

  • CD 1
    1. Change of the guard
    2. Askim
    3. Isabelle
    4. Final thought
    5. The next step
    6. The rhythm changes
  • CD 2
    1. Miss Understanding
    2. Leroy and Lanisha
    3. Re run
    4. Seven prayers
    5. Henrietta our hero
    6. The magnificent 7
  • CD 3
    1. Re run home
    2. Cherokee
    3. Clair de Lune
    4. Malcolm's theme
    5. The message

Gesamtspielzeit: 172:2 min.

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User Beitrag

Tim.

Postings: 1965

Registriert seit 14.08.2015

2016-01-05 08:42:51 Uhr
Kamasi ist schwarz und US-Amerikaner, eine Kombination, die Tim ein Gräuel sein dürfte.

da kennst du mich freilich schlecht - die uneingeschränkte solidarität mit den usa wird für mich nur von der mit israel übertroffen.

aber egal, zurück zur musik.

Watchful_Eye

Postings: 1466

Registriert seit 13.06.2013

2016-01-04 21:26:50 Uhr
Man muss auch sagen, dass Max Müller schlicht nicht die finanziellen Möglichkeiten hätte, sich solche Begleitmusiker zu holen und einen derart aufwändigen Sound in so gutem Klang zu produzieren.

The MACHINA of God

Postings: 14555

Registriert seit 07.06.2013

2016-01-04 18:17:38 Uhr
die Annahme, die Kritiker würden sich das dann absichtlich "schönhören", nur weil es einem selbst nicht gefällt, find ich immer etwas weltfremd.

Jepp.
Kamazi
2016-01-04 16:25:42 Uhr
Kamasi ist schwarz und US-Amerikaner, eine Kombination, die Tim ein Gräuel sein dürfte.

Demon Cleaner

Postings: 5648

Registriert seit 15.05.2013

2016-01-04 16:22:09 Uhr
Naja, das gilt ja nun für den Großteil der hier besprochenen Platten.
Das Brainfeeder-Umfeld hat sicher zum Bekanntheitsgrad beigetragen, aber die Annahme, die Kritiker würden sich das dann absichtlich "schönhören", nur weil es einem selbst nicht gefällt, find ich immer etwas weltfremd.
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