Desaparecidos - Payola

Desaparecidos- Payola

Epitaph / Indigo
VÖ: 19.06.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Krach ist nötig

Dass Desaparecidos (dt. "Verschwundene") ihrem Bandnamen alle Ehre machen würden, zählt zu den größten Ärgernissen des vergangenen Musikjahrzehnts. Anno 2001 von Conor Oberst und Freunden als krachiges Nebenprojekt zu Bright Eyes gegründet, nahm die Band mit "Read music / speak Spanish" ein famoses Album auf, ehe sie bereits 2002 wieder ins Nichts verschwand. Oberst avancierte für einige Jahre zu einem der prominentesten Songwriter seiner Generation, die E-Gitarren blieben jedoch größtenteils im Schrank. Angesichts solcher Meisterwerke wie "I'm wide awake it's morning" sicher keine Katastrophe, eine gewisse Sehnsucht nach dem großen Krach blieb jedoch. Eine Sehnsucht, die nun nach einigen selbstveröffentlichten Vorabsingles auch auf Albumlänge gestillt wird. Denn Desaparecidos sind tatsächlich zurück. In Originalbesetzung und mit einer Menge Wut im Bauch.

Im Vergleich zu früher gehen die Mannen aus Nebraska noch direkter und rotziger zu Werke, Verschnaufpausen gibt es fast nur zwischen den Songs. "Underground man" ist etwa ein herrlicher Nackenbrecher ohne unnötige Hakenschläge und Wiederholungen. Es wird geschrammelt, bis auch der unbeweglichste Armverschränker mitpogen muss. "Payola" ist durchzogen von einer unbändigen Energie, einer puren Freude am Lärmen, die Oberst nach den eher gemütlichen letzten Veröffentlichungen wohl nur noch wenige zugetraut hätten. Doch der Zorn über die Zustände in "God's own country", der schon "Read music / speak Spanish" befeuert hatte, ist immer noch da. Der Präsident mag kein Cowboy mehr sein, die Zustände im Land erinnern mehr denn je an den Wilden Westen.

Sinnbildlich hierfür ist das mit Tim Kasher (Cursive, The Good Life) aufgenommene "City on the hill". Aus dem "American dream" ist ein institutionalisierter Nihilismus geworden, der über Leichen geht. "Bodies stacked like hundred dollar bills / To build that shining city on the hill", singt Kasher, und Erinnerungen an Gräuelbilder der letzten Jahre und Kriege werden wach. Aber zynisch zu werden, ist keine Option. Da die Band in Songs wie "Radicalize" und "Anonymous" eindeutig Stellung bezieht, macht sie sich durchaus verwundbar. Gerade über die gewisse Naivität von "Anonymous" lässt sich treffllich streiten. Dass man in einem dreiminütigen Song keine detaillierte Gesellschaftskritik üben kann, hat das Quintett jedoch verstanden und beschränkt sich auf das unbedingt Nötige: "'Cause freedom isn't free / Neither is secrecy." Der Frust ist real, und Krach nötig. Notfalls auch, wie in "Ralphy's cut", bis die Stimmbänder zu Bruch gehen.

In Sachen Sound gibt es zum Glück keine Überraschungen. Saddle-Creek-Veteran Mike Mogis betreute die Aufnahmen, sodass sich schon nach wenigen Takten ein Gefühl des Nach-Hause-Kommens einstellt. Alles bratzt, alles brennt. Oberst präsentiert sich stimmlich in Bestform. Er spuckt, er schreit, ja sogar das verloren geglaubte Zittern ist gelegentlich wieder zu vernehmen. Die Anzahl mitreißender Songs auf "Payola" ist so hoch, dass die 40 Minuten wie im Flug vergehen. Die Melodien sind umwerfend, die Arrangements minimalistisch, aber auf maximale Wirkung fokussiert. Zwischen Melancholie und Aufbegehren pendelnde Punk-Gassenhauer wie "MariKKKopa" oder "Slacktivist" finden sich ebenso wie brachiale Attacken, die stellenweise fast in Stoner-Rock-Gefilde abdriften. Bei allem gebotenen Ernst macht das alles verdammt viel Spaß. Diese Band hat gefehlt.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Underground man
  • City on the hill
  • Te amo Camila Valejo
  • MariKKKopa
  • 10 steps behind

Tracklist

  1. The left is right
  2. Underground man
  3. City on the hill
  4. Golden parachute
  5. Radicalized
  6. MariKKKopa
  7. Te amo Camila Valejo
  8. Ralphy's cut
  9. Backself
  10. Slacktivist
  11. Search the searches
  12. 10 steps behind
  13. Von Maur massacre
  14. Anonymous

Gesamtspielzeit: 40:21 min.

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The MACHINA of God

Postings: 13796

Registriert seit 07.06.2013

2016-01-01 16:01:34 Uhr
Ja, war ja beim Debut acuh so. Aber recht eloquent ist er ja immer.

Christopher

Postings: 1058

Registriert seit 12.12.2013

2015-12-31 22:17:57 Uhr
Die sind überwiegend recht plakativ gehalten. Eher so Mitgröl-Material.

The MACHINA of God

Postings: 13796

Registriert seit 07.06.2013

2015-12-31 15:44:43 Uhr
Jahresabschlusshören:
Schönes, schmissiges Album. Nicht ganz so gut wie das Debut aber überraschend energetisch. Und Melodien kann er ja eh. Müsste mich eigentlich mal mehr mit den Texten beschäftigen. 7,3/10

The MACHINA of God

Postings: 13796

Registriert seit 07.06.2013

2015-09-08 21:31:20 Uhr
Immer noch eine sehr runde Sache.
Gehen die damit eigentlich auf Tour? Maximal US, oder?

Herder

Postings: 1806

Registriert seit 13.06.2013

2015-07-27 21:39:46 Uhr
@MACHINA: Schon klar ;-)

Kashner singt doch sogar bei dem Album mit, kein Wunder, dass es da Ähnlichkeiten gibt.
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