Dredg - El cielo

Dredg- El cielo

Interscope / Motor / Universal
VÖ: 14.10.2002

Unsere Bewertung: 10/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Stairway to heaven

Stille. Wolken ziehen vorüber. Schneller, immer schneller. Der Sog beginnt. Unheilvolle Chorgesänge dringen aus der Ferne heran, links ein Rascheln, rechts ein Plätschern. Merkwürdig. "Here we go down that same old road again" Und doch wirkt diese Straße so anders. Sie führt nicht nach außen, sondern nach innen. Nicht nach nirgendwo, sondern bis "El cielo", dem Himmel. Ohne Abzweigung. Die Beine bewegen sich von alleine. Die Augen sind geschlossen, die Seele steht sperrangelweit offen: "Your body is asleep / And your mind is awake."

Dredg entführen. In den Himmel oder was immer sie darunter verstehen. Über ihren Wolken ist nicht die Freiheit grenzenlos, sondern die Beklemmung. Mit spiritueller, geradezu sakraler Kraft klagen sie von Enttäuschung, Verlorenheit und Leere. "The opera is over / The singers have all gone home / Seats are all empty." Geblieben sind Dredg und ein Fünkchen Hoffnung: "Notes are silent / But music's still apparent." Sie ist da, die äußere Stille, die innerlich so aufwühlt. Und dabei doch eine ungeheure Schönheit offenbart: "Sympathy unfolds the shell / That holds all the beauty within."

Was die vier Exzentriker aus der nordkalifornischen Provinz mit ihrem zweiten Album vollbracht haben, verdient tiefste Ehrfurcht und ist fast unmöglich in Worte zu fassen. Da ist es nur legitim, sich in Assoziationen zu flüchten. Sich mit geschlossenen Augen mitreißen zu lassen von der bedeutungsvollen Stimmung. Und Vergleiche mit Bands zu bemühen, die normalerweise über alle Vergleiche erhaben sind. Dredg spielen auf "El cielo" nicht nur in einer Liga mit Tool und den Deftones. Sie verfolgen auch noch denselben Ansatz wie A Perfect Circle auf "Mer de noms" und wirken dank Vokalist Gavin Hayes wie die Geister von Life Of Agony, die ungefragt in allen Köpfen herumspunken. Klingt unfaßbar? Ist es auch.

Eigentlich weiß man bereits beim Opener "Same ol' road", mit welch überwältigendem Album man es zu tun hat. Und doch ergeben erst alle 16 Songs, Zwischenspiele und Wortfetzen ein schlüssiges Bild, bei dem jeder Klecks an der richtigen Stelle sitzt. Real wie sonst nur das Leben. Was Dredg widerfährt, erlebt auch der Hörer. Wenn ihnen in "Sanzen" die Gedanken über den Kopf wachsen, erst recht wenn sie in "Scissor lock" endgültig die innere Kontrolle verlieren und kapitulieren. Der Ausweg heißt Halluzination. Ein Hauch von Musik, ein Sturm von Gedanken: "Lying around me / Are beautiful washes of pulsating color / Buzzing white noise / Sounds like one hundred bees."

Wer noch nicht abgehoben ist, dem ziehen Dredg mit dem bezeichnend betitelten "Of the room" endgültig den Boden unter den Füßen weg. Ein treibendes Stück mit seltsamem Klopfen, eine nie geglaubte Hymne, ein Song für die Ewigkeit. Ein Schweben jenseits der Normalität. "Cloudy senses stay alight below me". Das Happy End bleibt aus: "The canyon behind her" wird sich der inneren Zerrissenheit noch einmal schmerzlich bewußt. "Though half of me is gone / The lonesome part is there." Die Persönlichkeit ist gespalten, und als man ein letztes Mal diese Chöre hört, steht man vollkommen neben sich. Mitten in einer anderen, überwältigenden Welt. Dem Himmel so nah.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Same ol\' road
  • Scissor lock
  • Of the room

Tracklist

  1. Dcbtfoabaaposba
  2. Same ol' road
  3. Sanzen
  4. New heart shadow
  5. Triangle
  6. Sorry but it's over
  7. Convalescent
  8. Walk in the park
  9. 18 people live in harmony
  10. Scissor lock
  11. Reprise
  12. Of the room
  13. An elephant in the delta waves
  14. It only took a day
  15. Whoa is me
  16. The canyon behind her

Gesamtspielzeit: 57:10 min.

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User Beitrag

The MACHINA of God

Postings: 7939

Registriert seit 07.06.2013

2016-03-29 11:53:01 Uhr
Geile Bestellung auf jeden Fall.

nörtz

Postings: 2684

Registriert seit 13.06.2013

2016-03-24 02:38:09 Uhr
Ach, da werde ich ganz melancholisch, wenn ich an "El Cielo" und meine damalige Bestellung denke.

Bestelldetails Amazon
Bestellt am 19. November 2002:

Dredg - El Cielo
A Perfect Circle - Mer De Noms
QOTSA - Rated R
Pearl Jam - Riot Act


Für einen, der Rock nur aus dem Dudelradio kannte und sich für Musik nie bewusst interessiert hatte, war das schon die Offenbarung.^^ "El Cielo" habe ich irgendwann nur noch nachts im Dunkeln gehört, um die Wirkung zu verstärken. Das war wie eine Reise in eine andere Welt.

Auch heute immer noch eine 10/10 bie mir.

MopedTobias

Postings: 7603

Registriert seit 10.09.2013

2016-03-23 19:40:53 Uhr
@boneless: Bei Franz Ferdinand stimme ich dir voll zu, kann auch nicht verstehen, wie man das außerhalb der Indiedisco gut finden kann. Bei Bloc Party gilt das nur bedingt; Silent Alarm ist bis auf den gigantischen Opener auch nichts besonderes oder großartig substanzvolles für mich, aber der Nachfolger ist definitiv ein Meisterwerk für mich und auch, um den Bogen zum Threadthema wieder zu spannen, besser als El Cielo (wobei ich dir Alben von mir aus nie vergleichen würde).

The MACHINA of God

Postings: 7939

Registriert seit 07.06.2013

2016-03-23 19:40:23 Uhr
Meinst du Same Ol' Road oder Of the Room? :D

Jupp.

Aber Silent Alarm ist für mich eine dieser Platten, die ich mit 17 mochte, welche man aber irgendwann hinter sich lässt.

Jupp.

Huhn vom Hof

Postings: 476

Registriert seit 14.06.2013

2016-03-23 19:34:24 Uhr
Das wehmütige Intro von "The Canyon Behind Her" ist der Himmel. Und "Triangle" erst... wenn nach dem ruhigen, monotonen Part ("We live like penguins in the desert...") die ganze Band wieder einsetzt, dazu Gavins eindringlicher Gesang - das ist nur großartig.
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