The Vaccines - English graffiti

The Vaccines- English graffiti

Columbia / Sony
VÖ: 22.05.2015

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Schwung für die Masse

"Unkontrollierte kinetische Schwungmasse" - mit solch netten Worten beschrieb kürzlich eine Berliner Autorin nichts Geringeres als ihre Brüste. Okay, mit Körbchengröße 75F ist die Dame auch gesegnet. Ob immer nur positiv, sei dahingestellt. Doch auch, wenn man es nicht darauf anlegt: Auffallen tut man damit automatisch. Nicht anderes haben derzeit The Vaccines vor, auch wenn sie sich natürlich anderer Mittel behelfen. Ja, genau, die ehemaligen Garagenbengels aus London, 2011 von der Startup-Band aus dem miefigen Keller mit Ramones-Postern an der Wand zum neuen heißen Britrock-Scheiß gekürt – und das sowas von zurecht. Denn was für ein Brett war bitte dieses "What did you expect from The Vaccines?". Lange ist aus dem Vereinigten Königreich keine Platte mehr mit 60s-Beat und 70s-Punkrock so ordentlich durch die Bude gefegt und hat mit Hits, Hits und nochmal Hits quasi um sich getreten. Für ihr drittes Album "English graffiti" reicht der Truppe Auffallen alleine nicht mehr. Rockstar-Posing in Schwarz, auf rotem Cover, so viel Optik muss schon sein.

"English graffiti", das "Elephant" der Zehner-Jahre? Eher nicht. The Vaccines ist der Aufstieg in die erste Rocker-Liga auf der Insel mit den beiden Vorgängern bestens geglückt, da braucht man sich nur die UK-Festival-Slots des Sommers 2015 zu Gemüte zu führen. Der Applaus sei ihnen gegönnt. Erste Jubelstürme entfachte Anfang des Jahres auch der Vorab-Bote "Handsome": Im Stile von "Teenage icon" leert dieses Brett mit Killer-Beat, Stromgitarren und Ohrwurm-Refrain im Nu die Bar und hievt alle Anwesenden auf die Tanzfläche, wenn auch erst mal nur für 2:22 Minuten. Denn schon am folgenden "Dream lover", das Sänger Justin Young als "Unser größter Song überhaupt" bezeichnet, werden sich die Geister scheiden: The Vaccines nehmen das Tempo raus, lassen große Pop-Gesten und ein bisschen 80s-Glam-Rock in den Club und pflanzen den Hörern, tatsächlich, einen Ohrwurm erster Kajüte zwischen Lauscher und Trommelfell. Ablehnung wegen Anbiederung? Zwecklos.

Ja, The Vaccines wagen es durchaus, ihren auf "Come of age" schon ein wenig gesäuberten und polierten Garagenboden endgültig mit schniekem Kram einzurichten. Immerhin hat mit Dave Fridmann auch ein Mann produziert, der kürzlich noch MGMT oder Tame Impala zurechtstutzte. "Minimal affection" flirtet als Tanz-Pop-Stück sogleich heftig mit der 80s-Diskokugel, Foals und The Killers und wird nur durch die ein oder andere angeknarzte Gitarre im Dunstkreis der staubigen Vergangenheit gehalten. Ein wenig düsterer zeigen sich die Briten mit dem feinen "Denial", auch dieser Track atmet ein wenig "Holy fire"-Luft. Das ähnlich gelagerte "I want you so bad" oder der Synthie-Rocker "Give me a sign" müssen im Kontext vergangener Großtaten dieser Band als zwar laues, aber noch angenehmes Lüftchen bezeichnet werden. Reichlich ärgerlich dagegen tönt der Schmalzklumpen "(All afternoon) in love", da hier auch Youngs markantes Crooner-Organ anscheinend zu viel Helium aus Herz-Luftballons abbekommen hat.

Ebenso mutig, allerdings sehr angenehm klebt sich "Maybe I could hold you" als entspannt-nachdenklicher Synthie-Charmbolzen in den Gehörgang.Scheppern können The Vaccines immer noch, klar. Knackige, eingängige Zweiminüter wie die dritte Auskopplung "20/20" oder "Radio bikini" wecken diejenigen, die in der Zwischenzeit lieber zu ein paar Pints in den Barhocker gesunken sind. "Stranger" und den Titelsong, die es beide akustischer und ruhiger angehen lassen, gibt es dagegen nur auf der Deluxe-Version. Doch wie im Falle von "Miracle", für das noch einmal Beatbox und Falsett-Keule ran müssen, fragt man sich schon, warum stattdessen das uninspirierte Instumental "Undercover" die reguläre Version dieses unterm Strich doch etwas unhomogenen Albums abschließt. The Vaccines wollen viel, machen viel anders, dabei auch vieles richtig – und haben sich dennoch hier und da etwas verfranst. "English graffiti", eine leicht unkontrollierte akustische Schwungmasse.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Handsome
  • Dream lover
  • Maybe I could hold you

Tracklist

  1. Handsome
  2. Dream lover
  3. Minimal affection
  4. 20/20
  5. (All afternoon) in love
  6. Denial
  7. I want you so bad
  8. Radio bikini
  9. Maybe I could have you
  10. Give me a sign
  11. Undercover
  12. English graffiti (Bonus track)
  13. Stranger (Bonus track)
  14. Miracle (Bonus track)
  15. Handsome (Dave Fridmann edit, Bonus track)
  16. Dream lover (Malcom Zillion edit, Bonus track)
  17. 20/20 (Dave Fridmann edit, Bonus track)
  18. Give me a sign (Co Co T edit, Bonus track)

Gesamtspielzeit: 59:52 min.

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