Conchita Wurst - Conchita

Conchita Wurst- Conchita

Columbia / Sony
VÖ: 15.05.2015

Unsere Bewertung: 4/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Authentische Inszenierung

Ein Weilchen ist vergangen, seitdem in allen Medien von einem Triumph der Toleranz gesprochen wurde und der Trubel riesig war. Es kursierten Meinungen von himmelhochjauchzender Freude bis zur Verteufelung des unnatürlichen Sittenverfalls. Daneben kamen natürlich angesichts des ausgesprochen hohen Vermarktungspotentials allerlei Merchandise-Artikel wie die Conchita-Wurst-Wurst auf den Markt, die Sängerin selbst schrieb ein Buch und gab eine Menge gescheiter Interviews. Bei denen lässt sie dann zwar mitunter fallen, selbst keine Songs schreiben zu können und demnach auf gute Leute angewiesen zu sein. Aber trotz einer solchen Aussage, die offen lässt, inwiefern die in Ihrer Musik vertretenen Inhalte wirklich authentisch oder nur nach Erwartungen und Bedeutungszuschreibungen konzipiert sind, muss man Frau Wurst wenigstens Sympathie entgegenbringen.

Genreuntypisch ließ sich das Produktionsteam für ihr Debüt "Conchita" sogar ein knappes Jahr Zeit. Nur eben schade, dass diese nicht immer zum Wohle des Albums genutzt wurde. Thematisch wird ein Motiv arg überstrapaziert, es geht oft aus dem Dunkeln ins Helle. Dass das Helle wahlweise eine Flamme, ein Stern oder schlicht das Licht sein kann, macht es nicht besser. Auch vor pathetischen Allerweltsfloskeln wie "Always let your heart win" oder "My heart is like a firestorm" kann man sich kaum retten. Die Botschaft von Selbstermächtigung und Freiheit ist unbestreitbar eine gute, jedoch wird sie nach dem Opener "You are unstoppable" nur geringfügig variiert. Immerhin wird das Konzept im lyrisch stärksten Stück "Put that fire out" wenigstens auf den Punkt gebracht: "And we won't stop till we are sure / The message is clear and understood". Oder in Paraphrase: "Bis der letzte Blödmann es kapiert hat, werde ich mich immer wiederholen." Wurde eine ähnliche Thematik nicht bereits vielschichtiger und anspruchsvoller in Worte gepackt, als auf "Conchita"? "Der Tag wird kommen" von Marcus Wiebusch dürfte einem da als erstes einfallen.

Eines macht das Booklet jedoch unmissverständlich klar: Die Kunstfigur Conchita Wurst, hier modisch perfekt inszeniert und in immer anderen Outfits, lässt sich nicht auf Texte mitsamt Arrangements zu reduzieren. Hier bietet sich ein komplexes, in Mode, Musik und Sexualität miteinander verzahntes Gebilde eines Mannes, der eine Frau mitsamt einer neuen Lebensgeschichte erschuf, um die gesellschaftlichen Diskurse des Normal- und Andersseins aufzumischen. Die Grenzen zwischen Authentizität und Inszenierung verschwimmen in dieser interessanten Figur komplett. Positiv zu vermerken ist ebenfalls der Gesang. Auch wenn Frau Wurst sich nicht mit den Stimmen der ganz großen Diven messen kann, macht Sie stets eine gute Figur. Leider gibt es musikalisch sonst zu viel zu bemängeln. Denn das Team, das es teilweise versteht, der Diva Songs auf den Leib zu schreiben ("Rise like a phoenix"), verzettelt sich beim Versuch, derzeitige Trends aufzugreifen.

Absolutes Negativ-Highlight ist dabei der missglückte Discohit "Colours of your love". Erst stören Dubstep-Elemente im Refrain den bis dahin glasklar vorgetragenen Song, dann taucht im Schlussteil aus dem Nichts auch noch ein arabisches Pattern auf, wahrscheinlich nur, um irgendwie ansatzweise einen Übergang zur orientalischen "Out of body experience" hinzukriegen. Mit der obligatorischen Ballade "The other side of me" endet das lauwarme Album mit einer einfältigen, aber nicht unwichtigen Botschaft. Per se ist ein eher maues Debüt kein Grund, Conchita Wurst für die Zukunft nichts mehr zuzutrauen. Falls sie jedoch nicht im Einerlei der Radiostationen versanden will, muss sich vor allem lyrisch etwas tun. Durchaus vorhandenes subversives Potential, das nicht genutzt wird, ist eben ein Ärgernis. Vielleicht braucht die Kunstfigur auch einfach talentiertere Ghostwriter. "Frau Wurst sucht den Super-Songwriter" – warum nicht gleich mit eigener Casting-Show?

(Marcel Menne)

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Highlights

  • Put out that fire
  • Rise like a phoenix

Tracklist

  1. You are unstoppable
  2. Up for air
  3. Put that fire out
  4. Colours of your love
  5. Out of body experience
  6. Where have all the good men gone
  7. Somebody to love
  8. Firestorm
  9. Pure
  10. Heroes
  11. Rise like a phoenix
  12. The other side of me

Gesamtspielzeit: 43:48 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Bärbel Transe
2015-05-27 15:42:11 Uhr
jeder song des albums hätte den grand prix gewonnen

Leatherface

Postings: 1628

Registriert seit 13.06.2013

2015-05-26 22:51:11 Uhr
Das ist doch mal ein überraschend kompetentes, tiptop produziertes Popalbum, das sich vor den Katys und Rihannas dieser Welt nicht verstecken muss, wenn auch tatsächlich etwas gleichförmig mit seinen bombastischen Powerballaden und Durchhaltehymnen.
Ernst G. Meintefragé
2015-05-26 21:59:29 Uhr
Warum sollte der Erfolg dieses bärtigen Mannes, der sich als Frau verkleidet und schrecklich banale Liedchen trällert "wichtig" sein, wie im Teasertext geschrieben? Verstehe ich nicht so ganz.
der Metzger
2015-05-02 19:21:51 Uhr
ist mir Wurst
Analyst
2015-05-02 11:23:37 Uhr
Dieses Album wird das noch junge Genre der SJW-zugeschnittenen Musik für mindestens die nächsten 500 Jahre entscheidend prägen.
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