Therapy? - Disquiet

Therapy?- Disquiet

Amazing / Soulfood
VÖ: 27.03.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Luftige Legenden

Wer mehrere Talente besitzt und mehr als immer nur dieselbe Facette zeigt, steht manchmal auch vor der Qual der Wahl. Ein Mehrkämpfer im Turnen zum Beispiel wägt für jedes Gerät im Vorfeld ab, welche Übung mit welchen Figuren und mit welchem Schwierigkeitsgrad angegangen wird. Eher weniger wagen und dafür die sichere Kür samt Punkte einheimsen? Oder mit einer anspruchsvollen Übung mehr Risiko gehen und – wenn's klappt – ganz oben angreifen? Risiko und Sicherheit sind Variablen, mit denen sich Therapy? in ihrer Mammut-Karriere nie wirklich auseinandergesetzt haben. Die Iren machten musikalisch schon immer genau das, was ihnen gerade in den Kram passte. Dass "Troublegum", ihr zweites Album und zugleich Millionen-Seller aus dem Jahr 1994, so klang wie es klang, war sicher kein zeitgeistgeschwängertes Kalkül: Therapy? setzten sich mit ihrer Mischung aus Grunge, Punk, Metal und Pop einfach zur richtigen Zeit an die richtige Stelle und vereinnahmten all die "Going nowheres" für sich, die nach Nirvana nicht so recht wussten, wohin. Bekannt ist allerdings auch, dass bis heute kein Release des Trios kommerziell so erfolgreich war.

Dafür aber gab es mit den nachfolgenden Platten reichlich laute, harte und düstere Ausflüge in jegliche Krach-Gefilde, die die Gitarrenmusik so hergibt. Beweisen muss diese Band im 26. Jahr ihres Bestehens wahrlich niemandem mehr etwas. Dass sie es mit "Disquiet", ihrem 14. Studioalbum, dennoch irgendwo tut, spricht für die Passion, die Andy Cairns und Co. auch nach all den Jahren noch für ihre Musik aufbringen. "Still hurts" zündelt zum Auftakt schon mal die ersten Funken an der Hit-Schnur, zurrt mit scharfen, tiefen Gitarren und prügelnder Snare davon, kommt aber nach nur 15 Sekunden schon zum sonnigen Vorab-Refrain. Kraft und Melodie? Richtig. Dass "Disquiet" musikalisch offensiv den Bogen spannt zum 1994er-Stil, ja, damit hätte wohl keiner wirklich gerechnet. Fakt ist: Es ist schon ziemlich lange her, dass Therapy? ihren Kompositionen so viel Popanstrich verpasst und so viel Luft gelassen haben.

"Torment sorrow misery strife" gibt sich als sonnig-knackiger Punkrocker besonders beschwingt, "Tides" ist wunderbar packender Midtempo-Alternative, der so ziemlich jeden "Troublegum"-Liebhaber derart über beide Ohren grinsen lässt, als hätte er das letzte Stück vor der Pelle aus dem Wurstwasser gefischt. Ob der neu gewonnene Spaß an der klanglichen Freiheit auch zu solch augenzwinkernden Persiflagen wie dem Songtitel "Vulgar display of powder" führte, bleibt der schmunzelnden Spekulation überlassen. "Fall behind" jedenfalls ist ein weiterer Kandidat, der jede Menge eingängige Elemente um die anfänglich aufbrausenden Noise-Gitarren baut und gleich mehrfach zum Mitgröl-Refrain ausholt. Zeitweilig scheint es, als hätten Therapy? die zuletzt gewohnten Lärmmauern derart eingerissen, dass sie aufpassen müssen, den weiten Blick nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren. Doch dabei hilft bekanntlich die Routine.

Freunde der noisigeren Gangart müssen nämlich nicht zurückschrecken, "Disquiet" eine Chance zu geben. "Idiot cousin" lässt Hass und Missgunst walten, ist kraft- und druckvoll, und auch die lärmenden "Insecurity" und "Helpless still lost" vermögen dem steilen Einfallwinkel der Sonne genügend Schatten und Verschrobenheit gegenüberzustellen – wie es überhaupt auch die ernsten und düsteren Lyrics tun. Doch häufig genau an den Stellen, wo der Lärm in letzter Zeit über sich hinaus wachsen durfte, kleben Therapy? anno 2015 einen markant-flotten Pop-Refrain auf – so auch "Words fail me". Dass dieses Album vielleicht dennoch nur eine weitere gelungene Therapy?-Momentaufnahme ist und schon der nächste Streich ganz anders klingen könnte, zeigt der großartige, noisig-bluesige Closer "Deathestimate", der erst nach über sieben Minuten die Schotten dicht macht. Bei Therapy? aber wohl nur eine Frage der Zeit, bis – und mit welcher Überraschung – sich diese wieder öffnen werden.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Still hurts
  • Tides
  • Idiot cousin
  • Deathestimate

Tracklist

  1. Still hurts
  2. Tides
  3. Good news is no news
  4. Fall behind
  5. Idiot cousin
  6. Helpless still lost
  7. Insecurity
  8. Vulgar display of powder
  9. Words fail me
  10. Torment sorrow misery strife
  11. Deathestimate

Gesamtspielzeit: 42:20 min.

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User Beitrag

Telecaster

Postings: 710

Registriert seit 14.06.2013

2015-05-08 14:00:22 Uhr
Finde den Mix zumindest irgendwie authentisch, näher an Nurse, Babyteeth und Pleasure Death als an den glattproduzierten, späteren Alben.
Nur halt - die Songs... und diese ausgelutschten, setzkastenartig aneinandergereihten Riffs... nee, nee.
Robert G. Blume
2015-05-07 15:00:20 Uhr
Irgendwie ist der Mix kacke. Klingt verwaschen, unklar und undurchdringlich. Vor allem die Gitarren, die druckvoll sein sollen, aber nicht sind. Auch die Vocals wollen sich nicht so recht einfügen. Ganz komisches Ding.

Die Songs sind ganz schön. "Fall Behind" ist gerade mein Favorit.

bazilicious

Postings: 2909

Registriert seit 27.06.2013

2015-05-07 14:41:19 Uhr
Schöne Rezension. Sehr gut festgehalten.
some
2015-05-07 10:11:25 Uhr
Acoustic action:
https://www.youtube.com/watch?v=kV0QrZuFjDc
Zwangsbewerter
2015-04-19 19:37:01 Uhr
1. "Still Hurts" 8/10
2. "Tides" 8/10
3. "Good News Is No News" 6/10
4. "Fall Behind" 7/10
5. "Idiot Cousin" 9/10
6. "Helpless Still Lost" 7/10
7. "Insecurity" 8/10
8. "Vulgar Display of Powder" 7/10
9. "Words Fail Me" 6/10
10."Torment Sorrow Misery Strife 7/10
11. "Deathstimate" 8/10

Die beiden Still Hurts-Single B-Seiten
1/10
1/10
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