Tocotronic - Tocotronic (Das rote Album)

Tocotronic- Tocotronic (Das rote Album)

Vertigo / Universal
VÖ: 01.05.2015

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

I will always love you

"Ein graues Haar / Wieder geht ein Jahr / Alles Gute, danke, klar / Immer noch ein Grund zu feiern / Erst recht mit grauem Haar" – unglaublich, aber wahr: Plattentests.de wagt den Einstieg in eine Tocotronic-Rezension mit einem Pur-Zitat. Was in den letzten 20 Jahren der sofortigen Strafverfolgung unterlegen hätte, legalisieren die Hamburger mit ihrem zweiten selbstbetitelten Werk nach dem 2002er "Tocotronic" gleich selbst. Jajaja, von Lowtzows grauer Schopf ist nun schon recht ausgelutscht, obiges Zitat also bezieht sich vier mehr auf die textliche Raffinesse der aktuellen Platte. Mit dem roten Album möchte die Band über die Liebe sprechen, und was an anderer Stelle – womöglich etwas zu eierlos – als neuerliches Meisterwerk gefeiert wird, ist allenfalls ein Meilenstein: einer, der markiert, dass fortan alles anders läuft.

Tocotronic zu unterstellen, dass kein gerader Gedanke hinter diesem Album steckte, wäre geradezu infam – fraglich indes ist, ob diesem so einfach zu folgen ist, oder aber er doch zu wenig Identifikationspotenzial bietet. Die Liste von Bands, die versuchten, sich neu zu erfinden und dabei scheiterten, ist ellenlang – dass es aber Tocotronic trifft, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten ein Denkmal in der deutschsprachigen Popkultur errichtet hatten, scheint schier unglaublich. Vielleicht ist die es Abneigung gegenüber dem eigenen Kultstatus, die dazu geführt hat. Ganz böse ausgedrückt: Heino macht jetzt Rock, Tocotronic machen jetzt Schlager.

Als Kritiker gilt es, sich ständig zu hinterfragen: Bin ich zu unflexibel? Habe ich es mir zwischen meiner imposanten Plattensammlung so gemütlich gemacht, dass ich meine Offenheit für Neues verloren habe? Wenn Tocotronic auf ihrer neuen Scheibe aber mit "Haft" eine aktualisierte Fassung von Marianne Rosenbergs "Er gehört zu mir" liefern, muss man auch mutig genug sein, die Selbstreflexion ruhen zu lassen, auch wenn es sich um das Werk einer Lieblingsband handelt. Überhaupt, die exzessive Nutzung von Personalpronomen in den Liedtexten nimmt auf "Das rote Album" unmögliche Ausmaße an. "Du bist aus Zucker, Du bist zart / Du schmilzt dahin, Du wirst nicht hart", singen Tocotronic in "Zucker" umgeben von fröhlichen Chören und im sonnengetränkten Uptempo: "Sugar, oh, honey, honey / You are my candy girl." Der Kontrast, der in von Lowtzows Versen dabei mitunter zum Vorschein kommt, zwischen allzu klaren Jamben und prätentiöser Fremdwort-Einstreuung, verzerrt all dies zusätzlich.

"Wir sind Babys", erklärt von Lowtzow weinerlich, wenn er versucht aufzuzeigen, wo Jugendlichkeit dem Erwachsensein trotzt. "Die Erwachsenen", eine der zwei Vorab-Auskopplungen des roten Albums, steigt mit einer Joy-Division-Orgel ein, und auch der Bass bleibt stoisch wie Peter Hooks – doch der Track driftet eher in Richtung Pet Shop Boys. Alles kulminiert in der theatralisch-gekünstelten Aussprache des Wortes "Sexualität" in der Songmitte. Is this boy still Tocotronic? Positiv festzuhalten allerdings ist die neue musikalische Variabilität der Truppe: Rick McPhails Klampfe wurde fast durchgängig in den Hintergrund verbannt, dafür übernehmen Streicher, Synthies und Handclaps wichtigere Aufgaben. In "Rebel boy" aber darf er dann doch einmal gniedeln und Johnny Marr huldigen. Musikalisch ist der Track ein starkes Stück, weckt Assoziationen zu Tomtes "Heureka", während ebenso der Breakbeat des Openers "Prolog" ganz angenehm daherkommt. Auch "Sie irren" hat ein paar Smiths-Anleihen im Gitarrenspiel, als der Song recht zackig über den Zweivierteltakt joggt. Hier steht textlich wieder die Befindlichkeit von ich, Du, er, sie, es im Vordergrund. Diesmal ist es "mein Herz", das von sich überschlagenden Synthies umwoben wird, sodass eine recht unwillkommene Musik-Text-Schere entsteht.

"Ihr, die Ihr Euch unverzagt mit der Verachtung plagt", heißt es ferner in "Solidarität", und wieder sollte man sich, gerade hinsichtlich dieses Stichsatzes überprüfen: Ist der einfachere textliche Ansatz von "Tocotronic (Das rote Album)" vielleicht dem Zeitgeist entsprechend? Darf ein Toco-Song ein Ohrwurm sein, wie etwa "Ich öffne mich" – und ist dessen Hauptaussage womöglich Programm? Was die Hamburger auf ihrer neuen Platte machen, ist durchgängig, ist auf seine eigene Weise verständlich, und wird so dem eigenem Anspruch gerecht. Dass dabei aber Etliches abhandenkommt, was man an Tocotronic schätzte, was für eine ganze Generation bewegend und weiterführend war, ist auch klar. Für sich aber möchte dieses Album so oder so, abgesehen von festgefahrenen Erwartungen, letztlich einfach nicht so richtig berühren. Und trotzdem, wenn auch eher als persönliche Randnotiz im neuen Direktschema des roten Albums: Ich werde Dich für immer lieben, mein Tocotronic.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Rebel boy
  • Sie irren

Tracklist

  1. Prolog
  2. Ich öffne mich
  3. Die Erwachsenen
  4. Rebel boy
  5. Chaos
  6. Solidarität
  7. Spiralen
  8. Sie irren
  9. Haft
  10. Zucker
  11. Jungfernfahrt
  12. Diese Nacht
  13. Date mit Dirk (Hidden track)

Gesamtspielzeit: 53:59 min.

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User Beitrag

maxlivno

Postings: 2215

Registriert seit 25.05.2017

2019-08-25 18:21:34 Uhr
Prolog 9/10
Ich Öffne Mich 8,5/10
Die Erwachsenen 5/10
Rebel Boy 7,5/10
Chaos 5/10
Solidarität 9/10
Spiralen 9/10
Sie Irren 6/10
Haft 5/10
Zucker 5/10
Jungfernfahrt 7,5/10
Diese Nacht 8,5/10
Date Mit Dirk 7,5/10


Insgesamt eine 7. Hat großartige Songs, aber leider auch zu viele Ausfälle

dreckskerl

Postings: 3821

Registriert seit 09.12.2014

2019-08-25 14:58:40 Uhr
Lief gerade wieder, passte auch ganz gut zum heissen spätsommer, bleibe dabei, ihr bestes seit Kapiltulation und ihr erstes gelungenes Popalbum, endlich mal eines ohne Melodien/Hooks , die mich langweilen und Texten, die mir zu verquast sind.

Drei Songs mag ich nicht so sehr, aber selbst diese langweilen mich nicht.
Ist einfach ein rundes Ding, das alles hat was Tocotronic für mich haben soll, um sie zu mögen oder sogar richtig herausragend zu finden.

Bin halt kein Fan.

The MACHINA of God

User und Moderator

Postings: 22914

Registriert seit 07.06.2013

2019-08-25 13:49:49 Uhr
Sobald Felix was bewertet hat, brauch ich eh keine eigene Bewertung mehr machen, sondern kann mich dem einfach immer anschließen. :)

qwertz

Postings: 597

Registriert seit 15.05.2013

2019-08-25 09:42:21 Uhr
Sehe das ziemlich genauso wie Felix.

Felix H

Mitglied der Plattentests.de-Chefredaktion

Postings: 5732

Registriert seit 26.02.2016

2019-08-24 23:13:06 Uhr
Prolog 8/10
Ich öffne mich 9/10
Die Erwachsenen 5/10
Rebel Boy 8/10
Chaos 8/10
Solidarität 7/10
Spiralen 9/10
Sie irren 6/10
Haft 6/10
Zucker 5/10
Jungfernfahrt 8/10
Diese Nacht 7/10
Date mit Dirk 6/10

Gesamt eine gute 7/10.
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