The Soft Moon - Deeper

The Soft Moon- Deeper

Captured Tracks / Cargo
VÖ: 27.03.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Die schwarze Lagune

Venedig sehen und sterben? Keine Sorge – so schlimm stand es um Luis Vasquez nicht, als es ihn im Juli 2013 aus der kalifornischen Heimat nach Italien verschlug. Es handelte sich aber auch mitnichten um eine lustige Exkursion zwecks Sommerfrische, sondern vielmehr um eine therapeutische Maßnahme: Vasquez, der sich eigenen Angaben zufolge ohnehin überall wie ein Fremder fühlt, kehrte durch den Ortswechsel zur Selbstfindung sämtlichem Bekannten bewusst den Rücken. Immerhin nahm er seine Band The Soft Moon mit – was bei einem Ein-Mann-Projekt zugegebenermaßen nicht allzu schwer im Rucksack wiegt. Und wer analog zu einem Meilenstein des Psychothriller-Genres schon immer mal wissen wollte, wie es klingt, wenn die Gondeln Trauer tragen, hat auf "Deeper" nun Gelegenheit dazu.

Zwar ist Vasquez in der Zwischenzeit schon nach Berlin weitergegondelt, zuvor nahm er jedoch im Hate Studio unweit von Venedig noch Album Nummer drei auf. Womit zumindest musikalisch sämtliche mit der Lagunenstadt verbundenen Klischeevorstellungen gründlich widerlegt wären: Die Romantik, die hier herrscht, ist bestenfalls die einer Augenoperation, und sollte dieses Album jemals Schmetterlinge im Bauch gehabt haben, sind sie schon längst erfroren zu Boden gefallen. Ein auf "Zeros" noch leidlich gültiger Begriff wie Post-Punk existiert auf "Deeper" lediglich als ferne Erinnerung an eine zwar abgedunkelte, aber durchaus konsensfähige Spielart von Rockmusik und hat nur noch wenig gemein mit diesen zehn schockgefrosteten Songs samt knurrigem Kriechstrom-Intro. Eine finstere Reise ins Ich mit Hand in der Steckdose und Eispickel im Anschlag.

Entsprechend geht es zu Anfang direkt "Inward", und "Black" stampft schon ungeduldig mit dem Fuß auf. Der schwarze Marsch dieser böse polternden Eröffnung führt durch gleich mehrere Institutionen: vorbei an Nine Inch Nails' industrieller Wucht über eine verschärfte Version der 16-Tonnen-Grooves aus dem Hause DFA bis hin zur latent maschinellen Agonie des Cold Wave mit Betonung auf dem ersten Wort. Die Single "Wasting" lädt mit verhallter Rhythmusmaschine und Bassgrummeln in Zeitlupe zur gleichen Trauerfeier wie The Cures "The funeral party", auf der plötzlich der Geist von Tears For Fears' Roland Orzabal erscheint und verhuschten Klagegesang zum Besten gibt. Das Resultat ist eine Art lebensmüde Eingängigkeit – näher an Pop als in diesen sechs Minuten schleichendem Verfall war Vasquez vielleicht noch nie.

Trotzdem ist unüberhörbar, dass "Deeper" nicht zuletzt den frühen Auswüchsen von Dark Wave und Electronic Body Music einiges zu verdanken hat. Vor allem "Wrong" zischt genauso trocken wie technoid in Richtung endachtziger Front 242 ab, während "Desertion" eine muskulöse Sequenz nebst synthetischen Alarmsirenen heulen lässt und die einsamen Pianotropfen von "Without" den Shock-Therapy-Klassiker "Hate is a 4-letter word" bemühen. Joy-Division-Puristen klammern sich derweil verzweifelt an "Try" und an die gehetzten Gefrierbrand-Gitarren von "Far", bis es am Ende kein Halten mehr gibt: "Being" spielt zunächst mit der schnellen Rücklauftaste eines Kassettenrecorders herum, nimmt dann kreischend Fahrt auf und geht schließlich in ohrenbetäubendem Rauschen unter. Und auch Vasquez ist tief gesunken – im bestmöglichen aller Sinne.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Black
  • Far
  • Wasting
  • Being

Tracklist

  1. Inward
  2. Black
  3. Far
  4. Wasting
  5. Wrong
  6. Try
  7. Desertion
  8. Without
  9. Feel
  10. Deeper
  11. Being

Gesamtspielzeit: 43:32 min.

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MasterOfDisaster69

Postings: 335

Registriert seit 19.05.2014

2015-12-07 13:39:44 Uhr
Ledergesicht, jetzt genau richtig !

Leatherface

Postings: 1628

Registriert seit 13.06.2013

2015-04-24 18:55:57 Uhr
Grandios wie auch schon die Vorgänger, nur leider veröffentlicht zur völlig falschen Jahreszeit.

Armin

Postings: 12132

Registriert seit 08.01.2012

2015-04-22 21:17:59 Uhr
Frisch rezensiert! Meinungen?
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