MG - MG

MG- MG

Mute / GoodToGo
VÖ: 24.04.2015

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Der Maschinenmensch

Instrumentale Passagen waren schon bei Martin Gores Band Depeche Mode auf quasi jedem Album obligatorisch. Die technoide Aussöhnung "SSSS" mit Ex-Kollege Vince Clarke zeigte den Komponisten Gore dann erstmals gänzlich ohne den Zwang zum Song – und wurde eher zurückhaltend aufgenommen. Dass der Engländer ein Veteran in Sachen Synthesizern und Studiotechnik ist, muss angesichts des immensen Einflusses seines Schaffens nicht großartig breitgetreten werden. Die Tatsache, dass er nun aber, fast 35 Jahre nach "Speak & spell" erstmals ein Track-orientiertes Soloalbum auf den Markt bringt, durchaus – und es dürfte erneut die Gemüter spalten. Als Interpret desselben nennt er sich schlicht MG und betitelt das Werk entsprechend simpel.

"MG" bedeutet zunächst die Zusammenführung loser Enden: Die auf den Depeche-Mode-Alben nach "Exciter" immer stärker hervortretenden Einflüsse minimalistischer Elektromusik treffen auf Noise-Passagen, die bereits während den Achtzigern Einzug in den Sound der Briten gehalten hatten. Zusammengehalten wird das Ganze von jenen unverkennbaren Akkordfolgen und Melodiebögen, die nur Martin Gore zustande bringen kann. Ganz wundervoll ist hier etwa das sphärische "Elk", das den guten alten "Freelove"-Synthie mit schwebenden Flächensounds und einem zu Tode betrübten Arpeggio kombiniert.

Weitaus düsterer und maschineller kommt dagegen "Brink" daher. Eine mäandernde Basslinie durchpulst den Track, während aus dem Dickicht wabernder Geräusche kleine Melodiesprengsel hervorlugen. Für beinahe jeden Track auf "MG" gilt, was sich hier feststellen lässt: Technisch ist das alles absolut meisterhaft umgesetzt. Jedes kleine Fiepen, jede Kickdrum, jede Oszillation hat Hand, Fuß und Verstand – wobei letzterer ganz klar den Ton angibt. Schon Gores letzter Solo-Ausflug "Counterfeit²" krankte an Sterilität und übertriebenem Perfektionismus, und auch im Jahr 2015 kann der Blondschopf nur äußerst selten Fünfe gerade sein lassen.

Und so fließt die Platte dahin, ohne nennenswerte Höhe- oder Tiefpunkte. Ja, "Stealth" hat Biss – auch wenn es in Sachen Rhythmik und Arrangement etwas zu sehr nach "The sinner in me" klingt. Und die Art und Weise, wie sich "Hum" von einem leisen Rumoren zu einer vielspurigen Harmonieoffensive mausert, ist beeindruckend. Ganz große Ideen finden jedoch kaum statt, vielmehr kreisen die Tracks um sich selbst und um ein Zentrum, das kalt und leer ist. Wenn sich dann doch einmal Wärme und Behaglichkeit in Gores Tüftelkeller verirren, wird klar, wozu der Mann in guten Momenten fähig ist. "Crowly" ist so ein Moment: elegisch, kraftvoll, sinnlich – und viel zu schnell vorbei. Bitte lockerlassen, Martin. Beweisen musst du nun wirklich niemandem mehr etwas.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights

  • Brink
  • Stealth
  • Crowly

Tracklist

  1. Pinking
  2. Swanning
  3. Exalt
  4. Elk
  5. Brink
  6. Europa hymn
  7. Creeper
  8. Sprial
  9. Stealth
  10. Hum
  11. Islet
  12. Crowly
  13. Trysting
  14. Southerly
  15. Featherlight
  16. Blade

Gesamtspielzeit: 54:44 min.

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