Lower Dens - Escape from evil

Lower Dens- Escape from evil

Domino / GoodToGo
VÖ: 27.03.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Tomboys don't cry

Es ist ein vielsagender Moment: Auf der Facebook-Seite von Lower Dens verlinkt die Band – oder jemand, der im Namen der Band posten darf – ein Interview mit Sängerin Jana Hunter, in welchem sie über Frauenhass in der Musikindustrie, über Geschlechterrollen und ihr eigenes, durchaus androgynes Wesen spricht. Es scheint nur eine Frage der Zeit, wann der erste dämliche Kommentar folgt, gegen die Band, gegen Hunter, gegen die Redaktion der Cosmopolitan, die das Interview geführt hat. Und siehe da: Auf die Überschrift "What's it like to be a female musician when you don't identify as a woman" antwortet ein gewitzter Internetnutzer mit folgender Bemerkung: "maybe cuz you look like a moody grumpy teenage boy". Daraufhin meldet sich die Band – oder jemand, der im Namen der Band posten darf – mit folgendem Kommentar: "'...is why I want to fuck you?' makes sense." Was sich wie ein zugegeben nicht unbedingt heftiger Schlagabtausch liest, passt nur allzu gut ins Bild von "Escape from evil", Lower Dens' neuem Album. Und Jana Hunters Umgang mit sich selbst auf ebendiesem.

Denn die gebürtige Texanerin weiß natürlich um ihr Erscheinungsbild, das die Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit gekonnt verwischt. Hunter identifiziert sich weder als männlich noch weiblich, auch hat sie bereits Beziehungen mit beiden Geschlechtern geführt – teilweise sogar mit Partnern, die eine genaue Identifikation ebenfalls ablehnen. Auf aktuellen Pressefotos posiert sie im Anzug mit kurzgeschorenem Kopf. Auf "Escape from evil", dem dritten Werk nach dem 2010er Debüt "Twin-hand movement" und dem zwei Jahre später veröffentlichten "Nootropics", klingt sie selbstsicherer denn je, mit einer Stimme, die für neue Hörer in einigen Stücken auch einen männlichen Sänger vermuten lassen dürften. All das weiß Hunter. Und es ist auch diese Egal-Haltung, die das Album zum bisher besten von Lower Dens macht. Natürlich nicht nur das: Wenn sie in dem wunderbar rhythmischen "Your heart still beating" den Aha-Effekt vom "Nootropics"-Highlight "Brains" wiederholt und damit für einen ersten großen Moment des Albums sorgt, ist das geradezu erfrischend. Und wenn der Synth-Pop der ersten Single "To die in L.A." ordentlich Charisma und 80er-Jahre-Flair versprüht, klingt das nach großer Kunst.

Eine gewisse Melancholie ist allen zehn Songs anzuhören, hier und da mal etwas stärker: Das schwermütige "Sucker's Shangri-La" ist für einen Opener fast schon gewagt, fackelt die Band hier doch nicht lange: "Child / This is not what you've been waiting for / They fooled you / Wanting to believe / It's a perfect reason / To wave goodbye." Dem steht die basslastige Tanznummer "Non grata" gegenüber, die Fans in etwas anderer Form bereits von einer Split-Single mit Horse Lords bekannt sein dürfte. Direkt im Anschluss folgt das rasante "Company", das mit Post-Punk-Anleihen und schepperndem Schlagzeug zu überzeugen weiß. Im dreampoppigen "Ondine" klingen Lower Dens wie Beach House und Hunter wie deren Sängerin Victoria Legrand – dass beide Bands in Baltimore zu Hause sind, ist dennoch sicher nur Zufall. Ebenso, dass Chris Coady (Future Islands, Smith Westerns) hier mit an den Reglern saß, der auch "Bloom" seinerzeit co-produziert hat. Kein solcher Zufall dürfte es jedoch sein, dass die Band das Album mit dem an The Smiths erinnernden "Société anonyme" abschließt – der immerhin zweitbeste Song sorgt mit poppiger Melodie für einen letzten euphorischen Moment, während Jana Hunter ihr Jackett vom Haken nimmt und deutlich macht, dass echte Kerle gar nicht zwingend Kerle sein müssen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • To die in L.A.
  • Your heart still beating
  • Company
  • Société anonyme

Tracklist

  1. Sucker's Shangri-La
  2. Ondine
  3. To die in L.A.
  4. Quo vadis
  5. Your heart still beating
  6. Electric current
  7. I am the Earth
  8. Non grata
  9. Company
  10. Société anonyme

Gesamtspielzeit: 41:28 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Vermilion Smile
2015-07-13 20:42:52 Uhr
find'sie nach mehrmaligem Hören eher enttäuschend. :-(

Der Wanderjunge Fridolin

Postings: 671

Registriert seit 15.06.2013

2015-07-12 10:15:45 Uhr
Ein Überbrett wie Brains ist zwar diesmal nicht dabei, aber insgesamt ist Escape From Evil ein richtig starkes Album, das das Potential besitzt, mit jedem Hördurchlauf zu wachsen.

saihttam

Postings: 1236

Registriert seit 15.06.2013

2015-04-17 13:23:46 Uhr
Für mich auch das beste Album der Band!
Mich würde ja auch mal Kevins Meinung interessieren. Der war ja schließlich vom Vorgänger sehr enttäuscht. Vielleicht wäre das ja wieder eher was für ihn.

Jennifer

Postings: 1515

Registriert seit 14.05.2013

2015-04-17 09:39:28 Uhr
Das ganze Album hätte durchaus auch eine 8 verdient gehabt. Aber schön, dass es hier überhaupt noch Erwähnung findet.

War auch eine Überlegung. Hab mich dann aber lieber für die starke 7 als für die schwache 8 entschieden. Dennoch für mich das bisher beste Album der Band.
Desare Nezitic (unangemeldet)
2015-04-17 09:37:02 Uhr
Ja, Your Heart Still Beating ist ein eindeutiges Highlight. Allein der Start mit den Drums, die in eine ganz andere Richtung zu weisen scheinen, und dem dann plötzlichen Einsatz der Synths ist fantastisch.

Oh ja, in dieser Eröffnungsminute ist sie zu finden, die Magie :)

Die 8 wird definitiv nicht zu vermeiden sein, geht nur noch um die Höhe dieser. Grund dafür ist, dass ich überhaupt keinen Song ausmachen kann, der ein wenig abfällt.
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