Alabama Shakes - Sound & color

Alabama Shakes- Sound & color

Rough Trade / Beggars / Indigo
VÖ: 17.04.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Vibrationsalarm

"Neu ist immer besser", schrieb der geschätzte Kollege Maerten 2012 am Anfang seiner Rezension zum Alabama-Shakes-Debüt "Boys & girls" und zitierte damit den Seriencharakter Barney Stinson, gespielt von Neil Patrick Harris. Dass diese von ihm in der Serie "How I met your mother" aufgestellte Regel ihre Macken hat, wussten sowohl Maerten als auch Stinson selbst, weshalb es von jenem auch das dazugehörige Pendant "Alt ist immer besser" gibt. Das trifft wahrlich ebenfalls nicht auf alles zu. Im Fall von Alabama Shakes, die drei Jahre nach ihrem ersten Album endlich den Zweitling "Sound & color" vorlegen, ist eine Mischung aus Alt und Neu wohl eh am allerbesten: Das Quartett um Sängerin Brittany Howard vereint in ihrer Musik frische, beinahe jugendlich anmutende Energie mit einer großartigen Kombination aus Rock, Rhythm & Blues und Soul, die man noch von Papas alten Platten aus den 60ern kennt.

"Sound & color" kommt dabei eine Tatsache besonders zugute: Musizierte die Band bei den Aufnahmen für ihr Debüt gerade mal ein paar Monate miteinander, hat sie sich auf ihrem zweiten Album mittlerweile eingespielt. Howards Gesang wurde durch das jahrelange Touren offenbar geschult und klingt üppiger und mächtiger denn je, die Melodien sind ausgefeilter, der Klang breiter. Die erste Single "Don't wanna fight" ist von allen zwölf Songs der radiotauglichste Hit und groovt sich mit ordentlich Funk aus der anfänglichen Resignation zurück ins Leben: Howards Stimme pendelt zwischen tiefem Bass und exzellentem Falsett, sie röhrt, fleht, flüstert – und wärmt sich nebenbei für das Wechselbad der Gefühle in "Gimme all your love" auf. Während die Band in der ersten Hälfte mit dem Laut/Leise-Effekt kokettiert, beweist die 26-Jährige eindrucksvoll, dass sie mit den großen Stimmen des Genres wie Janis Joplin, Grace Slick oder auch Patti Smith locker mithalten kann. Wenn Alabama Shakes in der zweiten Hälfte dann schließlich doch noch zum Tanzen einladen, beben nicht nur die Südstaaten, sondern auch gleich der Rest der Welt.

Die Band bringt ihre Hörerschaft aber nicht nur mit Lautstärke zum Vibrieren: In der Akustikballade "This feeling" entspannt sich der Vierer scheinbar in der Sonne Nashvilles, wo "Sound & color" unter der Regie des gerade mal 28-jährigen Blake Mills entstanden ist. "Miss you" ist jener Herzschmerz-Blues, der auf "Boys & girls" passenderweise von "Heartbreaker" verkörpert wurde. Genau jenes Organ zerbricht hier allerdings in umso kleinere Teile, wenn Howard flehend die Worte "I'm yours" ins leere Haus reinbrüllt. Im fast schon melancholisch-poppigen Titeltrack findet sie noch nicht zu alter Stärke, aber zu sich selbst zurück, und im rumpeligen Garage-Rock von "The greatest" fordert sie die Zuneigung einfach selbstbewusst ein, anstatt auf sie zu warten.

Man habe sich diesmal Zeit gelassen für das Album, ließ die Band vorab verlauten. Man wolle sich voll und ganz auf das konzentrieren, was man wirklich will und sich über Genre-Grenzen hinwegsetzen. Das hört man "Sound & color" an: Das elektrisch-verzerrte "Gemini" beißt sich in bester Psychedelic-Rock-Manier fest und entlädt in knapp sechseinhalb Minuten seine gesamte Spannung, während der Lo-Fi-Funk von "Guess who" auch auf Marvin Gayes "Let's get it on" von 1973 gepasst hätte. Richtig zurückhaltend wird es erst ganz zum Schluss mit "Over my head", einer finalen Mischung aus Soul und Gospel, wie sie etwa auch schon von Erykah Badu präsentiert, ansonsten aber selten so konsequent durchgezogen wurde. Während man schließlich einsteigt in die Handclaps und den choralen Gesang, mitschunkelt und im Rhythmus bedächtig mit dem Kopf nickt, kommt man wieder auf den Gedanken vom Anfang zurück: Alt ist immer besser. Oder doch neu? Vollkommen egal eigentlich – mit ihrem zweiten Album beweisen Alabama Shakes, dass richtig gute Musik immer vor allem eines ist: zeitlos.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Sound & color
  • Gimme all your love
  • Guess who
  • Miss you

Tracklist

  1. Sound & color
  2. Don't wanna fight
  3. Dunes
  4. Future people
  5. Gimme all your love
  6. This feeling
  7. Guess who
  8. The greatest
  9. Shoegaze
  10. Miss you
  11. Gemini
  12. Over my head

Gesamtspielzeit: 47:57 min.

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User Beitrag

Herr

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Registriert seit 17.08.2013

2015-09-21 22:17:32 Uhr
Während der genannte Herr Tweedy von seiner Musikantengruppe Wilco in der Lage ist, über seine unverblümte Stimme eine emontionale Verbindung herzustellen, vermag die Dame Ihrer Alabam Shakes zwar viel variantenreicher daherzukommen, das aber in einer gekünstelten Schlingerei, die man leider nicht Soul nennen sollte. Denn der Soul möge am besten eigentlich im direkten Wege das Herz verlassen, und nicht als artistische Disziplin dargeboten werden.

Kann man jene Disziplin eigentlich an der Volkshochschule lernen, und wenn ja, gibt es Zuschüsse vom der Agentur für Arbeit?
diggo
2015-09-15 07:38:14 Uhr
Hat jemand schon die Platte des Seitenprojekts "Thunderbitch" gehört? Finde die um Längen besser als die beiden Alabama-Shakes-Alben. Einfach straighter Rock'n'Roll mit Blues- und Souleinflüssen. Fand Howards Stimme auf den Alabama-Shakes-Alben immer sehr anstrengend, das macht sie m.E. auf dem Thunderbitch-Album viel besser. Ich bin begeistert, tolles Album!

saihttam

Postings: 1254

Registriert seit 15.06.2013

2015-06-04 13:23:39 Uhr
The Greatest habe ich allerdings auch eher als den Albumfluss störend empfunden.

saihttam

Postings: 1254

Registriert seit 15.06.2013

2015-06-04 13:21:41 Uhr
macht beim ersten Hören erstaunlich viel Spaß. Dabei hätte ich nicht unbedingt gedacht, dass das hier was für mich ist. Mal weiterverfolgen!

MM13

Postings: 1536

Registriert seit 13.06.2013

2015-04-30 19:10:24 Uhr
@moped tobias
da muss ich dir aber widersprechen,ich finde gerade in den langsamen bzw. midtemponummern liegen ganz klar ihre stärken.the greatest finde ich zwar auch gut,ist im gesamtbild aber eher ein "störfaktor".für mich trotzdem eine 8/10 oder besser.
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