Waxahatchee - Ivy tripp

Waxahatchee- Ivy tripp

Wichita / [PIAS] Cooperative / Rough Trade
VÖ: 03.04.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Catch you if you can

Zu sagen, dass das dritte Album von Waxahatchee verhalten beginnt, wäre wohl die Untertreibung des Jahres: "Breathless", der Opener von "Ivy tripp", benötigt nicht viel mehr als Katie Crutchfields Stimme, eine verzerrte Gitarre und ein paar unterschwellige Synthies im Hintergrund. Über knapp fünf Minuten baut sich eine unheilvolle Atmosphäre auf und ein kaum wahrnehmbares Knacken findet langsam seinen Weg in den Gehörgang. Doch der Ausbruch, auf den man wartet, kommt nicht: "You take what you want / You call me back / I'm not trying to be yours / You indulge me / I indulge you / But I'm not trying to have it all", stellt Crutchfield beinahe nüchtern fest, ehe sie in einen fast schon ironisch anmutenden "Lalala"-Gesang verfällt. Der Weg ist geebnet: Auf "Ivy tripp" geht es darum, die Haltung zu wahren, egal, wie sehr die Welt wegen persönlicher Probleme, Beziehungsstress, Frustration oder Verzweiflung auch wackelt. Die Botschaft ist deutlich: Bleib irgendwie auf beiden Beinen stehen, und wenn Dich alle anderen fallen lassen sollten, dann fang Dich eben selbst wieder auf.

Das ist manchmal gewiss leichter gesagt als getan. Crutchfield ist sich dessen durchaus bewusst: Ihr Lo-Fi-Debüt "American weekend" war eine Sammlung kratziger Teenage-angst-Hymnen, auf dem 2013 veröffentlichten Zweitling "Cerulean salt" befasste sie sich hingegen mit den Irrungen und Wirrungen des Erwachsenseins. Dass dabei nicht immer alles so toll ist, wie man es sich als Kind einst vorgestellt hat, wusste sie selbst schon damals – auf "Ivy tripp" ist sie mittendrin im Dilemma. Vom messerscharfen Garage-Rock in "Under a rock" über die 90er-Jahre-Hommage in "The dirt" bis zum zappendüsteren "Air" macht sie alle Stadien eines Beziehungsendes scheinbar auf einmal durch. Trauer und Wut, Enttäuschung und Selbstmitleid, das Suchen der Fehler des Ex-Partners und Finden der eigenen sind allgegenwärtige Themen. Das ist mitunter nicht einfach nur harte Kost: "Our love tastes like sugar / But it pulls all the life out of me", singt Cruchfield in der todtraurigen Piano-Ballade "Half moon" und lässt die Hörerschaft an ihrem Seelenleben teilhaben wie sonst nur beste Freunde. Trotzdem bleibt sie da, diese Distanz und die Gewissheit, dass man am Ende doch irgendwie alleine klarkommen muss.

Dennoch ist längst nicht alles schlecht und pechschwarz auf "Ivy tripp". In der rhythmusstarken Popnummer "La loose" zeigt die 26-Jährige ihre zarte, verliebte Seite, die sich – zumindest vorerst – mit dem zufrieden gibt, was sie hat: "I know that I feel more than you do / I selfishly want you here to stick to." Nur einen Song später, im reduzierten "Stale by noon" gesteht sie sich ein, dass es nicht genug ist. Das klingt stellenweise pragmatisch, und auch das gehört wohl zum Erwachsenwerden dazu – da bleibt auch ein ergrauter Schopf nicht aus. In "Grey hair" steht dementsprechend die vernünftige, oder zumindest Vernunft suchende Weisheit in den Lyrics in einem schönen Kontrast zur frisch-jugendlichen Melodie mitsamt verspielten Piano. Nostalgisch wird es im viel zu kurz geratenen "Summer of love", das in nicht mal zwei Minuten zusammenfasst, was Crutchfield in den übrigen zwölf Songs zu erklären versucht: Der Partner ist weg und mit ihm auch ein Stück von ihr selbst. Das Fundament, auf dem sie steht, wackelt bedrohlich. Der Schritt in eine ungewisse, ungeplante Zukunft ist nicht nur sinnvoll, sondern unumgänglich. Aber auch, wenn der Boden stellenweise erschreckend nahe wirkt, wird sie ihn nie ganz berühren – nur mit den Fußsohlen. Und einfach weiterlaufen.

(Jennifer Depner)

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Highlights

  • Under a rock
  • La loose
  • Air
  • Summer of love
  • Half moon

Tracklist

  1. Breathless
  2. Under a rock
  3. Poison
  4. La loose
  5. Stale by noon
  6. The dirt
  7. Blue
  8. Air
  9. <
  10. Grey hair
  11. Summer of love
  12. Half moon
  13. Bonfire

Gesamtspielzeit: 38:21 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Wart
2015-04-09 20:49:32 Uhr
AdW der Herzen

Jennifer

Postings: 1516

Registriert seit 14.05.2013

2015-04-09 15:44:44 Uhr
Danke, ist geändert.
oohne ahnung
2015-04-09 15:42:13 Uhr
sind oonagh und Waxahatchee eine person? der startseitenlink geht auf jeden fall auf das meisterwerk von oonagh
bäh
2015-04-08 23:44:19 Uhr
Schon wieder so ne Pitchforkscheiße. Braucht kein Mensch.

Hubble

Postings: 109

Registriert seit 14.06.2013

2015-03-31 10:33:07 Uhr
Bei npr.org jetzt auch im Stream. Der erste Hördurchgang hat mir schonmal sehr gut gefallen.
In der Intro wurde auch schon wohlwollend über sie berichtet...
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