Rocky Votolato - Hospital handshakes

Rocky Votolato- Hospital handshakes

Glitterhouse / Indigo
VÖ: 17.04.2015

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Der Wiederaufstieg

Fußballfans kennen das: Immer dann, wenn die Herren und Damen von der Sportjournaille ihre Websites füllen müssen, das Millionengeschäft aber nur sehr wenig Relevantes zu schreiben hergibt, kramt man sie wieder hervor: die Fotostrecke "Ewige Talente der Bundesliga", mit Spielern wie Marco Reich, Marcel Ketelaer, Marko Marin oder Benny Lauth. Allesamt einst vielversprechende Nachwuchs-Stars, doch keiner hat den Sprung zu großen Vereinen, der Nationalelf oder gar Titeln geschafft. Dieser oberflächliche, leicht belächelnde Stempel ist jedoch am Ende nichtig gegenüber potenziell daraus resultierenden psychischen Problemen. Ob und inweifern Personen öffentlichen Interesses wegen zu hohen Ansprüchen an sich selbst in eine Krise geraten oder diese mitunter von einer nicht befriedigenden öffentlichen Reputation ausgelöst wird, ist nicht zu beantworten. Sicher aber ist seit Neuestem: Auch Rocky Votolato kann nun Lieder darüber singen.

So ist die Titelwahl für sein achtes Studioalbum durchaus nicht unbegründet. Denn die Persönlichkeits- und Schaffenskrise, die den Singer-Songwriter aus Seattle nach der Tour zum tollen "Television of saints" heimsuchte, sorgte dafür, dass er ganze 13 Monate keinen einzigen Song mehr schrieb. Für den musikalischen Tausendsassa, der in 14 Jahren sieben Platten veröffentlichte, ein surrealer Horrortrip. Dass es "Hospital handshakes" nun tatsächlich gibt, ist also nicht selbstverständlich. Die elf neuen Songs entstanden im Sommer 2014 innerhalb weniger Wochen, als Votolato sich frei machte von vielem, das ihn hemmte. "I'm a patient with no patience", heißt es zunächst noch im von Piano- und Akustikgitarre getragenen Titelsong, ein Zeugnis von Votolatos lähmender Erfahrung, aber gleichzeitig Dokument seines Drangs zurück ins Leben: "We must each be broken / If we're ever to be made new again."

Noch stärker als die vorherigen Werke ist "Hospital handshakes" ein persönliches Album mit berührenden Lyrics, das allerdings mitunter ähnlich zerrissen wirkt wie der Künstler selbst. Melancholisch und nachdenklich wie Votolatos unverkennbare Stimme harren etliche Stücke im Halbdunkel aus, blicken gleichzeitig aber zart nach vorne. Von der Notwendigkeit des Vertrauens – dass das, was kommt, gut werden wird – zehrt der musikalisch aber eher zögerliche Opener "Boxcutter". Anders die Single "The hereafter", die im Jimmy-Eat-World-Gedächtnis-Takt zum ersten Mal antreibt, im positiven Sinne: "My broken teeth are teaching me something" – wohl dem, der den Nutzen im Schmerz erkennt. Etwas kräftiger rumpelt das punkrockende "White knuckles" ins Krankenzimmer, um dem hochmelodischen "Rumi" genügend Platz für die neu erlangte Freiheit zu geben. Das letzte Albumdrittel allerdings macht deutlich, dass der wirkliche Aufbruch noch fragil ist, in den Kinderschuhen steckt. Das zwischen Folk und Country pendelnde "This is my work" schafft es nicht wirklich, Atmosphäre und Selbstvertrauen aufzubauen. Und "So unexpected" driftet gar in Richtung Kitsch ab. Zur allgemeinen Versöhnung schaut dann im tollen "The finish line" immerhin noch mal eine Mundharmonika rein.

Votolato als "ewiges Talent" zu bezeichen, wäre genauso vermessen, wie diese Stigmatisierung bei eingangs erwähnten Sportlern fragwürdig ist. Doch während ähnlich aufgestellte Barden-Kollegen wie Frank Turner oder Chuck Ragan nun mittelgroße Hallen ausverkaufen, wird Votolato vermutlich auch mit dieser Platte eher ein Nischen-Künstler bleiben. Doch versammelt er weiterhin seine treue Fanschar über den ganzen Globus um sich, sowie im heimischen Seattle etliche gute Musikerfreunde und Weggefährten. Einer davon ist Ex-Death-Cab-For-Cutie-Mann Chris Walla, der "Hospital handshakes" produzierte. Der große Wurf wäre Votolato sicherlich von Herzen zu wünschen – auch, wenn er nach diesem gerade vielleicht gar nicht strebt. Denn die persönlich schwierigste und nicht hoch genug anzuerkennende Leistung ist ihm bereits geglückt: der erste, entscheidende Schritt zurück – nach vorn.

(Eric Meyer)

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Highlights

  • The hereafter
  • Hospital handshakes
  • The finish line

Tracklist

  1. Boxcutter
  2. The hereafter
  3. Hospital handshakes
  4. Royal
  5. White knuckles
  6. Rumi
  7. A new son
  8. Stardust & shavings
  9. So unexpected
  10. This is my work
  11. The finish line

Gesamtspielzeit: 38:19 min.

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Hollowman

Postings: 144

Registriert seit 14.06.2013

2015-06-16 07:28:17 Uhr
Also auf dem Konzert in Köln haben sie glaub ich sieben Songs vom neuen Album gespielt.

Mit phasenweise meinte ich vor allem den Mittelteil. Ansonsten sollte dich das jedenfalls nicht abschrecken, mal genauer reinzuhören. Das ist insgesamt immer noch unverkennbar Rocky und wenn dir The Hereafter gefällt, dürfte der Rest eigentlich auch passen.

Mr Oh so

Postings: 1206

Registriert seit 13.06.2013

2015-06-15 20:25:09 Uhr
Interessiert schon. Aber das Phasenweise deutlich rockiger und druckvoller als alles, was Rocky Votolato bislang abgeliefert hat. schreckt mich als Makers-Fan eher ab. The Hereafter ist klasse, die anderen Sachen scheinen da aber nicht ganz mitzuhalten. Zugegeben, das ist nur ein erster Eindruck. Bezeichnend (?) aber, dass live der Anteil der Makers-Songs am größten war.

Hollowman

Postings: 144

Registriert seit 14.06.2013

2015-06-13 16:09:53 Uhr
Schade, dass das hier scheinbar niemanden interessiert. Wirklich tolles Album, läuft bei mir in den letzten 5, 6 Wochen auf Heavy Rotation. Phasenweise deutlich rockiger und druckvoller als alles, was Rocky Votolato bislang abgeliefert hat.

Für mich eine klare 8/10 und hinter Suicide Medicine fast auf einer Stufe mit Makers. Meine Highlights: The Hereafter, Hospital Handshakes und Rumi.
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2015-04-17 23:42:06 Uhr
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2015-04-17 23:38:02 Uhr
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