Nightwish - Endless forms most beautiful

Nightwish- Endless forms most beautiful

Nuclear Blast / Warner
VÖ: 27.03.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Aus dem Vollen geschöpft

Es ist schon verdammt leicht, Nightwish nicht zu mögen. Die Alben sind voll von Kitsch und Bombast, hart an der Grenze der Überproduktion, oft genug auch drüber. Die vollmundige Ankündigung, aus der letzten Platte "Imaginaerum" einen abendfüllenden Spielfilm zu basteln, ging mit derartiger Bravour in die Hose, dass Bandkopf Tuomas Holopainen wohl so schnell kein Drehbuch mehr anfassen wird. Und wo wir bei Holopainen sind: 2012 entpuppte sich der Keyboarder erneut als knallharter Business-Denker, als er frei nach dem Motto "The show must go on" der unpässlichen Sängerin Anette Olzon nicht etwa Zeit zur Erholung im Krankenhaus gab, sondern kurzerhand die anstehenden Konzerte mit Gastsängerinnen besetzte. Nicht nur das - als Olzon sich darüber medienwirksam beschwerte, gab er der Chanteuse kurzerhand den Laufpass. Wie gesagt, eigentlich ist es verdammt leicht, Nightwish nicht zu mögen und das neue Album "Endless forms most beautiful" bereits vorab in Grund und Boden zu dissen.

Eigentlich ist das aber auch viel zu billig. Und damit kommt Floor Jansen ins Spiel. Denn die vermeintliche Notlösung entpuppte sich bei den ersten Auftritten, unter anderem 2013 auf dem Wacken Open Air, als veritabler Glücksgriff - nicht nur gesanglich imstande, die Vorgängerin komplett in die Vergessenheit zu manövrieren, sondern auch mit einer schier unglaublichen Bühnenpräsenz gesegnet. Und Holopainen und Co-Songschreiber Marco Hietala machen das einzig Richtige: Sie geben ihrer neuen Frontfrau jede Menge Raum zur Entfaltung. Den sie vor allem zu Beginn der Platte weidlich nutzt. Oder im Klartext: Seit langem konnte keine Nightwish-Platte einen derart furiosen Beginn vorweisen. Denn nach dem kurzen, von keinem Geringeren als Richard Dawkins gesprochenen Intro läutet "Shudder before the beautiful" mit Donnerhall den so ziemlich besten Opener seit langer Zeit ein. Wuchtiges Orchester als Grundlage, punktgenaue Riffs, dazu eine furios singende Jansen - das macht Appetit auf mehr.

Beim folgenden "Weak fantasy" lassen Nightwish dann alle Hemmungen fallen. Wer zu Zeiten von "Once" oder "Dark passion play" erst mit den Finnen vertraut wurde, dürfte live ziemlich sparsam dreinschauen, wenn plötzlich der Moshpit zu brodeln beginnt. Ja, richtig gelesen – Nightwish können wieder Metal, laut und rau. Und trotz bombastischer und grotesk teurer Produktion mit blindguardianesken 200 Spuren (sic!) bleibt Jansen jede Menge Platz, um ihre ganze Bandbreite zwischen lieblichem Säuseln und ausrastender Rampensau ausleben zu können. Und so geht es tatsächlich weiter – so zeigt "Yours is an empty hope", dass auch ein Orchester heftigst riffen kann, so treibt der Refrain des Titeltracks förmlich Freudentränen in die Augen. Erst gegen Ende zeigen sich einige kleinere Längen, gehen "Edema ruh" oder "Alpenglow" in der Fülle großartiger Songs doch ein wenig unter, während das Instrumental "The eyes of Sharbat Gula" schlicht ein wenig zu lang ist.

Ganz im Gegensatz zum abschließenden "The greatest show on Earth", das trotz seiner mehr als 23 Minuten Spielzeit und zunächst befremdlich wirkenden grunzenden Primaten nie langweilig wird und das Albumkonzept der Evolutionstheorie nach Darwin in einen brillanten Schlusspunkt kulminieren lässt. Dieses Konzept und die Mitwirkung des Evolutionsbiologen und Fundamental-Atheisten Dawkins sorgte im übrigen dafür, dass in den USA diverse Radikalkreationisten bereits zu Plattenverbrennungen aufgerufen haben. Aber da es offensichtlich überall hirnverbrannte Spinner gibt, können Nightwish dies getrost als virales Marketing verbuchen. Denn die Finnen haben mit "Endless forms most beautiful" so ziemlich alles richtig gemacht, angefangen mit dem trotz des omnipräsenten Bombasts wieder deutlich schlüssigeren Songwriting, aufgehört mit der goldrichtigen Entscheidung, Jansen von der Nothelferin zur fest angestellten Sängerin zu befördern. Es ist lange her, dass eine Nightwish-Platte so viel Spaß gemacht hat. Und selten war es so einfach, Nightwish zu mögen.

(Markus Bellmann)

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Highlights

  • Shudder before the beautiful
  • Weak fantasy
  • The greatest show on Earth

Tracklist

  1. Shudder before the beautiful
  2. Weak fantasy
  3. Élan
  4. Yours is an empty hope
  5. Our decades in the sun
  6. My walden
  7. Endless forms most beautiful
  8. Edema ruh
  9. Alpenglow
  10. The eyes of Sharbat Gula
  11. The greatest show on Earth

Gesamtspielzeit: 78:54 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Genau
2015-04-02 17:04:20 Uhr
#Yolopainen
Knut
2015-04-02 14:16:18 Uhr
Rezension ist auch ein Aprilscherz
karl
2015-03-24 16:01:08 Uhr
frauen musik de luxe und damit unhörbar kitschgig
freak
2015-03-24 11:11:45 Uhr
was ich bisher gehört habe fand ich sehr stark.
freue mich auf freitag wenn das teil endlich rauskommt.
Artichokey
2015-03-17 21:59:28 Uhr
Nun ist das restliche Album durchgesickert.
Noch weiß ich nicht ganz wie ich es einzuordnen habe.
Bin beim dritten Durchlauf.
Die Songs scheinen zusammenhängender zu sein.
Sowohl musikalisch als auch thematisch.
Einziger negativer Totalausfall ist der unsägliche 80er Kitsch von Edema Ruh, wobei auch der song sein Höhen hat.
Höhepunkt bis der tolle Opener und Our Decades In The Sun.
Erfreulich ist, dass die Gitarre wieder bedeutend mehr Raum hat und die Verbindung von Orchester und Band fließender gelingt als zuvor.
Natürlich dürfte den erhöhten Kitschanteil bei Nightwish nun wirklich niemanden mehr empören.
Nach dem eher enttäuschenden Dark Passion Play und dem stellenweise ziellosen Imaginaerum endlich wieder ein songorientiertes Album, das durchaus komplex agiert.
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