Godspeed You! Black Emperor - Asunder, sweet and other distress

Godspeed You! Black Emperor- Asunder, sweet and other distress

Constellation / Southern / Cargo
VÖ: 27.03.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ein entschiedenes

"Asunder, sweet and other distress", das neue Album von Godspeed You! Black Emperor, ist das bislang kürzeste der Bandgeschichte und enthält den in vier Teile zerlegten Longtrack "Behemoth". Die grundlegende Änderung ist die Absenz eines bislang festen Stilprinzips der Montrealer. Ein einsames Schlagzeug verkürzt den Weg in die aus der Welt gefallenen Instrumental-Landschaften und verkündet den Verzicht auf stimmungsvolle, sich langsam in musikalische Versenkung hineinsteigernde Intros aus Glockenspiel und einsamer Geige wie in "Moya" von "Slow riot for New Zero Kanada" oder die ausschweifende, wehmütige Erzählung, die die Atmosphäre von "Sleep" auf "Levez vos skinny fists comme antennas to heaven" so stimmungsvoll einzuleiten weiß. Ohne Umschweife empfängt eine wuchtige Entschiedenheit den Hörer. Ein derartig unvermitteltes "Auf geht's!" entblößt sich vielleicht nur in der ausufernden Euphorie von "Antennas to heaven", die den ganzen Körper nach fünfeinhalb Minuten durchzuckt wie ein plötzlicher Schmerz nach einem herzhaften Tritt in einen Nagel.

"Peasantry or 'Light! Inside of light!'", besagter Opener, türmt sich vor elegantem Noise breitschultrig auf, um aus der von der Violinistin Sophie Trudeau und Thierry Amars Kontrabass bestimmten Sound-Kaskade heraus einen enorm positiven Anstrich zu offenbaren. Zart ausklingende Gitarrenakkorde betten die Eröffnung zwar kurz zur Ruhe, allerdings nur um von einer weiteren Hoffnung verkündenden Opulenz abgelöst zu werden. Damit steht das Stück dem Schlusspunkt von Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestras letztem Werk "Fuck off get free we pour light on everything" in Sachen Anmut in nichts nach. Je zehn Minuten benötigen "What we loved was not enough" und nun "Peasantry or 'Light! Inside of light!'", um eine aufkeimende, hoffnungsvolle Bestimmtheit musikalisch zu artikulieren. Man wohnt der lässigen Entstehung eines Sogs bei, der dem harschen Dampfkessel-Treiben auf "'Allelujah! Don't bend. Ascend." diametral gegenübersteht.

Die anschließenden Drones nehmen Genre-Standards auf und verweilen in hauptsächlich spannungsfreien Gefilden, die Drone-Arrangeure wie Barn Owl und vor allem Lawrence English nach komplexeren Höhepunkten bemühen, um den Puls wieder zu beruhigen. Denselben Effekt hat auch der Mittelteil von "Asunder, sweet and other distress", bestehend aus "Lambs' breath" und "Asunder, sweet", wobei Letzteres eine track-eigene Dramaturgie aufzubauen vermag, deren dissonanter Nachhall sich den Beginn des finalen "Piss crowns are trebled" einverleibt. Darin bereitet ein leicht in Schieflage versetztes Geigenmotiv den Eintritt, um sich sodann freimütig von einem wuchtigen Endzeit-Bass den Rang ablaufen zu lassen. Dem Opener gleich entwickelt sich auch hier nach einiger Zeit eine unverrückbar hell erstrahlende Geigen-Melodie, die nach gut acht Minuten von untergeordneter Bedeutung ist, weil "Asunder, sweet and other distress" auf dem Höhepunkt endgültig von einem beseelten Gitarren-Sound durchdrungen wird, den einzig und allein das Zusammenspiel der beiden Gitarristen Carlos Moya und Efrim Menuck hervorbringen kann. Darin schimmert einerseits eine fundamentale Melancholie und Demut, deren Last sich 2015 gleichmäßig auf 18 Schultern verteilt, andererseits im gleichen Moment eine unverkennbare Würde, die das Negative sogleich in ein sorgloses Gegenteil verkehrt.

Selbst die von anderen Musikern, Kritikern und Fans gleichermaßen vorangetriebene Kollektiv-Apotheose untergraben Godspeed You! Black Emperor selbstironisch: Ihren Namen inoffiziell in lautmalerischer Gleichgültigkeit in "God's pee" umzuformen positioniert sie uneindeutig zwischen Anverwandlung Gottes und selbstgewählter Degradierung, welches zum Abschluss in "Piss crowns are trebled" erneut konzentriert in Form gebracht wird. Doch die Stimmen mehren sich, die den Montrealern vorwerfen, ihnen sei die innovative Kraft abhandengekommen, da nach ihrer Live-Wiedergeburt 2010 bislang nur Stücke veröffentlicht wurden, die schon von ihren Konzerten leidlich bekannt waren. Das letzte Ausrufezeichen "Yanqui U.X.O." mit der Veröffentlichung weitgehend unbekannter Musik datiert schließlich aus dem Jahre 2002. Ihre Funktion als Nachlassverwalter ihrer Selbst müsste mit "Behemoth" zu einem Abschluss kommen, welches nach langjähriger Bühnenerfahrung nun auch die Aufnahmeprüfung zum Kreis der Auf-Platte-Gepressten abgelegt hat. Und dass ausgerechnet Efrim Menuck die Ideen ausgegangen sein könnten, ist schwer vorstellbar eingedenk dessen, dass "Fuck off get free we pour light on everything" neben "13 blues for thirteen moons" das konsequenteste Werk von A Silver Mt. Zion ist. Ein ungeduldiges "Was jetzt?" steht weiterhin im Raum.

(Henrik Beeke)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Peasantry or 'Light! Inside of light!'
  • Piss crowns are trebled

Tracklist

  1. Peasantry or 'Light! Inside of light!'
  2. Lambs’ breath
  3. Asunder, sweet
  4. Piss crowns are trebled

Gesamtspielzeit: 40:23 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread

Um Nachrichten zu posten, musst Du Dich hier einloggen.

Du bist noch nicht registriert? Das kannst Du hier schnell erledigen. Oder noch einfacher:

Du kannst auch hier eine Nachricht erfassen und erhältst dann in einem weiteren Schritt direkt die Möglichkeit, Dich zu registrieren.
Benutzername:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Fiep()
2015-11-03 09:18:43 Uhr
Haben sie ja schon zu Release von "Asunder, sweet ..." gemacht, genauso wie behemoth wärend der tour davor gespielt wurde.


Aus Wikipedia:
"They have also performed the tracks "Albanian", and "Gamelan" live, which were released on their 2012 album Allelujah! Don't Bend! Ascend!, where they were titled "Mladic" and "We Drift Like Worried Fire" respectively. A new song "Behemoth" with an approximate run-time of 45 minutes, has been played at several live shows during their 2012 tour.[4] The songs on the album Asunder, Sweet and Other Distress are based on "Behemoth".

During their live shows in Europe in Spring 2015, the band played 2 new songs, usually either side of "Mladic". The first lasts around 15 minutes, the second 22. [5]"

Underground

Postings: 1101

Registriert seit 11.03.2015

2015-11-02 12:51:25 Uhr
Ja und da sie wieder neues material scheinbar spielen könnte das auch gut sein.
Fiep()
2015-11-02 11:42:18 Uhr
"Trilogie"...

meinte damit, das es zwischen den beiden Releases so viele parallelen gibt, das ich das Gefühl habe als ob noch eins kommen wird. Art der ankündigung (schnell ohne viel tam tam, angekündigt und released), artwork, allgemeiner klang und auch struktur (2 "normale" stücke, 2 Drone stücke)

Es würde sich richtig anfühlen wenn noch eins kommt. Mehr war nicht gemeint.

Underground

Postings: 1101

Registriert seit 11.03.2015

2015-11-02 10:41:53 Uhr
jap, schade allerdings, dass es so hell auf der bühne war, nahm den ganzen etwas vom flair...

musie

Postings: 2500

Registriert seit 14.06.2013

2015-11-02 10:30:15 Uhr
war auch da, fand das sehr wuchtig und beeindruckend.
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Bestellen bei Amazon

Threads im Plattentests.de-Forum

Anhören bei Spotify