Bristol - Bristol

Bristol- Bristol

Kwaidan / QQ5 By JSM / Rough Trade
VÖ: 03.04.2015

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Am Rande der Egalität

Irgendwann gehen auch Marc Collin die Vorräte aus. Vier Alben lang verwandelte der Franzose mit dem Coverversionen-Kollektiv Nouvelle Vague Klassiker aus New Wave und Post-Punk in Bossa Nova, Easy Listening und räkelige Barmusik, bis kaum mehr Rohmaterial übrig war – etwas Neues beziehungsweise Altes musste her. Und da Collin schon immer TripHop-Verehrer war, ist dieses Genre nun als nächstes dran. Unschwer zu erkennen am Projekt-Alias, der gleich das Epizentrum des im Südwesten Englands entstandenen Stils bemüht, statt sich wie seinerzeit Portishead mit einem schnarchigen Küstenstädtchen als Namensgeber zu begnügen. Klar, dass Collin auch hier ordentlich mit seinen Pfunden wuchert: Streiche New Order, The Sisters Of Mercy oder Depeche Mode, setze Massive Attack, Tricky oder eben Portishead. Denken Sie weiterhin groß.

Dennoch hat dieses Album ein zentrales Problem. Der Verblüffungseffekt, den die irrlichternd säuseligen Bearbeitungen alter Rotz- und Johl-Klassiker wie "Too drunk to fuck" oder "God save the queen" bei Nouvelle Vague bewirkten, ist einerseits längst verpufft, andererseits spielt der ausgesprochene Lounge-Charakter von Collins Schaffen den Originalen oft so sehr in die Karten, dass sich weite Teile von "Bristol" am Rande der Egalität abspielen. Eine humpelig dahershuffelnde Version von Massive Attacks "Safe from harm"? Warum nicht, auch wenn die ursprüngliche rhythmische Doppelbödigkeit eingedampft und Vokalistin Clara Luciani trotz charmant französelnder Bridge nicht komplett textsicher ist. "No justice" von Smith & Mighty mal im Ragga-Gewand statt auf heißen Dubplates serviert? Im Grunde fein, aber auch nur einen Steinwurf voneinander entfernt.

Am überzeugendsten ist dieses Album, wenn es mit einfachen Kniffen die wirksamsten Resultate erzielt. Probatestes Mittel: die stimmliche Geschlechtsumwandlung von Songs. So ersetzt die Neufassung von Portisheads "Roads" nicht nur das verwunschene Gitarren-Tremolo des Originals durch ein taumelndes Piano, sondern auch Beth Gibbons durch Jim Bauers weit ausholenden Drama-Gesang. Ähnlich geschmackvoll: die ungemütliche Interpretation von Goldfrapps "Paper bag", die das Stück vom filmmusikalischen Schäferstündchen zum indiskreten Quickie umkrempelt, während Martin Rahin den unterkühlten Crooner gibt. "Overcome" von Tricky hingegen hantiert plötzlich klug mit brasilianischen Rhythmen und himmlischen, weiblichen Vocals und verfrachtet den ursprünglich finsteren Brocken an einen Palmenstrand. Beunruhigend und entzückend zugleich.

Viel gewagter wird es danach nicht mehr – musikalische Feinarbeit hin oder her. Morcheebas "Moog island" steht natürlich auch ein scheppriges Sixties-Arrangement passabel zu Gesicht, "Mad about you" von Hooverphonic macht mit geisterhafter Hammondorgel statt synthetischen Streichern eine ebenso gute Figur, und auch Björks "All is full of love" oder "Gabriel" von Lamb sind und bleiben brillante Songs. Der schräge Witz von Nouvelle Vague geht dieser häufig selbstgefälligen Leistungsschau jedoch ab – und so ist dieses Album ein neuerlicher Beleg für die These, dass der größte Nutzen einer Coverversion darin besteht, dass sie überflüssig wird, sobald man das Original hört. Ein haltbares Übereinkommen, um seinen Frieden mit "Bristol" zu machen – und sich kichernd vorzustellen, wie Collins nächste Platte klingen könnte, sollte sie "Seattle" heißen.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • Roads
  • Overcome
  • Paper bag
  • Mad about you

Tracklist

  1. Safe from harm
  2. Woman
  3. Roads
  4. Moog island
  5. Overcome
  6. No justice
  7. Widows by the radio
  8. Paper bag
  9. Gabriel
  10. Mad about you
  11. It hurts me so
  12. 6 underground
  13. Nothing else
  14. All is full of love

Gesamtspielzeit: 51:54 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2015-03-05 17:47:18 Uhr
Liebe Musikfreunde,

Marc Collin, der Produzent und Mastermind von NOUVELLE VAGUE, hat sich daran gemacht dem legendären Bristol Trip-Hop-Sound ein neues 60’s Retro - Gewand zu verpassen das dem vermeintlich totgesagten Genre neues Leben einhaucht. Tres chic! 
 
Das Album "Bristol" erscheint am 27.03.
2015 auf JSM / Rough Trade.

Das Video zu der "Roads" (Original von Portishead) ist hier einsehbar: http://www.muzu.tv/bristol/roads-music-video/2364081/

Weitere Infos über das Release, wie auch die Tracklist befinden sich im folgenden Text:

Band: Bristol
Tracklist "Bristol":

1. Safe From Harm (Massive Attack)
2. Woman (Neneh Cherry)
3. Roads (Portishead)
4. Moog Island (Morcheeba)
5. Overcome (Tricky)
6. No Justice (Smith And Mighty)
7. Widows By The Radio (Perry Blake)
8. Paper Bags (Goldfrapp)
9. Gabriel (Lamb)
10. Mad About You (Hooverphonic)
11. It Hurts Me So (Jay Jay Johansson)
12. Underground (Sneaker Pimps)
13. Nothing Else (Archive)
14. All Is Full Of Love (Björk)

Wir schreiben das Jahr 1991, und es kam fast einer UFO – Landung gleich. Wie aus dem Nichts katapultierten sich Massive Attack mit ihrem Meisterwerk “Blue Line” ins kollektive Pop – Gedächtnis und kreierten mit “Trip Hop” ein neues Genre. Die „Wild Bunch“ mixten Dub, Hip Hop, Soul und Jazz zu einer unnachahmlichen, neuen und aufregenden Mixtur, und ein brandneues Sample Gerät, der „S Series Akai“ lieferte den passenden Sound dazu.

Dieses Album war wie ein Erdbeben und beeinflusste eine ganze Generation. Wie im Punk und New Wave der 70er & 80er Jahre wollten viele diesen Sound nachahmen, besorgten sich die passenden Musikinstrumente und Geräte und gründeten Bands. Ein kurzer Blick zurück bestätigt: Wie im Punk hatten viele dieser Musiker keine Musikwissenschaften studiert oder beherrschten virtuos Ihre Instrumente: sie hatten einfach viel zu sagen und wollten sich ausdrücken. Sie benutzten Ihre Schallplattensammlungen und Ihre Sampler und fingen an zu dubben und zu rappen, ein bis dato unerhörter Sound und eine ganz neue Herangehensweise was das Produzieren von Musik angeht.

Heraus kamen einige Meisterwerke und sind bis heute Klassiker geblieben : Massive Attacks „Safe from Harm“, Tricky’s „Overcome“, „Woman“ von Neneh Cherry und natürlich Portishead’s „Glorybox“ : Trip Hop war geboren und die Geburtsstätte war die englische Metropole Bristol, eine Stadt die schon in den 80er Jahren mit so mancher musikalischer Großtat auf sich aufmerksam machen konnte : Mark Stewart, Smith and Mighty und natürlich Neneh Cherry/Cameron McVey. Dieser Sound entwickelte sich dann mit englischen Bands wie Morcheeba, Archive, Lamb und später dann Goldfrapp oder Zero7 weiter. Mit Jay Jay Johanson aus Schweden, die Hooverphonics aus Belgien, Kid Loco aus Frankreich, Thievery Corporation aus den USA oder die Österreicher Kruder & Dorfmeister entwickelte sich der Bristol Sound zu einem internationalen Phänomen.

Jetzt ist es 2015, die 90er sind Geschichte und wie so vieles kommt Bekanntes und Legendäres wie in einer Wellenbewegung zurück, vermischt sich mit Altbekanntem und wartet nur darauf neu entdeckt und interpretiert zu werden.

Marc Collin, der Produzent und Mastermind von Nouvelle Vague, hat sich daran gemacht dem legendären Bristol Sound ein neues 60’s Retro - Gewand zu verpassen das dem vermeintlich totgesagten Genre neues Leben einhaucht. Tres chic! 
 
Die 4 Track EP “Roads” erscheint am 26.02. und das Album Bristol am 27.03.

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