Tobias Jesso Jr. - Goon

Tobias Jesso Jr.- Goon

True Panther / Matador / Beggars / Indigo
VÖ: 13.03.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Angst und Schrecken in L.A.

Ein Blick in das Artwork genügt, um zu merken, worauf Tobias Jesso Jr. auf seinem Debütalbum "Goon" den Fokus legt. Da prangt der Name des Künstlers in weißen Lettern auf schwarzem Grund, darunter befindet sich eine Klaviatur über zwei Seiten. Das ist schon mal eine Ansage. Doch der 29-jährige Jesso Jr. beherrscht diese schon sehr gut. Das Klavier ist dabei nicht nur bloß Musikinstrument, sondern gleichzeitig der Weg zum Glück. Der Kanadier spielte seine ersten Stücke auf dem Klavier seiner Schwester ein, das diese nach ihrem Auszug im Elternhaus hinterließ. Die ersten Schritte auf dem Pfad der legendären 15 Minuten Ruhm sind erfolgreich getan: Die Schwester bereitete den Weg, den er nun weiter verfolgt und der ihn bis zu seinem großen Auftritt zusammen mit The Roots in der "Tonight show" von Jimmy Fallon führen soll. Dazwischen als Wegzehrung: "Goon".

Jesso Jr. sind auf diesem Album zwölf beeindruckende Songs über Angst und Schrecken in L.A. gelungen, die natürlich auch von der Liebe handeln. In die Stadt der Engel hatte es ihn nach langen Irrungen und Wirrungen verschlagen, um das erfolglose, aber verwöhnte Starlett Melissa Cavatti als Backup zu unterstützen: mit mäßigem Erfolg. Doch der vierjährige Aufenthalt im Moloch Los Angeles, den Foxygen im Song "San Francisco" so herrlich aufs Korn nahmen, lässt Jesso Jr. nicht los. Nach seiner Rückkehr ins Hotel Mama nach Vancouver muss das schwesterliche Klavier dran glauben, und aufwärts geht es: "Just a dream" sprudelt es als erstes aus ihm heraus: "And if I had just one more day / Here's all the things that I would say / To my baby." Ebendieser Tag scheint gekommen. Es folgen klassische Klavierstücke, wie sie sonst allenfalls Randy Newman aufs Steinway legt. Die 70er-Jahre werden wieder modern.

Eine glückliche Fügung will es, dass sich Chet "JR" White von den aufgelösten Girls seiner Demos annimmt und später Patrick Carney von den Black Keys "Goon" mitproduziert. Adele retweeted sein Video zu "How could you babe", eine schleppende Ballade über die Verflossene. So verlaufen nun einmal Karrieren in der neuen digitalen Welt. Im darauf folgenden "Without you" darf die fantastische Danielle Haim mit etwas mehr Tempo an den Drums brillieren, um mit dem Kanadier das gleiche Thema zu bespielen: "There is no future I want to see without you."

Scheitern und Reüssieren, Schein und Sein sind auf "Goon" immer nur wenige Millimeter voneinander entfernt. Eindrücklich beschreibt und besingt Jesso Jr. dies in "Hollywood", dem eindeutigen Überhit, der durch einen stechend klaren Sound und sein jazziges Outro mit Saxophon und Klarinette besticht. Der Zynismus in diesem Song kulminiert in der mehrfach repetierten Zeile "I'm gonna die in Hollywood". L.A. ist ein sehr hartes Pflaster, und darunter befindet sich nicht immer der Strand, so dass kurz vor Ultimo mit "Leaving Los Angeles" der Abgesang auf die ganze Stadt erfolgt. Rette sich, wer kann.

Den "Boulevard of broken dreams" hat Tobias Jesso Jr. also wieder verlassen; sonst hätte "Goon" niemals das Tageslicht erblicken können. Erst solch unwegbares Gelände bereitet den Weg zu kreativen Höchstleistungen. Man bedenke doch bitte: Mit 29 war die Karriere der Beatles schon vorbei; bei Jesso Jr., dessen Melodien vom NME schon mit ebenjenen von John Lennon in Verbindung gebracht werden, fängt sie jetzt erst richtig an. Mit "Tell the truth" ziehen zum Abschied das letzte Mal Hörner und Streicher vorbei und bereiten diesem kleinen Geniestreich von Album einen würdigen Abschluss. Am Ende bleibt die Lust auf mehr.

(Carsten Rehbein)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • Without you
  • Hollywood
  • Just a dream

Tracklist

  1. Can't stop thinking about you
  2. How could you babe
  3. Without you
  4. Can we still be friends
  5. The wait
  6. Hollywood
  7. For you
  8. Crocodile tears
  9. Bad words
  10. Just a dream
  11. Leaving Los Angeles
  12. Tell the truth

Gesamtspielzeit: 46:40 min.

Threads im Plattentests.de-Forum