Treedeon - Lowest level reincarnation

Treedeon- Lowest level reincarnation

Exile On Mainstream / Soulfood
VÖ: 27.02.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Die drei glorreichen Vier

Na, das ging doch eigentlich recht flott: Schlanke sechs Jahre nach dem letzten Ulme-Album "Tropic of Taurus" und nur derer drei nach ihrer erneuten, nicht eben friedvollen Auflösung kehrt Mastermind Arne Heesch mit Treedeon zurück auf die Bretter, die die Welt enthäuten. Und genau damit war bei dem wohl konsequentesten Seelenstriptease- und Selbstkasteiungs-Experten des Noise-Rock wohl nur schwer zu rechnen. Andererseits: Wenn er und Band auf Promo-Fotos geradezu selbstgenügsam, ja frohlockend ins Okular blinzeln, mag man sich bereits wieder Gedanken machen – um Heesch und sein Nervenkostüm. Doch keine Sorge: Alles Makulatur, sagt, brüllt, faucht Treedeons Debütalbum "Lowest level reincarnation". Denn in der Tat befindet sich bei Heesch und seinen neuen Kombattanten alles an seinem angestammten ultralebensmüden Platz.

Gleich "Love turns liquid" spart sich die nächste Ausfahrt, schwarze Piste oder sonstige Zeitfresser und nimmt stattdessen lieber gleich den freien Fall ins Fegefeuer: Nach einem blass vorgetragenen Beat kratzen zunächst einige zitternde Bassfrequenzen an des Hörers Courage, bevor der volle Rollback ins Heesch-Universum alles – Verstärker, Narben, Stimmung, selbst Instinkt – in der näheren und ferneren Umgebung quadratkilometerweit aufreißt. In der Folge zerschlägt ein typisches Noise-Rock-Midtempo seinen Dreivierteltakt derart konsequent durch seismische Betonungen auf der Eins, dass gefälliges Mitnicken wohlüberlegt sein will. Und Heesch windet seine Stimme ebenfalls mit einer Beharrlichkeit um den Mikrofonständer, die all den Beaus des 1990er-Grunge ihre vorgebliche Todessehnsucht als Galgenstrang um den Hals legt und genüsslich zuzieht.

Will sagen: Ein Mann der Kompromisse wird Heesch ganz gewiss nicht mehr. Und auf seine Mitstreiter trifft das nicht minder zu. Schlagzeuger Christian Böhm und Ex-Jingo-De-Lunch-Frontfrau Yvonne Ducksworth spielen Drums und Bass versiert, donnernd, abgrundtief, ganz egal, wie auf-, ab- und darin-herum-bohrend sich Heesch die Betonungen eines eigentlich simplen Viervierteltaktes auch vorstellt. Stimmlich gibt Ducksworth Songs wie "Blankapitation" oder dem von Beginn an mit wilder Entschlossenheit voranpreschenden "Wendigo" zudem genau die Portion Rotzigkeit, die "Tropic of Taurus" zur Unterstützung seiner Punk-Rhythmen teils gefehlt hat. In der Tat ist sie die perfekte Ergänzung für Heeschs neuen Offensivdrang, der nicht länger um sich selbst kreist und all die Selbstverstümmelungen erst als Blutzeuge nach außen trägt. Stattdessen ist Ducksworths Stimme auf "Lowest level reincarnation" eindeutig Punk genug, weshalb sich die Musik auf Teufelsgroove und gespaltene Nackenwirbel konzentrieren kann.

Denn keine Frage: Vieles, im Grunde alles auf diesem Album ist Rhythmus, Riff, Lautstärke und Präsenz. Doch wird all das mit einem derartigen Willen vorgetragen, braucht ein Noise-Rock-Album eben nach wie vor nicht mehr. Was keineswegs heißt, dass Treedeon nicht auch darüber hinaus etwas bieten würden. So etwa Punchlines wie "Your boyfriend sucks dicks in hell", die das mentale Untergeschoss von "Satan's need" nur noch weiter in Richtung Stinkefinger-Doom aufbrechen. Oder die Verlaufskurve des Titelsongs, der zur Mitte hin noch eine Schippe Jähzorn drauflegt, darauf aber so stoisch durchs Downtempo stampft, dass Heesch ein wenig Morgenluft für ein Gitarrensolo wittert. Bereits das folgende und abschließende "Terracide" interessiert sich für derlei Sperenzchen allerdings erneut eher so gar nicht mehr, sondern ist wie so vieles zuvor ausschließlich: Rhythmus, Riff, Lautstärke, Präsenz – eine heilige Viereinigkeit, die zu dritt wie so oft im Noise-Rock so auch bei Treedeon genau richtig besetzt ist. Und wer, wenn nicht Satan höchstselbst, könnte die Trinität zugleich stören und vervollkommnen? Heesch und Treedeon wissen das. Dem Hörer hauen sie es donnernd um die Ohren. Spätestens dann weiß er es auch.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Love turns liquid
  • Satan's need
  • Lowest level reincarnation

Tracklist

  1. Love turns liquid
  2. Blankapitation
  3. Satan's need
  4. Extinction
  5. Wendigo
  6. Venus with teeth
  7. Lowest level reincarnation
  8. Terracide

Gesamtspielzeit: 51:25 min.

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Armin

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Registriert seit 08.01.2012

2015-02-18 22:13:25 Uhr
Frisch rezensiert! Meinungen?
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