Goldjunge - Um so weiter der Blick

Goldjunge- Um so weiter der Blick

Columbia / Sony
VÖ: 23.09.2002

Unsere Bewertung: 6/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Sternenfänger

Schwerelos gleiten sie durch die Atmosphäre. Durch ein Nichts aus Wolken und Himmel, aus Gefühlen und Gefühltwerden. Sie sind beruhigt. Wer die Gravitation austrickst, braucht auch keine Angst vorm Boden der Tatsachen zu haben. Und keine Angst vorm bösen Erdenvolk, das viel zu oft zu falschen Vorurteilen neigt. Vor allem, wenn eine Band sich nicht aus Credibility-Gründen hinter falschen Gitarren oder halbgaren englischen Texten versteckt. Und ihre Songs "Sylvesterstern", "Engelsträne" oder "Haus der Liebe" nennt. Goldjunge sind mutig. Kein Zweifel.

Wer nach dem merkwürdigen Opener "Hinter der Sonne" dennoch den verbalen Baseballschläger ausgepackt hat, um auf die vier Hamburger einzuprügeln, wird ihn ganz schnell fallen lassen und seine eigenen Zehen verarzten müssen. Alleine das tieftraurige "Nur keine Ruhe" nämlich macht in Sekunden sprach- und tatenlos und stürzt sich Knall auf Fall ins tiefste Innere. "Und alle sagen, hör auf Dein Herz, wenn das so einfach wäre / Würde ich mich nicht beklagen / Doch hör ich aus meiner Brust schon so lang nichts mehr". Es ist Pop, ja doch. Nicht nur mit Soul, sondern auch mit Seele.

Scheiße, eigentlich wollte man das gar nicht gut finden. Aber wenn Ingo Pohlmann "Atme den Moment" aus seiner Kehle preßt, ertappt man sich beim instinktiven Luftholen. Wenn er in "Himmel über mir" an die seligen Nationalgalerie erinnert und der Melancholie dankt, dankt man fleißig mit. Und wenn er in "Engelsträne" mit seinem Gewissen hadert, erwischt man sich schon wieder unvermittelt beim Mitleiden. "Wenn Du's weißt, dann gehn wir unter / Sag ich's nicht, geht was verloren". Und neben dem Teufelchen auf der linken Schulter nimmt rechts ein zweites Platz.

Natürlich glänzt auch bei den Hamburgern nicht alles, was Gold ist. "Die Wüste wächst" und "Drachen" gingen kräftig daneben, und bei manchen Zeilen wie "Ich will die Drachön zähln / Bis ich sterbö / Und nicht die Schafö / Bis ich schlafö" können sich einem schon mal die Zehennägel kräuseln. Aber letztendlich distanzieren sich die deutschen Texte in ihrer Unpeinlichkeit immer noch meilenweit von Xavier, Laith und Konsorten und halten so manche wirkliche Sternstunde bereit. Und irgendwo zwischen hier und dem All gleiten Goldjunge weiter ziellos durch die Lüfte. "Geht's Dir nicht genau so, manchmal? Man kommt sich so verloren vor..." Oh doch.

(Armin Linder)

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Highlights

  • Himmel über mir
  • Engelsträne
  • Nur keine Ruhe

Tracklist

  1. Hinter der Sonne
  2. Himmel über mir
  3. Engelsträne
  4. Irgendwas erinnert sich
  5. Haus der Liebe
  6. Drachen
  7. Strategie
  8. Nur keine Ruhe
  9. Das Glück befreit
  10. Das Erbe
  11. Sylvesterstern
  12. Die Wüste wächst

Gesamtspielzeit: 48:50 min.

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