Locas In Love - Use your illusion 3 & 4

Locas In Love- Use your illusion 3 & 4

Downbeat / Warner
VÖ: 20.02.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Von Erleuchtung und Verdunkelung

Musiker und ihre lichten Momente. Und Musiker und der Niederschlag eigener Veränderung in ihrer Musik. Der Hörer schließt vom Ton auf den Charakter, vom Text auf den Gemütszustand des Künstlers. Und allzu oft kann er nur erraten, wo genau zwischen Erleuchtung und Verdunkelung sich der Musikschaffende bewegt, wenn er veröffentlicht. Von der Erleuchtung gesprochen, fällt auf "Use your illusion 3 & 4" ein Satz ins Ohr: "Da ist ein Licht, dass niemals ausgeht", singen Locas In Love neuerlich. Zwei Alben zuvor gab sich Stefanie Schrank noch weitaus weniger optimistisch: "Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug", erklärte die Sängerin auf "Lemming". Zwischen den beiden Alben, ungeachtet der zwischenzeitlichen Erscheinung der ebenfalls großartigen "Lemming"-Resteverwertung "Nein!", lagen offenbar drei heilsame Jahre. Erleuchtung also?

Mit ihrem neusten Machwerk, einem Doppelalbum mit schmunzelnder Guns-N'-Roses-Referenz im Titel, gehen die Kölner in der Tat neue Wege: Erstens mit dem Wechsel zum Major, der im Weiteren aber aber kaum der Rede wert ist, zweitens mit dem gänzlich instrumentalen zweiten Teil der Zweifach-VÖ, dessen Tracks namentlich einmal der Stadtbahn quer durch Köln folgen. Was fängt man an mit so einem Trümmerding von einer Band, die bis dato immer durch die Klarheit ihrer Ansagen glänzte, die mit den erwähnten "Lemming" und "Nein!" ein ganzheitliches Meisterwerk ablieferte, sich als wiederaufgestandene Gescheiterte inszenierte und für den eigens Gefallenen als hinaufbegleitende Autorität manifestierte? "Use your illusion 3 & 4" erscheint vergleichsweise konzeptlos, ist es doch so wahnsinnig schwer zu fassen – vielleicht auch, weil man nach Gewohntem sucht und partout nichts finden mag.

Dem Quartett Planlosigkeit zu unterstellen wirkt anmaßend: Vielleicht ist der Rezipientenwunsch auch dem Künstlerwillen unterzuordnen, und der sieht den ganzheitlichen Ansatz hier eben nun nicht im Vordergrund. Wenn Locas In Love entscheiden elf besungenen Stücken noch zwölf instrumentale hinterherzuschieben, dann ist das zwar eigenwillig für eine Band, die bisher vom Text lebte, aber dennoch nicht zu verachten. Als "Grand Canyon (Wish you were here)" mit knapp dreiminütigem Bachrauschen den ersten Teil des Doppels abschließt, haben Locas In Love jedenfalls wieder viele Weisheiten versprüht. Wie Björn Sonneberg in "Es tut mir leid" von der eigenen Arschigkeit spricht und es unverfroren auf den Punkt bringt, erinnert vom Sound und der Ansprache an Altbekanntes: "Ich werde Dich im Stich lassen / Nicht, weil ich es will / Sondern, weil ich so bin." Das Stück aber bleibt die einzige Reminiszenz an das Vorherige.

In "Wir bauen eine neue Stadt" kommt ein herrlich sarkastisch-fatalistischer Ansatz zum Tragen: "Komm wir bauen eine neue Stadt / Nachdem wir diese in Stücke geschlagen haben." Die Instrumentierung startet im Galopp und bremst mit dem einsetzenden Gesang abrupt, bevor sie Richtung Ende wieder an Zugkraft gewinnt und unverschämt freudig nach vorne drängt, während im Hintergrund die Posaunen ertönen. Letztere finden auch im zweiten Teil des Doppels immer wieder ihren Platz, genau wie zahlreiche Streicher, Flöten und der ein oder andere Synthesizer. Herausstechend erscheint dabei das flotte "Trimbornstraße", welches von der verzerrten Country-Gitarre durch den Dschungel gescheucht wird und in seiner geheimnisvollen Dynamik mitzureißen weiß. Genau wie das von der Bassline getragene "Chlodwigplatz", welches zur Hälfte eine Funkgitarre einstreut, die zum Kopfnicken verleitet. Es ist eine andere Art der Rezeption, die im zweiten Teil des Albums nötig wird, aber keine unleidliche.

Was bei "Use your illusion 3 & 4" trotz seiner gesanglich begleiteten Hälfte gänzlich fehlt, ist der Singalong, der Locas In Love sonst doch immer wieder rausrutschte, das aber geht angesichts fein akzentuierter Einzelaussagen sowie der schieren Fülle an Material absolut klar. 2007 auf "Saurus" sangen die Kölner von "Sachen", die immer wieder ein Treffen verhinderten. Auf dem aktuellen Album folgen "Neue Sachen": Locas In Love greifen das alte Stück auf und lassen die Begegnung nun endlich zustandekommen. Am Ende resümiert Sonneberg "es fühlt sich nie an, als sei schon alles gesagt": Irgendwas ist immer. Die Welt wird nicht leichter zu verstehen. Locas In Love prüfen einen neuen Ansatz sich dem Verständnis zu nähern, bei dem mitunter auch einmal die Klappe gehalten werden muss. Man muss sich darauf einlassen, dann folgt die Erkenntnis: dieser Platte liegt viel Erleuchtung zugrunde.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • Es tut mir leid
  • Neue Sachen
  • Wir bauen eine neue Stadt
  • Chlodwigplatz
  • Trimbornstraße

Tracklist

  • CD 1
    1. Blackbox
    2. Wer weiß
    3. Teile
    4. Teenager
    5. Es tut mir leid
    6. Neue Sachen
    7. Durch die Dunkelheit
    8. Wir bauen eine neue Stadt
    9. Affe
    10. Nichts ist schwieriger
    11. Da ist ein Licht
    12. Grand Canyon (Wish you were here)
  • CD 2
    1. Etzelstraße
    2. Chlodwigplatz
    3. Leyendeckerstraße
    4. Christophstraße / Mediapark
    5. Frankenbad
    6. Wiener Platz
    7. Hansaring
    8. Keupstraße
    9. Trimbornstraße
    10. Geldernstraße / Parkgürtel
    11. Ebertplatz

Gesamtspielzeit: 91:41 min.

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