Keine Zähne Im Maul Aber La Paloma Pfeifen - Die Biellmann-Pirouette

Keine Zähne Im Maul Aber La Paloma Pfeifen- Die Biellmann-Pirouette

Broken Silence
VÖ: 27.02.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 6/10

Alters Heim

"Katarina Witt hat schon vorbestellt." So frohlockten Keine Zähne Im Maul Aber La Paloma Pfeifen unlängst auf ihrer Facebook-Seite. Beste Voraussetzungen also für das zweite Album der selbsternannten Northern Punks, obwohl die Eiskunstlauf-Figur im Titel nicht Witts Namen, sondern den der Schweizer Kollegin Denise Biellmann trägt. Die musikalischen Parallelen zum Sportlichen liegen jedenfalls auf der Hand: Auch hier dreht es sich um geschickte Verrenkungen mit technischem Anspruch, und genau wie Biellmann sind die Kieler bereits ein wenig in die Jahre gekommen, was schon das Cover von "Postsexuell" charmant persiflierte. Kein Grund jedoch, sich graue Haare wachsen zu lassen, denn das Trio muss sich mitnichten hinter seinen mutmaßlichen Helden aus Deutsch-Punk, New Wave und dunkelgrauem Indie-Rock verstecken.

Trotzdem brüten die Norddeutschen auch auf "Die Biellmann-Pirouette" über unliebsamen Themen: bleierne Einsamkeit, Beziehungen, die keine (mehr) sind – und das mit dem Älterwerden ist auch so eine Sache. Schon in "60 Watt Sonne" stellt Drummer Steffen Frahm am Mikro klar, dass es ab einem gewissen Zeitpunkt keine Rolle mehr spielt, ob man seine letzten Jahre im Altenheim oder in der Isolation der eigenen vier Wände fristet. Mit anfänglich karger Schrummelgitarre wächst das Stück erst allmählich zu einem hyperaktiven Post-Punk-Etwas an und zieht eine ähnlich schmerzliche Bilanz wie das fantastische "Leb so, dass es alle wissen wollen" vom Vorgänger. Ein musikgewordener Scherbenhaufen, der in der nüchternen Erkenntnis gipfelt: "1000 CDs – und keine, die Dich berührt hat." Bei dieser ist es schon nach zwei Songs anders.

Und das nicht zuletzt, weil Keine Zähne Im Maul Aber La Paloma Pfeifen der Unbill des Daseins mit Humor entgegentreten – auch wenn es oft ein grimmiger ist. Köstlich, wie dreist der grob hetzende Rumpler "Akkorde ermorden" mit einem "Trans Europa Express"-Intro Kraftwerk beklaut und Bassist Jochen Gäde sich dabei schnaubend selbst durch den Kakao zieht – in nicht einmal zwei hochvergnüglichen Minuten. Fast ebenso knapp gehalten und auf den Punkt lärmend: "Und immer noch nicht gebumst", bei dem Gäde zu grellen Elektroschocks eine Punkrock-Sozialisation inklusive Schülerpraktikum, verstohlenem Rumgeknutsche und erster selbstgekaufter NoMeansNo-Platte runterrotzt – diebisches Vergnügen im wahrsten Sinne des Wortes garantiert, weil überall auf "Die Biellmann-Pirouette" listige Querverweise und launige Songzitate lauern.

Etwa beim großartigen "Dem Teufel Geld", das mit fidelem Wechselgesang und wohlig brummelnder Basslinie "Work, work, work (Pub, club, sleep)" von The Rakes rekapituliert – egal, ob das nun Zufall oder Absicht ist. Woanders grüßen wiederum der Groove des The-Smiths-Klassikers "This charming man" oder die überrissenen Riffs der frühen Gang Of Four. Gäde und Frahm winken mit ätzendem Spott über notorische Stadtmatratzen und fiese Ellenbogengesellschaftler hämisch zurück, bis im rührenden Synthie-Klopfer "Tu so als würdest Du noch schlafen" ein in seiner Verpeiltheit herzerwärmender One-Night-Stand wartet – zusammen mit dem psychedelisch sinnierenden "Notizen aus der Provinz" der Abschluss eines wunderbaren Albums, mit dem man am liebsten alt werden möchte. Wenn man es nicht schon ist. Rezensent: nach Diktat vergreist.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • 60 Watt Sonne
  • Akkorde ermorden
  • Dem Teufel Geld
  • Tu so als würdest Du noch schlafen

Tracklist

  1. Das sind auch so Existenzen
  2. 60 Watt Sonne
  3. Akkorde ermorden
  4. Dem Teufel Geld
  5. Einsamer Mulero
  6. Und immer noch nicht gebumst
  7. Ich geh den Berg hoch
  8. Halbe Stadt von unten
  9. Ein X für ein U
  10. Ich fress den Braten ganz alleine
  11. Tu so als würdest Du noch schlafen
  12. Notizen aus der Provinz

Gesamtspielzeit: 47:56 min.

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