Noel Gallagher's High Flying Birds - Chasing yesterday

Noel Gallagher's High Flying Birds- Chasing yesterday

Sour Mash / Indigo
VÖ: 27.02.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Late Night with Noel

Noel Gallagher gehört zu den lustigsten Menschen im Business. Gerade in Zeiten der Album-Promotion mutieren seine Interview-Antworten zum Fallbeil für die Poplandschaft und Gallagher selbst wird zu Scharlatan und Richter Gnadenlos in Personalunion. Sprich ihn auf ein popkulturelles Phänomen an, und er liefert eine wie auch immer geartete, musikkontextualisierte Reaktion mit einem Mindestmaß an Kontroverse, angetrieben von Langeweile, Trotz, Passion, Berechnung, Verdruss oder Hass light. Unterhaltsamer als der kleine Diss gegen deutschen Rap geriet etwa die Denunzierung des Arctic-Monkeys-Frontmanns: Lieber trinke er Benzin direkt aus der Zapfsäule, als Alex Turner zuhören zu müssen, urteilte Gallagher und bemängelte auf diese Weise das Fehlen von Charakteren in der Musikindustrie. Das Scharmützel mit Ed Sheeran entwickelte gleich mehrere Episoden. Er könne nicht in einer Welt leben, in der Sheeran drei Mal in Folge das Wembley-Stadion bespielt. Sheeran bot dem Ex-Oasis-Mann daraufhin Karten feil. Gallagher nahm sie an – für seine Tochter und gab ihr mit auf den Weg, wen sie bei dem Konzert backstage alles beleidigen soll. Es bleibt also ein Rätsel, warum Noel Gallagher keine tägliche Kolumne hat, eine Late-Night-Show oder, besser noch, eine eigene Kirche.

Inzwischen nimmt sich der Brite selbst nicht mehr so ernst. Und so startet "Chasing yesterday", das zweite Album seiner High Flying Birds, mit einem Schmunzel-Moment: Die ersten Takte von "Riverman" klingen verdächtig nach "Wonderwall". "Alter Sauhund", möchte man ihm zurufen. Wohlwissend, dass ein wesentlicher Bestandteil im Schaffen von Oasis das offensive Räubern in der Pop- und Rockhistorie war, vorzugsweise den Sechzigern oder notfalls auch im eigenen Fundus. Dieser Effekt wiederholt sich bei "The girl with x-ray eyes", das "The masterplan" ins Visier nimmt. In beiden Fällen bleibt es bei Déjà-vus; vor allen Dingen der Opener traut sich was: Zwei Saxophon-Soli, vermummte Bläser und ein Pink-Floyd-Riff haben sicher dazu beigetragen, dass Gallagher "Riverman" für den "vielleicht besten Song" hält, den er je geschrieben hat. Auch wenn wir Gott in seiner Kirche nur ungern widersprechen: So toll der Track auch ist, auf diesem Album warten gar noch bessere. Aber dazu später mehr.

Zunächst zum Klauen und Bauen weiterer Tracks und dem triumphalen Gelingen von Gallaghers größtem Wagnis, "The right stuff". Space-Jazz nennt er es. Ein Konglomerat aus seichtem Besen-Drumming, schrulligen wie schmauchenden Bläsern, Gesangsspuren auf Reduktionslevel und einem flirrenden, epischen, psychedelischen David-Gilmour-Solo Gallaghers. Schon bekannt ist "Ballad of the mighty I", die Nachfolge-Single für die glockenbehangene, rodeohafte Na-Na-Na-Na-Naja-Auskopplung "The heat of the moment". Anfangs gewöhnungsbedürftig ob der discoiden Ausrichtung, funktioniert es am Album-Ende bestens – nicht nur, weil Johnny Marr zur E-Gitarre greift.

"The mexican" vermengt T. Rex, Rolling Stones und Black Rebel Motorcycle Club und ändert mehrfach seine Ausrichtung, "The girl with x-ray-eyes" verschluckt "space and time" und hat weiteres, bereits bekanntes Vokabular zur Hand, was den Song aber nicht schlechter macht, und "You know we can't go back" haut drei Minuten in Kinks-Manier auf Drums, versprüht Sixties-Flair und dürfte in etlichen Kneipen für hochgereckte Biergläser sorgen. Erstmals ein Album zu produzieren, ging dem Mann aus Manchester mächtig auf den Trichter. Stammkraft Dave Sardy war beschäftigt und anderweitig wusste man nicht, wie man dem 47-Jährigen helfen sollte. All das Fluchen hinter den Reglern hat sich gelohnt. "Chasing yesterday" klingt vital, frisch, mehr aus einem Guss als "Noel Gallagher's High Flying Birds", rockiger und hat in der Albummitte vier Songperlen am Stück, wie es sie in dieser Häufung in seiner Diskographie seit "The masterplan" nicht mehr gab.

Aus dem Nichts haut Gallagher "Lock all the doors" raus, tatsächlich wohl schon als Idee in den Neunzigern ersponnen, und gibt eine Vorstellung von dem, wie Oasis heute klingen könnten. Das ist nicht mehr so roh, rotzig und unverbraucht wie vor 20 Jahren, schließlich ist Gallagher keine 30 mehr, und weniger Drogen nimmt er auch. Aber das Riff als Überleitung zum finalen Refrain im Dreieinhalbminüter verursacht einen Flashback und Erinnerungen an feierwütige Jugendtage, dass einem fast die Tränen in die Augen schießen. "The dying of the light", das der ein oder andere schon als "Makes me wanna cry" aus dem Netz kennt, nun aber nach Eigenaussage einen "brilliant title" hat, und der herausragende Italo-Western-Nachklapp "While the song remains the same" wringen die Seele bis zum letzten Tropfen aus. Solange Kopf und Herz solche Ventile finden, darf der Mund weiter aus der Galle trinken. Deal with it, roll with it.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Lock all the doors
  • The right stuff
  • While the song remains the same

Tracklist

  1. Riverman
  2. The heat of the moment
  3. The girl with x-ray eyes
  4. Lock all the doors
  5. The dying of the light
  6. The right stuff
  7. While the song remains the same
  8. The mexican
  9. You know we can't go back
  10. Ballad of the mighty I

Gesamtspielzeit: 43:55 min.

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Felix H

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2017-01-11 11:20:42 Uhr
Potato.

The MACHINA of God

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2017-01-11 11:15:36 Uhr
Potato?

Felix H

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2017-01-09 15:27:07 Uhr
POTATO

eric

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2017-01-09 15:22:24 Uhr
Kommt Noel jetzt endgültig auf den Geschmack, wie groß eine Reunion-Tour sein könnte? :)

The MACHINA of God

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2017-01-09 15:08:43 Uhr
Am 12.7. mit U2 im Olympiastadion Berlin. Wer geht hin?
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