Title Fight - Hyperview

Title Fight- Hyperview

Anti / Indigo
VÖ: 30.01.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Was im Busch

Wenn Bands aus dem erweiterten Umfeld von Punkrock, Post-Punk oder Hardcore ihren Stil von einem zum anderen Output merklich verändern, können sie davon ausgehen, eher früher denn später im Gespräch zu sein. Ist die Szene irritiert oder verärgert, erklingt schnell der Vorwurf der Altersmüdigkeit - "fehlende Power" oder gar "Lahmarschigkeit" sind da noch die harmlosesten Urteile, wenn der gelangweilte Krawall-Purist abwinkt. Ist die Gefolgschaft der unverhofften klanglichen Wandlung einmal wohlgesonnen, liest man – natürlich mit freundlicher Unterstützung der Fachjournaille – nicht selten von einer "bemerkenswerten Weiterentwicklung" oder so etwas wie "Die Band hat ihren Sound ..." – nein, noch besser: "zu sich selbst gefunden".

Title Fight aus Kingston nehmen uns da zum Glück den Plattitüden-Wind aus dem Schreiber-Segel und fallen direkt mit der Tür ins Haus, indem sie den Auftakt ihrer dritten Platte schlicht "Murder your memory" taufen. Und damit vor allem die Erinnerung an den Sound ihres regulären Erstlings "Shed" komplett auslöschen. Beinahe unbemerkt schleicht sich der Opener an, Sänger Jamie Rhoden röhrt nicht, sondern säuselt in düsterer Stimmlage zu zart wabernden Post-Punk-Gitarren und prominentem Basslauf. Die Auskopplung "Chlorine" füllt den bisher höchstens halbbelichteten Raum auch nicht mit Helligkeit aus, schraubt mit ihrer Gitarrenmelodie und etwas mehr Hingabe im Gesang dann aber einen ersten Haken in den Gehörgang. Klar ist recht schnell: Wer bisher eher wenig mit dieser Band anfangen konnte, sollte hier vielleicht ein Ohr riskieren.

Es ist auch Bassist Ned Russin, der den neuen Sound von Title Fight häufig vorgibt und mit seinen raueren Vocals für die nur noch vereinzelt durchdringende Hardcore-Attitüde sorgt, die den Anhängern früherer Werke wohl fehlen wird. Gemeinsam mit Rhoden und seinen teilweise fast an The Cure erinnernden Gitarrenspielchen sorgt das für eine Atmosphäre, die sich irgendwo zwischen Wave und Punk der frühen Achtziger und klassischem Emo-Rock der späten Neunziger einordnen lässt. Für Ersteres stehen das düstere "Your pain is mine now" und das getragene "Liar's love" Pate, verschrobener und knarziger kommt "Hypernight" daher. Ganz verlernt hat der Vierer das Rocken aber nicht: "Rose of Sharon" lässt im Refrain sogar mal so etwas wie zarte Euphorie aufkommen, und mit "Mrahc" hat sich dann doch ein richtig knackig-melodiöser Poltergeist eingeschlichen. Und trotz gedämpfter Atmosphäre schaffen Title Fight all das zumeist in weniger als vier Minuten.

Gewöhnungsbedürtig? Ist dieses Album in jedem Fall, und es braucht Zeit – die sich zu investieren lohnt. Konnte keiner ahnen? Falsch! Um in "Hyperview" den ebenso ambitionierten wie logischen Nachfolger des eher punkrockenden "Floral green" zu sehen, braucht man keine magischen Lauscher. Wer sich "Head in the ceiling fan" vom Vorgänger in Erinnerung ruft, wird da zustimmen. Auch die Kollegen von Pitchfork stellten schon damals heraus, mit Title Fight eine "sehr ambitionierte Band" zu beobachten. Für pauschale oder vorschnelle Urteile ist angesichts dieser Entwicklung tatsächlich nicht der richtige Zeitpunkt. Daher schreiben wir jetzt ganz sicher nicht, Title Fight hätten sich mit diesem Album "gefunden". Der post-punkende Schlussakt heißt schließlich "New vision". Was die wohl als Nächstes im Schilde führen?

(Eric Meyer)

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Highlights

  • Chlorine
  • Mrahc
  • Rose of Sharon
  • Liar's love

Tracklist

  1. Murder your memory
  2. Chlorine
  3. Hypernight
  4. Mrahc
  5. Your pain is mine now
  6. Rose of Sharon
  7. Trace me onto you
  8. Liar's love
  9. Dizzy
  10. New vision

Gesamtspielzeit: 32:14 min.

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AVMsterdam

Postings: 115

Registriert seit 13.03.2017

2017-09-21 13:40:57 Uhr
Im Nachhinein sehr erinnerungswürdiges Album. Außergewöhnliche Stimmung, höre es immer wieder gerne.

saihttam

Postings: 1190

Registriert seit 15.06.2013

2016-11-16 17:05:43 Uhr
Schönes Album! Höre ich immer wieder gerne. Die Entwicklung hin zum Shoegaze wurde ja auf dem Vorgängeralbum und vor allem auf der Spring Songs EP schon angedeutet und ist meiner Meinung nach auch gut umgesetzt ohne die Wurzeln der Band komplett zu verleugnen. Und mit solchen schwelgenden Gitarren kriegt man mich eigentlich immer.
Hyperview
2015-02-25 09:26:35 Uhr
Sehr gutes Album, schöne Stilentwicklung. Vielleicht nicht so gut wie Cheatahs, aber in ein bisschen so würde ich mir das neue Swervedriver-Album wünschen.
defend plop plunk
2015-02-09 07:53:50 Uhr
hat man in letzer zeit ja häufiger beobachten können, dass diese defendpoppunk- und melodichardcorepunkformationen nun den wechsel in diesen grunge-shoegaze-sektor versuchen. mmn hier nun erstmals ein gelungenes album.
mit dieser nervigen poppunkbewegung (also wonder years, man overboard und konsorten) konnte ich nie was anfangen. ekliger als dieses genre sind nur die fans selbst). das album hier zaubert mir jedenfalls ein lächeln aufs gesicht, wie diese ganzen defendler und orgcorespinner sich jz alle über diesen richtungswechsel auskotzen. aber pt hingt ja immer nach...nervig wird es nur, weil nun diese ganzen idiotenbands alle mit diesem konzept nachziehen werden und es bei vielen in die hose gehen wird.

zum album selbst: wütende mischung irgendwo zwischen postpunk und postirgendwasgaze. haben anscheinende viel auf der tour mit whirr gelernt. die 7/10 geht schon in ordnung. insgesamt aber deutlich besser als der langweilige müll, den sie auf den vorherigen alben verzapft haben.

eric

Postings: 1910

Registriert seit 14.06.2013

2015-02-07 13:24:08 Uhr
Wieso benennt ihr eigentlich in eurer Rezi Track No. 4 in "March" um??
Der Song heißt offiziell "MRAHC".
Ok, kann man jetzt für ne Wortspielerei halten, aber man sollte Songnamen schon so beibehalten, wie sie eigentlich auch von den jeweiligen Künstlern gewollt sind.


Die Original-CD kam gestern an und tatsächlich, da heißt der Song anders. In der Seite vom Stream (mehr gab's leider nicht vorab) stand dagegen "March", daher habe ich das übernommen. ;)

Album ist fein, ja.
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