Lemur - Geräusche

Lemur- Geräusche

Kreismusik / Soulfood
VÖ: 30.01.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Trecker fahr'n!

1981, als die Mauer noch stand und Otto Waalkes noch witzig war, wurden in Wolfsburg auch schon Autos gebaut. Und Rapper Benny dort geboren. Als Teil des Duos Herr Von Grau machte dieser von 2007 bis 2014 erstmals großflächig von sich reden. Immerhin vier Longplayer und eine Handvoll Mixtapes brachte er in dieser Zeit mit seinem Kumpanen Kraatz heraus. Mittlerweile ist Benny solo als Lemur unterwegs und somit das aktuellste Signing vom Käptn-Peng-Label Kreismusik. Genau wie der Bub in Ottos Sketch "Auf dem Lande", der aus purer Lust am Treckerfahren seine komplette Familie über den Haufen rollt, macht Lemur mit seinem Solo-Erstling "Geräusche" alles dem Erdboden gleich, was sich ihm in den Weg stellt.

Die Erstauskopplung "Befehlskette" nämlich verdeutlicht, wenn im Albumkontext auch zu guter Letzt positioniert, was Lemur am liebsten macht: Nicht beachten und drüber rollen. Ein wenig bajuwarisch-zünftig angehaucht, mit gezupfter Akustischer und Mundharmonika schwärmt der Rapper singender Weise vom Niederwalzen – Befehl von ganz oben. Nach gut einer Minute dann der Flip zum Rap mit dickem Beat und Sirene im Hintergrund. Im Panzer rollt es sich doch am besten: "Ich gebe Kette und bretter direkt durch die Hecke in' Garten / Zerschmetter' Salat und zerquetsche Tomaten / Zerfetze den Rettich und fresse den Karpfen!" Der Beat wechselt nach der Strophe stetig sein Erscheinen, Lemur fordert "ein wenig Hass und Gewalt". Letztlich fragt er, umgeben von fiesen House-Beats, "was ist nur mit den Tomaten passiert?"

Das Album ist gekennzeichnet von düsteren Episoden mit sarkastischen Untertönen. Wenn schon verrecken, dann wenigstens dem Tod noch ein paar freche Rhymes um die Ohren gewatscht. Und wenn Lemur sein Ding für den Schwanzvergleich mit dem Sensenmann zückt, hat letzterer schlechte Karten. "Meine Seele ist so dunkel wie ein Mastdarm", lässt Lemur in "Yeah" wissen, welches mit straightem Kurs, aber keineswegs ironiefrei den Künstler in den Himmel hebt, bedenkt man doch, wie Lemur im großartigen "KKK" einen Keks statt sich selbst abfeiert. Ja, richtig, einen Keks! "Eine kleine Hassmusik" kommt mit smoothem Piano und fein getreutem Saxophon an und auch dort wird wieder so charmant gehatet: "Du vollgeschissene Haut / Du hast keinen Charakter / ... / Ganz vielleicht fahr ich Dich zu Brei mit nem Laster." Ja genau, Lemur überrollt echt alles.

Der Titeltrack indes beginnt, wie sein Name es vermuten lässt: Untermauert von fortlaufendem Geklacker, das auch Benny nicht schlafen lässt. Ob es nun der kackende Nachbar ist oder die türkischen Jungs auf der Straße, er findet keine Ruhe. Nach knapp drei Minuten gönnt sich der Titel eine zehnsekündige Pause, bevor runter gepitchte Sprachfetzen das Stück ausleiten. Der Oldschool-Beat von "SM" macht Richtung Ende noch einmal richtig Spaß. SM ist dabei keineswegs das übliche Akronym, sondern steht für Scatman, welcher Lemur wohl nachhaltig inspiriert zu haben scheint: "Bi-da-ba-ba-da-ba." Wenn "Befehlskette" dann den Reigen schließt, haben wirklich alle, vor allen Dingen aber "die Bösen" ihr Fett weg bekommen, Lemur zwei brennende Reifenspuren hinterlassen und dabei sehr, sehr vieles richtig gemacht: Mit einem guten Schuss Wortwitz und äußerst diversen Arrangements qualifiziert sich "Geräusche" für die Wahl zur Dampfwalze des Jahres.

(Pascal Bremmer)

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Highlights

  • KKK
  • Yeah
  • SM
  • Befehlskette

Tracklist

  1. Der Anfang vom Ende
  2. Was für länger bleibt
  3. KKK
  4. Mein bester Freund
  5. Yeah
  6. Eine kleine Hassmusik
  7. Du brauchst
  8. Geräusche
  9. Alles gut
  10. Für Dich
  11. SM
  12. Aufmerksamkeit
  13. Tschuldigung
  14. Befehlskette

Gesamtspielzeit: 44:41 min.

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User Beitrag
Malzbier
2015-02-11 09:59:37 Uhr
Der Titeltrack, "Er läuft" oder auch "Gedichte und Genozide" find ich auch sehr gelungen. Welche Track mich jedoch immens stören sind solche wie "Robocock".
Mein Lieblingsalbum ist wohl Blumenbeet als ganzes, da rappt und klingt Benny zum Teil noch ganz anders und ich war auch immer ein großer Fan seiner (selbst)ironisch angehauchten Texte.

Desare Nezitic

Postings: 5406

Registriert seit 13.06.2013

2015-02-10 14:03:01 Uhr
An "Freiflug" mag ich die Atmosphäre, die stellenweise auch in "Geräusche" vorhanden ist. Ein sehr nachdenkliches Dunkelheitsalbum, auf Albumlänge aber auch in der Lage zu differenzieren und so eine Reise zu entwickeln, die für mich auch oft recht unwohlig und sehr angespannt ist, z.B. "Er läuft" und der Titeltrack. Ist zwar eine Außenseitermeinung, aber ich halte "Freiflug" für das beste HvG-Album.
Malzbier
2015-02-09 23:27:46 Uhr
Die Texte sind tatsächlich schwächer, wenn man sie mit Songs wie "Daswiewaswiesogeschiehtdas", "Klebeband" oder "Hoffmann" vergleicht. Allerdings sind sie meiner Meinung nach immer noch auf sehr hohem Niveau.
Das bei "Eine kleine Hassmusik" hab ich mich auch schon gefragt. Muss aber trotzdem immer noch sagen, dass ich "Geräusche" besser finde als "Freiflug".

Desare Nezitic

Postings: 5406

Registriert seit 13.06.2013

2015-02-07 13:56:17 Uhr
Schade, dass sie sich so verstritten haben. Kann mich noch erinnern, dass einige Kollegen noch ein spontanes Solikonzert auf die Beine gestellt haben, nach denen den beiden das ganze Equipment durch einen Einbruch genommen wurde.

Den positiven Stimmen zu diesem Album kann ich nicht folgen. "Befehlskette" ist wirklich nicht repräsentativ fürs Album, es klingt doch eher wie die letzte HvG-Platte, insgesamt ist mir das aber auch wegen gänzlich fehlenden Features zu eintönig, außerdem finde ich die Texte wesentlich schwächer.
Ist "Eine kleine Hassmusik" eigentlich direkt an Kraatz gerichtet? Fande ich eigentlich eher sehr mäßig, bevor mich das Kinski-Sample am Ende doch ungestimmt hat. Dann noch ein paar schöne Tracks die so auch auf "Freiflug" gepasst hätten, aber sonst viel Langweiliges. 5.2 und ich bin bei Bennys weiteren Weg wohl raus.
Malzbier
2015-02-07 12:07:32 Uhr
Man sollte nicht den Fehler machen zu denken, dass "Befehlskette" den Sound des Albums repräsentiert.
Er sticht extrem aus den anderen Songs hervor und wirkt im kompletten Albumkontext schon fast verstörend.

Und übrigens, auch bei Herr von Grau hat Benny neben den Raps auch den größten Teil der Beats selbst herbei gesteuert.
Kraatz war da eher der Assistent, der z.B. Drumsounds eingespielt hat.
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