Cracker - Berkeley to Bakersfield

Cracker- Berkeley to Bakersfield

429 / Freeworld / H'Art
VÖ: 23.01.2015

Unsere Bewertung: 5/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Ordnung muss sein

David Lowery ist einer von der alten Schule. Allerdings nicht unbedingt immer ein Kavalier. Zumindest nicht, wenn es um seine redlich verdienten Tantiemen geht – oder vielmehr um diejenigen, die er eigentlich hätte verdienen sollen. Als eine Radioredakteurin nämlich einmal darüber bloggte, dass sie von den rund 11.000 Songs auf ihrem Laptop nur die allerwenigsten käuflich erworben hat, fühlte sich der gebürtige Texaner befleißigt, der guten Frau in einem nicht eben zimperlichen offenen Brief die Leviten zu lesen. Und obwohl sich Lowery damit einiges an Kritik einhandelte, lässt er sich natürlich nicht beirren und setzt weiterhin auf bewährte Medien wie die gute alte CD – mit Camper Van Beethoven genauso wie mit seiner musikalisch traditioneller orientierten Zweitband Cracker. Die Formate werden sogar eher sperriger als stromlinienförmiger.

Denn seien wir mal ehrlich: Ein Doppelalbum, dessen Programm auch bequem auf einen von beiden Tonträgern gepasst hätte, sieht zunächst gnadenlos anachronistisch aus, wenn die Band nicht gerade Arcade Fire heißt. Doch Cracker haben sich etwas dabei gedacht. Die kalifornischen Orte im Titel sind mit schlappen fünf Stunden Autofahrt nicht nur geographisch weit voneinander entfernt, sondern stehen auch für zwei musikalische Welten: Während aus den Garagen von Berkeley in der San Francisco Bay Area seit Anfang der Achtziger Rock und Punk dröhnen, hat sich Bakersfield am Rande der Sierra Nevada vor allem durch die traditionelle Americana von Buck Owens oder Merle Haggard einen Namen gemacht. Fast rührend vorhersehbar, dass Cracker dem Sound jeder Stadt nun je eine CD widmen. Aber Ordnung muss schließlich sein.

"Torches and pitchforks" kumpelt zu Anfang des Berkeley-Parts zwar ausgerechnet Johnny Cashs "I walk the line" an, erweist sich jedoch lediglich als tiefes Durchatmen vor einer erfreulich aufgekratzten Rock-Rundfahrt. Da ätzt "March of the billionaires" mit bohrenden Riffs und "Na na na na"-Chor hämisch gegen reiche Säcke und dampft "Beautiful" so frenetisch ab, dass das geschwinde Honky-Tonk-Piano kaum hinterherkommt. Nächster Halt: "El Cerrito", Heimatkaff von Creedence Clearwater Revival, das Cracker jedoch mit einem funky Groover nach Art von "We don't talk about it" aus Lowerys Soloalbum "The palace guards" aufmischen. Klar, dass sie bald Richtung San Francisco verjagt werden und dort bei "Life in the big city" mit tiefhängender Stromgitarre den Mädels nachsteigen. Was für ein Spaß.

Geht es anschließend circa 450 Kilometer nach Süden, sollte man hingegen Spaß an allenfalls beschaulichem Vergnügen haben, wenn etwa der "King of Bakersfield" zu seufzenden Pedal-Steel-Gitarren und spitzfingrigen Banjos mit Haus, Pickup und Boot protzt. Der entsprechende Song ist allerdings eher in der Nähe von Steve Goodmans "City of New Orleans" zu verorten – und symptomatisch für den mehrheitlich piefigen Country for old men der zweiten CD, bei dem man der Genrebezeichnung kaum noch ein "Alternative" voranstellen mag. Erst gegen Ende haben Cracker genug von mit höchstens mildem Spott karikierten uramerikanischen Befindlichkeiten und bringen dieses Album mit dem herzigen Nostalgie-Seufzer "Where have those days gone" zu einem versöhnlichen Abschluss. Und jetzt wieder ab nach Berkeley. War irgendwie schöner da.

(Thomas Pilgrim)

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Highlights

  • March of the billionaires
  • El Cerrito
  • Life in the big city
  • Where have those days gone

Tracklist

  • CD 1
    1. Torches and pitchforks
    2. March of the billionaires
    3. Beautiful
    4. El comandante
    5. El Cerrito
    6. Reaction
    7. You got yourself into this
    8. Life in the big city
    9. Waited my whole life
  • CD 2
    1. California country boy
    2. Almond grove
    3. King of Bakersfield
    4. Tonight I cross the border
    5. Get on down the road
    6. I'm sorry baby
    7. The San Bernadino boy
    8. When you come down
    9. Where have those days gone

Gesamtspielzeit: 70:42 min.

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Luc

Postings: 221

Registriert seit 28.05.2015

2015-12-14 14:19:11 Uhr
Ich hab sie mir letzte Woche live angesehen / angehört; sie haben viel von der Berkeley to Bakersfield gespielt.
Die Platte reift wirklich, wird mit jedem Hören immer besser.

Live sind Cracker wirklich ein Genuss.

Luc

Postings: 221

Registriert seit 28.05.2015

2015-08-05 10:49:40 Uhr
Gewöhnungsbedürftiger als gewohnt.
Aber nach über einem halben Jahr höre ich sie jetzt doch ganz gerne.
Auch wenn Cracker sicher schon bessere Alben gemacht hat.

Vorsicht:
Wenn man Almond Grove die Chance gegeben hat sich im Ohr und Hirn einzunisten...
nicko
2015-01-29 09:41:58 Uhr
Ich bin ein bedingungsloser Fan von Cracker und David Lowery - die Rezi ist mir mithin schnuppe.

Jennifer

Postings: 1508

Registriert seit 14.05.2013

2015-01-28 00:36:30 Uhr
Frisch rezensiert. Meinungen?
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