Dan Mangan + Blacksmith - Club meds

Dan Mangan + Blacksmith- Club meds

City Slang / Universal
VÖ: 09.01.2015

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 7/10

Kitsch ist König

Babyotter war einmal, kaum zähmbarer Löwe scheint inzwischen treffender. Dan Mangan wollte nicht mehr süß sein. Besser gesagt: Nicht mehr süß klingen. Richtig schockierend kommt diese Ankündigung nicht daher. Der Kanadier vollzog in seiner Diskographie schon kleinere Wandel, brach auf "Oh fortune" Äste des Folk-Pop ab und fügte als Songwriter sinistre Text-Passagen hinzu, die tiefer gingen als die von ihm auf "Nice, nice, very nice" besungene Roboterliebe. Wie sich herausstellt, sollte das letztlich nur Vorgeplänkel darstellen für den neuen Ist-Zustand. Mangan veröffentlicht seine Platten nun mit Blacksmith an seiner Seite, einer bis zu sechsköpfigen Band, die ihn teils schon länger musikalisch unterstützt, jetzt aber visuell mehr Präsenz erhält. Und selbstredend im Klangbild.

Ein synthetischer Beat samt gelooptem Sprach-Sample eröffnet "Club meds" – und legt gleich eine Finte zu einer vermeintlichen Electro-Platte. Nachfolgend flirren zwar mürbe Spannungsfelder durch "Offred", genauso aber synkopische Drums und eine filigrane Akustikgitarre. Als eine Referenz könnten durchaus Radiohead herhalten, die aber noch eher Pate stehen für "A doll's house / Pavlovia". Bevor durch falsch akzentuiertes Name-Dropping ein falscher Eindruck entsteht: Mit "Vessel" hängt Mangan einen potenziellen Peter-Gabriel-Track an, in dem zerquetschte Bläser abgebrochene Flötenklänge ablösen, der Kanadier stimmlich kurzzeitig auf Bruce Springsteens Spuren watet und immer wieder kanonisch repetiert: "It takes a village to raise a fool."

"Vessel" ist der einzige Song, der schon länger umhergeistert, weil der Titel als Soundtrack zum Film "Hector and the search of happiness" herhielt – und doch namentlich beinahe eine Steilvorlage für den treibenden, extremst eingängigen Folk-Rocker "Mouthpiece" bietet: eine Hasstirade wider der Unreflektiertheit, wider der Zensur: "I understand that sometimes we all must dance with fuckery / But everybody's pissing in the well of our suffering." Süß ist das nun wahrlich nicht mehr. Als junger Vater macht man sich wohl mehr Gedanken um die Welt. Auch wenn Mangan nie Ambitionen hegte, politische Texte zu verfassen, inspirierte den mit Streichern versehenen Folk-Walzer "XVI" doch ein Gemälde von König Louis XVI und Marie Antoinette an der Wall Street während der Occupy-Bewegung.

Mangan mag nicht vor der Realität flüchten, bemängelt allerdings im Titeltrack unter einem tropikalen Rummel der Nebelkerzen eben jene Tendenz der sedativen Verdrängung. Und das eben musikalisch höchst vielfältig. Neben den Prog-Rock- und Post-Rock-Verweisen, den atmosphärischen Loops, Mangans Kopfstimme und dem etwas kakophonischen Finale in "New skies" sowie der The-National-Rhythmik in "Forgetery" darf dieser Text nicht verbergen, wie sensationell "Kitsch" ist. Der Track, vollkommen glitzerfrei, baut sein Fundament auf einer Basslinie und addiert eine zwirbelnde Gitarrenfigur sowie eine unwiderstehliche Polyrhythmik. Das ist der Moment, in dem "süß" endgültig ins Totenreich der Adjektive wandert und schlichtweg offenkundig wird, dass Mangan nie besser geklungen hat.

(Stephan Müller)

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Highlights

  • Offred
  • Mouthpiece
  • Kitsch
  • New skies

Tracklist

  1. Offred
  2. Vessel
  3. Mouthpiece
  4. A doll's house / Pavlovia
  5. Kitsch
  6. XVI
  7. War spoils
  8. Forgetery
  9. Club meds
  10. Pretty good joke
  11. New skies

Gesamtspielzeit: 45:31 min.

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User Beitrag

Mainstream

Postings: 1864

Registriert seit 26.07.2013

2015-01-20 10:51:07 Uhr
Urteil: Offred und Mouthpiece sind klasse, Album kann nur bedingt mithalten.

Mainstream

Postings: 1864

Registriert seit 26.07.2013

2015-01-18 19:29:38 Uhr
Ungewöhnlicher Klang, elegante Harmonien, nachdenklich machende Lyrics: wird auf jeden Fall weitergehört.

BadaBing

Postings: 49

Registriert seit 27.06.2013

2015-01-18 16:21:47 Uhr
Offred ist ja mal sowas von der Song des Jahres bislang. Na gut, so lang ist das Jahr noch nicht dran, aber das ist schon einmal ein guter Auftakt in 2015.

Cosmig Egg

Postings: 766

Registriert seit 13.06.2013

2015-01-15 10:35:26 Uhr
Sehr gutes Album. Love it
Der LoR
2015-01-14 09:35:01 Uhr
*erinnert mich an wovenhand . . . Ich mag's
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