Funeral For A Friend - Chapter and verse

Funeral For A Friend- Chapter and verse

End Hits / Cargo
VÖ: 23.01.2015

Unsere Bewertung: 7/10

Eure Ø-Bewertung: 8/10

Rostschutz ohne Politur

Wer Funeral For A Friend im Vorprogramm der 2014er-Tour von Boysetsfire sah, den hinterließ die Band ein wenig ratlos. Hatten die Waliser einfach mehr Lust auf Reisen und Sightseeing denn auf Konzerte – oder wurde ihnen das Set an diesem Abend im Wiesbadener Schlachthof durch einen lustlosen und unfähigen Soundmann verbockt? Die Tatsache, dass man 2015 zu einer Headliner-Tour startet, lässt zumindest erahnen, dass Funeral For A Friend diesen verschlafen-staubigen Auftritt nicht böse meinten. Für ältere Freunde der Band, die nun überrascht sind, dass auch neues Material erscheint, sei gesagt: "Chapter and verse" ist natürlich kein neues FFAF-Kapitel oder gar ein Comeback, sondern schlicht Album Nummer sieben – und immerhin schon das dritte Werk in knapp fünf Jahren.

Natürlich haben sich mittlerweile etliche Jahreswechsel-Sektkorken angesammelt, seit man sich kennenlernte. Damals, als der Fünfer in der Brandung der ersten Nullerjahre-Emo-Welle mit dem Debüt, ach Quatsch, mit diesem Meilenstein namens "Casually dressed and deep in conversation" die Messlatte auf der Genre-Qualitätsskala weit nach oben schraubte, war diese Art Musik nicht unbedingt der heiße Scheiß, aber doch eine beachtliche Weiterentwicklung des 90er-Punk- und Hardcore-Sounds. Ähnlich frisch, unbedarft und roh wie in den Anfangstagen wollte man auch "Chapter and verse" angehen. Und das ist grundlegend geglückt. Der Opener bringt zunächst klassisches FFAF-Songwriting mit erhöhtem Shouting-Faktor, bevor die verspielte Gitarre in der religionskritischen Quasi-Titel-Hymne "You've got a bad case of the religions" die polternde Rhythmus-Sektion mehrmals übertölpelt. Und so ein erstes Ausrufezeichen setzt.

Mit dem Hochgeschwindigkeitszug "After all these years... like a lightbulb going off in my head" und dem wütenden Brecher "Modern excuse of a man" zollen die heute zu viert musizierenden Briten musikalisch den Neunziger-Hardcore-Helden Tribut, schaffen dabei aber zugleich den Spagat hin zu aktuellen Szene-Größen. Am stärksten sind Funeral For A Friend eben nach wie vor, wenn sie sich nicht groß umschauen. "Donny" zum Beispiel hat Kraft, Geschwindigkeit, Breaks wie eh und je und sorgt nicht nur bei Fans für Daumen-nach-oben-Gesten. Auch "1%" ist ein unverwechselbarer FFAF-Kandidat, der Matthew Davies-Kreyes Stimme erstrahlen lässt, bevor sich im Finale jegliche Schönheit schreiend, prügelnd und mit Double-Bass-Attacke dahin pulversiert. Bei "Pencil pusher" klopfen die Tour- und Labelfreunde von Boysetsfire an – sicher nicht die schlechteste Referenz für einen Moshpit-Song.

Dass das traurige "Brother" nicht die Intensität des Klassiker-Schmachtschinkens "History" erreicht, fällt dabei kaum ins Gewicht. Trotz der guten neuen Songs fällt auf, dass "Chapter and verse" von Band-Kumpel und Goodtime-Boys-Gitarrist Lewis Johns in der Heimat aufgenommen wurde und eher roh und polternd daherkommt. So manch intimer Moment dieser Platte würde mit ein wenig Feinschliff-Produktion oder Sound-Make-Up, wie sie etwa "Hours"" im Übermaß hatte, noch einen Tick mehr erstrahlen. Doch gut, dass es alten Hasen wie Funeral For A Friend durch die finale Mammut-Retrospektive "The jade tree years were my best" dann wieder gelingt, ihr Rostschutzmittel einmal mehr aufzufrischen. Der Politur-Pinsel bleibt entbehrlich. Vorerst.

(Eric Meyer)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Bestellen/anhören bei Amazon

Highlights

  • You've got a bad case of the religions
  • Pencil pusher
  • Donny

Tracklist

  1. Stand by me for the millionth time
  2. You've got a bad case of the religions
  3. Pencil pusher
  4. You should be ashamed of yourself
  5. 1%
  6. After all these years... like a lightbulb going off in my head
  7. Modern excuse of a man
  8. Inequality
  9. Brother
  10. Donny
  11. The jade tree years were my best

Gesamtspielzeit: 38:30 min.

Album/Rezension im Forum kommentieren (auch ohne Anmeldung möglich)

Einmal am Tag per Mail benachrichtigt werden über neue Beiträge in diesem Thread
Dein Name:
Deine Nachricht:
Forums-Thread ausklappen
(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag

eric

Postings: 1583

Registriert seit 14.06.2013

2015-02-06 13:02:26 Uhr
Ich mag sie lieber als die letzten beiden. Joa, 6/10 oder knappe 7/10 eben. Live in der Schlachthof-Räucherkammer war's aber ein Fest.

Delirium

Postings: 366

Registriert seit 16.06.2013

2015-02-06 12:07:21 Uhr
Ja, seh ich genauso. Als Mittagessen wäre das vielleicht Nudeln mit Tomatensoße. Oder Pellkartoffeln mit Quark.

Talvi

Postings: 1

Registriert seit 05.02.2015

2015-02-05 20:55:04 Uhr
Bin ich der Einzige, der den Sound der neuen Platte als wesentlich roher und dreckiger empfindet als alle Alben von FfaF zuvor? Mehr Raum auf Gitarren und Drums, keine (wie sonst) offensichtlichen Edits auf den Vocals, mir persönlich gefällt's.
Leider wird die Platte aber wohl trotzdem nicht in Dauerroation bei mir laufen, die Songs sind gut, aber etwas mehr Weiterentwicklung würde ich mir schon wünschen. Wie Delirium oben passend schreibt: Kaum gewöhnungsbedürftig.
Meine Wertung 6/10.

Delirium

Postings: 366

Registriert seit 16.06.2013

2015-01-09 15:25:43 Uhr
Album Nummer 7 der ehemaligen Post-Hardcore-Popper erscheint in knapp 2 Wochen und lässt, gemessen an den kaum gewöhnungsbedürftigen Vorabsongs, auf eine passable Fortsetzung der letzten beiden guten Platten schließen.

Tracklisting

01 Stand by Me for the Millionth Time
02 You've Got a Bad Case of the Religions
03 Pencil Pusher
04 You Should Be Ashamed of Yourself
05 1%
06 After All These Years... Like a Light Bulb Going Off in My Head
07 Modern Excuse of a Man
08 Inequality
09 Brother
10 Donny
11 The Jade Tree Years Were My Best
Zum kompletten Thread

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum du diesen Post melden möchtest.

Threads im Plattentests.de-Forum