Shellac - Dude incredible

Shellac- Dude incredible

Touch & Go / Rough Trade
VÖ: 19.09.2014

Unsere Bewertung: 8/10

Eure Ø-Bewertung: 9/10

Die tun nix

Altlinke Fortschrittsverweigerer, dickköpfige Eigenbrötler und überhaupt: lichtscheues Gesindel, das jeden noch so dürren Sonnenstrahl mit einem aggressiven "Kchhh" kommentiert – Shellacs Nimbus schreibt sich in der Regel in nicht eben freundlichen Farben an die Rock-Zirkus-Wand. Die Wahrheit? Sieht schon ganz anders aus: Denn im Grunde zeigen sich Steve Albini, Todd Trainer und Bob Weston in Interviews, Produktions-Dokumentationen, zuletzt gar in selbstgegebenen Kochkursen so kommunikativ wie nur möglich. Und auch diverse Running Gags und Fragestunden während ihrer Live-Auftritte zeugen von vielem, nur nicht von einer Band mit ganzen Brandrodungsflächen im Allerwertesten. Woher der Ruf stammt, ist indes klar: Einfache Kost musizierten Shellac noch nie. Und ihr Veröffentlichungszyklus gleicht seit geraumer Zeit eher der Lebensdauer eines Grönlandwals. Alle sieben Jahre wieder – exakt die Zeitspanne, die bereits "1000 hurts" und "Excellent Italian greyhound" zu überwinden hatten, brauchte auch "Dude incredible", um mit einem fauchenden "Kchhh" das Licht der Welt zu erblicken. Und die Welt glotzt erneut einigermaßen verdattert zurück.

Denn Shellac offerieren mit ihrem fünften Album eine Songsammlung, die so kurzweilig und in sich ruhend wie nie zuvor daherkommt. Vollgepackt mit Songs, die in eben diesen sieben Jahren bereits zu Live-Standards geworden sind, wird "Dude incredible" nicht wie sein Vorgänger von zwei songgewordenen halsstarrigen Statements in Art- und Ultra-Punk-Rock eingerahmt. Stattdessen ergibt diese gute halbe Stunde typisch shellacschen Noise-Rocks ein wahres Faszinosum aus typisch shellacschen Trademarks: Von Albinis gegen den Strich getakteten Blues-Riffs über Westons klackernde Bassläufe und Trainers schneidende Beats bis zu sechs Händen voller Explicit lyrics sind diese Songs ein einziges Abklatschen mit der eigenen Band-Identität. So geht es bereits in den exakt getimten sechs Minuten des Titelstücks nicht nur durch Shellacs gesamtes Offensivpotential, sondern auch im Affenbanden-Modus auf Bräute-und-Fäuste-Schau. Und nur zwei Lieder später gibt es diesbezüglich gar keine Fragen mehr. Beziehungsweise derart wenige, dass auch Albini lediglich eine Handvoll Sätze durch den Mittelteil von "You came in me" murmelt, die in ihrer haspelnden Intonation mächtig am reflexartigen "Hihi"-Potential seiner lyrischen Ergüsse rütteln.

Meanwhile in the adult world hingegen fabulieren Shellac in einer Song-Trilogie von der Vermessung Amerikas zu Gründerzeiten – eine Doppelbödigkeit, die sich natürlich darauf reimt, dass nur vermessen wird, was anschließend möglichst effektiv überwacht werden will. Ganz recht, Shellac wissen nicht nur deshalb hypergenau, was sie tun, weil sie all ihre Breaks, 5/4- bis 7/4-tel-Takte, "Whoaaa"s und "Huuu"s aus dem Hintergrund zu einer reproduzierbaren Einheit zusammenschmieden, sondern auch zum Wohle eines intelligiblen Grundgerüsts. Eben dieses versehen sie aber mit mindestens ebenso vielen Haken und Ösen wie die liebgewonnene musikalische Differenz aus bündiger Instrumentierung respektive Produktion und ihrer kompositorischen Entflechtung in vermeintlich konträr aufspielende Sinneinheiten, die dennoch als ein einziges dickes Pfund ausschließlich auf die Kacke hauen. In der Folge wird das ganz und gar hervorragende "All the surveyors" durch Albinis und Westons "Caw! Caw!"-Rufe periodisch durchschnitten, während "The people's microphone" stumm bleibt – eines von zwei Instrumentals, die "Dude incredible" anzubieten hat.

Präzision ist hier nach wie vor das Stichwort. Und präziser als Shellac musiziert auch nach "Dude incredible" kaum jemand. Mehr noch: In der Tat präsentiert sich Shellacs sehr sehr eigene Vorstellung von Dickhosen-Rock hier erstmals absolut unverblümt. Das zeigt sich ebenfalls in, gleichwohl minimalen, Konkretisierungen im Bandsound. So faucht Albinis Gitarre nach wie vor gewohnt crisp, scharfkantig, im Mittenbereich – insbesondere beim abschließenden "Surveyor" aber brummen und pumpen die Riffs wie bislang kaum gehört. Dazu poltern Weston und Trainer durch einen Kopfnicker-Beat, der beim Schleifpapier-Downtempo von "Riding bikes" und "Gary" nur noch verstärkt wird. Zudem hat Albini das Kratzen in seinen Stimmbändern mehr als wiederentdeckt, während Weston eher rezitiert als singt, dabei teils aber auch einen Druck entwickelt, wie man ihn sonst nur aus Live-Situationen kennt. Abzüglich all der Art-Rock-Allüren spielt "Dude incredible" somit ein einziges "Sack auf, alle(s) rein und ordentlich draufgehauen". Eine weitere Kerbe im Kolben, beziehungsweise ein feistes Loch in der Rock-Zirkus-Wand. Dabei wollen sie doch nur spielen. Und tun dafür alles.

(Tobias Hinrichs)

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Highlights

  • Dude incredible
  • Riding bikes
  • All the surveyors
  • Surveyor

Tracklist

  1. Dude incredible
  2. Compliant
  3. You came in me
  4. Riding bikes
  5. All the surveyors
  6. The people's microphone
  7. Gary
  8. Mayor / Surveyor
  9. Surveyor

Gesamtspielzeit: 32:41 min.

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(Neueste fünf Beiträge)
User Beitrag
Musik als Spießrutenlauf
2015-12-21 20:07:34 Uhr
Shellac und ihr brutalstmöglicher Rock: nach wie vor faszinierend. Bei diesem Sound kommen einem die unglaublichsten Assoziationen. Der Sound und die Produktion sind so messerscharf, dass man Angst hat, sich beim Hören daran zu verletzen. Songs, die nicht fließen, sondern die gegen ihren Willen mit schierer Gewalt auf einem Schleifpapier entlanggezogen werden. Z. B. der Taktwechsel bei "The Peoples Microphone": Der Track wechselt nicht einfach mal den Takt, weil er lustig ist, sondern wird mit extremer Gewalt in ein neues, natürlich extrem unbequemes Korsett hineingezwungen und wehrt sich gleichzeitig mit allen Mitteln dagegen. Es ist entstellter, verstümmelter Rock. Schimären, die gegen ihren Willen gebändigt und gezwungen werden, zu erklingen. Ein einziger Kampf. Und der größte Gag daran ist, dass sie in ihrer eigenen Welt tatsächlich eine minimalste Nuance eingängiger und zugänglicher geworden sind. Endkrass! Absolutes Alleinstellungsmerkmal, auch andere Genrevertreter klingen ziemlich anders. Und natürlich mindestens 8/10.
Aus aktuellem Anlass
2014-10-07 11:32:47 Uhr
Ich würde gerne mein erfolgreiches Songlyrics-Übersetzungs-Projekt weitertreiben. So bin auf diesen Text gestoßen, den ich hier gerne mit eurer Hilfe übersetzen würde:

This is Jordan, we do what we like
This is Jordan, we do what we like
Stay with me, my five year old
Stay with me, play hide and seek
Stay with me, my five year old
This is Jordan, we do what we like
And this will stay with you until you die
And this will stay with you until you die
And I will stay with you until you die
And this is Jordan, we do what we like
And this will stay with you until you die
And this will stay with you until you die
This will stay with you until you die
And I will stay with you until you die
Suck daddy, suck daddy, suck daddy, etc.

Anfangen würde ich mit meiner Übersetzung so:
Das ist Jordan, wir tun, was uns gefällt

Stimmt das soweit? Wie würdet ihr weitermachen und was bedeutet das alles?
vheissu1
2014-10-07 11:05:31 Uhr
Riding Bikes ist auch eines meiner Highlights. Mann, da wäre eine Tour wieder angesagt.

Herder

Postings: 1804

Registriert seit 13.06.2013

2014-10-06 20:07:11 Uhr
Oha, ein starkes Album. Ich musste mich erst ein paar Mal durchkämpfen, dann hat "Dude Incredible" aber doch gezündet.

"Riding Bikes" ist für mich momentan das Highlight. Schön vertrackter Noiserock, wie man ihn von Shellac halt kennt. Nicht was für jeden Tag aber wenn es passt, dann passt es auch.
Steve Albini = pervers?
2014-09-30 20:24:18 Uhr
Wenn man sich folgenden Tagebucheintrag von Steve Albini durchliest, fällt es schwer, seine Musik noch zu genießen. Boykottieren?

Jaded as I am, I can't help but flip seeing a girl and guy of twelve or thirteen, tops, ramming Martel bottles up each other's asses. These are not the Dutch equivalent of abused trailer-park kids, either. They look to be in excellent health and seem to be honestly enjoying this. Makes all the conventional arguments against this kind of thing seem really silly. They're kids. Kids like to play with their own and other people's privates. They're just being photographed at it. Now, people who get a voyeuristic charge out of watching them, like me, I guess, well, we've got some grip-on-reality problems.
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